Bischof Stecher Gedächtnisverein

Friede aus der Tiefe

1994

Um Weihnachten vom Frieden zu reden, ist gar nicht so leicht. Zwar ist auf den Fluren von Bethlehem das große Stichwort gefallen, der wunderbare Gesang von der Ehre Gottes in der Höhe und dem Frieden für die Menschen auf Erden. Und daher liegt man mit dem Thema grundsätzlich richtig. Aber nun zieht eben Jahr für Jahr diese sanfte Woge von Frieden über die Welt, sie tränkt alle Botschaften und Predigten, schwappt über alle Rednerpulte und Glückwunschbillette, schwingt durch alle Frequenzen des Radios, ist in allen Fernsehstationen zu Gast. Die Friedenswoge geht über verbrannte bosnische Dörfer und Massengräber in Ruanda hinweg – offenkundig ohne veränderte Spuren zu hinterlassen, sie plätschert in unverbindlicher, seichter Weise an alle Ufer der Gesellschaft, verebbt unter Gläserklirren und Trinksprüchen, und bis das schöne Wort von Frieden hier in meinem Zeitungsartikel landet, ist es müde, blass, verbraucht und manchmal missbraucht, und damit unansehnlich geworden.

 

Eine Ahnung vom großen Schalom

Nein, es ist gar nicht so leicht, um Weihnachten vom Frieden zu reden. Die weltpolitische Begleitmusik ist immer wieder von krassen Misstönen gezeichnet, und so hängt an diesem Wort eine Dauerfrustration. Und man kommt leicht in Verdacht, mit dem geläufigen Hinweis auf den Frieden eine weihnachtliche Pflichtübung zu absolvieren, sozusagen als geistlicher Adabei im großen Friedenspalaver. Wie soll man bloß wieder eine Ahnung von dem großen Schalom wecken, dem Frieden, der sich da – um in der ergreifenden Sprache des alten Orients zu bleiben – „vom Himmel schwang, als die Nacht in der Mitte hielt ihre Bahn“?

Das Wort „Friede“ hat viele Facetten wie ein Kristall, und jede hat ihre Bedeutung. Da denkt man zunächst verständlicherweise an den politischen Frieden. Sein Gegensatz ist der Krieg, und das einzige, was man von diesem als alter Veteran den Generationen weitergeben möchte, die ihn Gott sei Dank nicht erlebt haben, ist das eine, dass er furchtbar ist. Für einen alten Soldaten kann’s nichts Schöneres geben als verrostete Kanonen, verschrottete Raketen und eingemottete Kriegsschiffe. Aber ich weiß, dass die Erhaltung des Friedens alles andere als einfach ist. Und darum bin ich allen dankbar, die sich in der Weltpolitik redlich darum bemühen.

 

Man kann Konflikte nicht abschaffen

Man kann ja Konflikte nicht so einfach abschaffen, es geht ja immer (nur) um ein zähes Vermindern von Gewalt, Not, Unfreiheit, lügnerischer Propaganda, Angst, Schuld (sonst hat die Vergeltung kein Ende), Unrecht und unkontrollierter Macht und all den vielen Faktoren, die immer wieder Spannungen anheizen, bis zur Gluthitze und zur Explosion. Wahrung und Erlangung von Frieden ist ein Monsterprogramm, und ich danke Gott, dass unsere Heimat Politiker hat, die dieses schwierige Geschäft mit redlichem Engagement in der Welt betreiben. Sie rangieren in den weihnachtlichen Fürbitten ganz vorne.

Und dann geht es um den sozialen Frieden. Neulich hat ein ausländischer Journalist geschrieben, wir seien in Österreich darin fast in Weltmeisterverdacht. Tatsächlich zählt man auch heuer pro Jahr nur Streiksekunden. Und alles Jammern über unbefriedigende Kompromisse kann das Staunen über das höchst befriedigende Endergebnis in diesem halben Jahrhundert österreichischer Sozialgeschichte nicht verdunkeln. Aber ich weiß nicht, ob wir bei dieser Olympiade des sozialen Friedens auch in Zukunft auf dem Stockerl stehen werden, wenn man daran geht, denen, die sowieso an der Grenze gelebt haben (wie z.B. den kinderreichen Familien), die Tore im Einkommensslalom so eng zu stecken, dass keiner mehr durchkommt. Darum gehört auch der soziale Friede in unserer Heimat zu den Anliegen, die auf dem Wunschzettel des Heiligen Abends und im Gedenken der Mitternachtsmette stehen – und zwar mit dem Vermerk „dringend“ und dem Ansuchen um eine himmlische Sonderdosis von Einsicht und Weitblick für alle Verantwortlichen, die es ja zugegebenermaßen nicht leicht haben, weil der Slalom wirklich neu gesteckt werden muss.

Immer wieder taucht in den Friedensträumen der utopische Friede auf. Die Heilige Schrift scheint ihn auch zu kennen, wenn z.B. der Prophet Jesaja in den Lesungen des Advents schreibt, dass „der Wolf beim Lamm und Panther beim Böcklein lagert, und Kalb und Löwe gemeinsam weiden, und der Säugling sorglos am Schlupfloch der Schlange spielen kann“. Aber diese Bilder verraten ja, dass er damit nicht von diesem Äon spricht, in dem wir leben, sondern von jener Vollendung der Dinge, in der das Böse endgültig besiegt sein wird. Die Friedensutopie, auf unsere reale Welt von heute angewandt, ist sicher eine liebenswerte Träumerei, aber sie kann auch gefährlich und kontraproduktiv werden.

Die absolute Gewaltlosigkeit, die uns als Christen in Fragen des Gottesreiches auferlegt ist (Petrus hat diesbezüglich bei seiner Fechteinlage am Ölberg eine eindeutige Weisung erhalten), kann keine Allgemeinregel gegenüber dem Gemeinwohl sein. Und so kann ich dieses Rezept der Gewaltlosigkeit weder dem nächsten Polizeirevier noch einer verantwortungsbewussten Völkergemeinschaft weitergeben, die nun einmal wehrlose Menschen gegen Gewalttätige schützen muss, aber wenn auch durch Friedensbewegungen manchmal ein Hauch von Utopie weht, so haben sie doch eine große Aufgabe, die unsere Dankbarkeit verdient. Es muss auch und vor allem Gesinnungsfrieden gehen. Und die sich um ihn bemühen, leisten Wurzelarbeit.

Es geht dabei um das Aufspüren und Sich-Auseinandersetzen mit den verborgenen Aggressionen, die in uns lauern und immer wieder ins Kraut schießen, um den Umgang mit Vorurteilen und Fremdenängsten, um den Abbau von Hassobjekten und Sündenbockmodellen und die Entlarvung der billigen Schlagworte, mit denen wir Freund und Feind einteilen. Es geht auch darum, gegenüber allen, die mit der Züchtung von Aggressionen in Video, Kinderspielzeug und Fernsehproduktionen das große Geld machen, eine heilige Geschäftsstörung zu betreiben, indem man alle gesetzlichen Mittel gegen diese Brutaldrogenköche in Anwendung bringt. Sie liefern vor allem dem labilen Menschen ja immer wieder die Modelle des Handelns.

 

Friedensgesinnung ist nicht utopisch

Die Arbeit um Friedensgesinnung ist nicht utopisch, aber mühevoll. Natürlich kann und soll man die menschliche Aggression nicht ausrotten, aber man müsste versuchen, sie klein zu halten, so ähnlich wie die Bonsaibäume, bei denen es der Gartenkunst gelingt, hohe Gewächse auf Zimmerpflanzenformat zu reduzieren. Allen, die in der Gesellschaft um diese Gesinnung bemüht sind, sei gesagt, dass das Evangelium diese Arbeit hochdekoriert: Sie rangiert bei den Seligpreisungen: „Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden…“ Und nun bleibt noch der Frieden aus der Tiefe. Und dafür möchte ich zunächst einen Mann zitieren, der weder ein Christ noch ein Prophet des Alten Bundes war, auf den aber offenkundig doch das Licht der Heiligen Nacht fällt, auch wenn er noch nicht vor der Krippe kniet. Es handelt sich um einen Oglala-Sioux-Indianer namens „Schwarzer Hirsch“, der 1863 geboren wurde und das folgende wunderbare Wort über Frieden aus der Tiefe hinterlassen hat: „Der erste Friede, der wichtigste, ist jener, der in die Seelen der Menschen einzieht, wenn sie ihre Verwandtschaft, ihr Einssein mit dem Weltall und allen seinen Mächten gewahren und innewerden, daß Wakan Taka, der große Geist, im Mittelpunkt des Weltalls wohnt und diese Mitte tatsächlich überall ist. Sie ist in jedem von uns. Dies ist der wirkliche Friede, und die anderen sind lediglich Spiegelungen von ihm.“

 

Der Herr ist der Schalom

Das rückt ganz nahe an den großen Schalom von Bethlehem. Dort, bei den Hirten auf dem Felde, treffen wir auf einen Frieden, der nicht nur ein Ausdruck unseres mühsamen Sehnens ist, sondern aus der unfassbaren Barmherzigkeit Gottes entspringt und alles Begreifen übersteigt. Dieser Friede aus der Tiefe macht den politischen, den sozialen, den Gesinnungsfrieden und alle anderen Formen des Friedenswillens keineswegs unnütz, sondern er gibt allem die unendliche Dimension. Das ist der Friede, der die tiefste Schicht des Herzens trifft, und vor diesem Frieden müssen sich einmal sogar die apokalyptischen Reiter des Schreckens beugen.

Denn der Herr selbst ist der Schalom der Heiligen Nacht. Und diesen Schalom möchte ich allen Lesern wünschen.

 

Bischof Reinhold Stecher in der Tiroler Tageszeitung, Weihnachten 1994

 

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