Bischof Stecher Gedächtnisverein

Stecher-Advent 2016: Tirol bei Nacht

„Tirol bei Nacht an einem Winterabend heißt Dunkel und Kälte, Versagen und Desinteresse, Probleme und Abgründe in und um uns. Es gibt aber auch das andere Phänomen: das immer wieder beginnende Erwachen der Liebe in den Herzen, das Aufbrechen des Guten, des Helfens und der Glaubenskraft in unserem Land. Wer will am Abend die Lichter zählen, die ein Stück Welt und Heimat hell machen?“ fragt Bischof Reinhold Stecher in einem Artikel, den er vor 35 Jahren in der Tiroler Tageszeitung veröffentlicht hat.

Tirol bei Nacht

Der Titel könnte trügen. Es handelt sich hier nicht um einen Streifzug durch die Angebote der Unterhaltung und des Amüsements in unserem Land. Es gibt ein wesentlich atemberaubenderes „Tirol bei Nacht": Wer an einem Winterabend vom Berg ins Inntal hinunterschaut, lange nach dem letzten Lift, und das Finsterwerden erlebt, wie die Dunkelheit aus den Wäldern kriecht, und die Lichter im Tal auf-kommen, die stillen und die bewegten, bis der ganze Diamantensplitterteppich ausgebreitet ist - wer das erlebt, muss kein versponnener Mensch sein, um beim Anblick dieses „Tirol bei Nacht" ins Sinnen zu geraten. Es kann recht gut der Anlass für eine weihnachtliche Nachdenkstunde des Seelsorgers sein. Er kann „Tirol bei Nacht" keineswegs nur als schönes Wintermärchen sehen, das seine sänftigenden Zauber über das Dasein breitet. Da gibt es doch harte Dunkelheiten, die aus den Winkeln und Abgründen des Menschlichen quellen.

Die Liebe hat Kurzschluss

Ein neunjähriges Mädchen hat mir in einem Brief geschrieben: „Meine Eltern wollen sich scheiden lassen. Ich habe sehr viel geweint. Aber vielleicht bringe ich sie doch noch einmal zusammen…" Sie wird sie, wie mir der Rechtsanwalt sagt, nicht mehr zusammenbringen. In vielen, allzu vielen Wohnungen und Häusern unseres Landes geht das Licht aus. Die Liebe hat Kurzschluss. Die Sicherungen brennen durch. Und unsere Gesellschaft bastelt unentwegt an immer schwächeren Sicherungen für die Lampe der Liebe in Ehe und Familie. Und so wird es dunkel, am dunkelsten für die Kinder. Und da ist der Fixer, der sich im Altstadtwinkel (gar nicht weit von der Stadtkrippe} das weiße Pulver einhandelt. Und dann döst er auf der Bank vor der Fassade des Domes, und die ganze Scheinwerfer bestrahlte barocke Schönheit ragt hilflos über diesem Elend zum Himmel empor… Die Verdüsterung der Seelenlandschaft in jungen Menschen ist eine beklemmende Dunkelheit der Gegenwart. Mir kommt auch die alte Frau in den Sinn, die im Heim ihren Stuhl immer wieder ins Stiegenhaus rückt, und dort sitzt und die Treppe hinunterschaut und auf den Besuch wartet, der nie kommt. Auch mit der Vereinsamung fällt ein Stück Nacht ein, und ihr Frösteln zieht durch Wohnblöcke und Mietshäuser und schleicht um Anstaltsbetten. Es gibt noch viele Dunkelheiten in unseren Tälern, Versagen und Desinteresse, bis zu jenem kältesten Dunkel der Habgier, die bei der Miete für die feuchte Gastarbeiterwohnung den großen Schnitt macht.

Lichter des Helfens und Schenkens

Aber damit ist „Tirol bei Nacht" nicht abgetan. Neben den nächtlichen Schatten zeigt sich auch das faszinierende Spiel der Lichter. Ich fühle mich keineswegs als Optimist vom Dienst, aber in diesem Jahr habe ich zu oft erfahren, dass es den Diamantensplitterteppich des Guten in unserem Lande gibt. Das sind die vielen freundlichen Lichter des Helfens, Schenkens und Betreuens: der junge Mann, der mit dem Rotkreuzwagen unterwegs ist; die Schülerin, die den Sonntagsdienst im Krankenhaus macht; die Jungscharführer, die sich um viele tausende Kinder mühen; die Pfadfinder, die Behinderte an ihr Lagerfeuer holen; die Sternsinger, die bei Nässe und Kälte für andere unterwegs sind; die Betreuer der Altenstuben, die auch keine Überstunden verrechnen; die Hauskrankenschwester, die ihre Runde treppauf, treppab macht; die fleißigen Hände, die sich für die vielen Basare rühren. Es gibt hierzulande ungenannt sein wollende Großmut, von der nur wenige wissen, und die da und dort ein Helfen ermöglichen, für das sonst keine Mittel vorhanden wären. Und es gibt eine redliche Offenheit von Verantwortungsträgern, Gutes zu tun und Positives zu unterstützen. Einige junge Menschen besteuern sich freiwillig für die dritte Welt, und Schulklassen beschließen, im Altersheim zu musizieren. Da ist ein Unternehmer, der immer wieder Strafentlassene anstellt und damit eine Chance für einen Neuanfang bietet, und dort müht sich jemand, beim schwierigen Weg aus dem Rauschgift die Hand zur Hilfe zu bieten. Und wie die Autobahnen im nächtlichen Tirol zu Straßen des Lichts in Richtung Grenze werden, so gibt es auch helle Straßen der Hilfsbereitschaft in die Ferne: Lastzüge für Hungernde, Fertigteilhäuser für Erdbebenopfer, Tiefbrunnen für Durstige.

Das Erwachen der Liebe

Neben diesem dynamischen und bewegten Funkeln und Leuchten grüßen auch die stillen Lichter, die einfach scheinen und ein Stück Welt und Heimat hell machen: das junge Paar, das mitten In einer veräußerlichten Welt ein echtes familiäres Leben und ein gutes Heim für seine Kinder aufbaut; der Schwerkranke der mit seiner Lage zurechtkommt und nach dessen Besuch man sich betroffen fragt, wer nun eigentlich wen getröstet hat; die jungen Menschen auf der Nachtwallfahrt, und die stillen Beter in winterdunklen Kirchen, Wächter des Mysteriums in einem Meer der Oberflächlichkeit; und nicht zuletzt der alte Priester, der im Bergdorf immer noch bei den Seinen aushält, im alten Widum, umgeben mit dem „Komfort" von anno dazumal - sozusagen ein tröstlicher Lichtpunkt Im Abseits über dem lauten Tal. Aber Ich kann mich in die Einzelheiten nicht verlieren. Wer will in unserem Land am Abend die Lichter zählen? „Tirol bei Nacht" heißt Dunkel und Kälte, Probleme und Abgründe in und um uns - das ist nicht zu leugnen. Aber es gibt eben auch dieses andere Phänomen: das immer wieder beginnende Erwachen der Liebe in den Herzen, das Aufbrechen des Guten, des Helfens und der Glaubenskraft in unserem Land. Wenn‘s auch im einzelnen nur kleine Punkte sind - sie wachsen doch zu einer hunderttausend Sterne zählenden Milchstraße zusammen, die durch die Nacht der Zeit zieht. Und dieser Tanz der Lichter, dieser strahlende Strom hat seinen geheimnisvollen Ursprung in jener Nacht von Bethlehem, in der das Kind geboren wurde, das von sich sagen konnte: Ich bin das Licht der Welt. Bischof Reinhold Stecher in der Tiroler Tageszeitung vom 24.12.1981, nachzulesen auch im Buch „Die leisen Seiten der Weihnacht“, Tyrolia-Verlag.

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