Bischof Stecher Gedächtnisverein

Kinderlieder zur Weihnacht

1992

Lachen Sie bitte nicht. Eben habe ich zwei kleinen Mädchen aus dem Kindergarten zugehört, die unbekümmert auf der Straße in ein weihnachtliches Schaufenster hinein das alte Liedchen gesungen haben: „Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all…“ Ich war auf dem Weg zu irgendeiner äußerst wichtigen Konferenz, und ich war mit der Zeit im Verzug. Und ich bin trotzdem stehengeblieben und habe den beiden Sängerinnen zugehört.

Es ist etwas Merkwürdiges um ein Weihnachtskinderlied. Mit 15 hat man es für hoffnungslos kindisch gehalten, mit 20 für kitschig, mit 30 und inzwischen gestiegenem Bildungsniveau für außerordentlich dürftig in der theologischen Aussage, mit 40 für sentimental, aber immerhin für kindergemäß, und mit 70 bleibt man also stehen, weil zwei Knirpse es mit plattgedrückten Nasen bei einer Fensterscheibe hineinsingen, und man vergisst ganz darauf, dass man anschließend als Bischof, Doktor der Theologie und Vorsitzender der verschiedensten Gremien und Initiativen ja Wichtigeres und Bedeutenderes zu tun hätte. Aber man steht und horcht, weil da im Strom der Geschäftsstraße plötzlich etwas auftaucht, was in einem Seelenwinkel von tausend Dingen zugedeckt verborgen lag und eine Ergriffenheit in Erinnerung ruft, zu der man später nicht mehr so leicht fähig war.

 

Das vertraute Kinderlied

Plötzlich sehe ich mich nämlich als Siebenjähriger, zusammen mit meinem kleinen Bruder, an den großen Glasfenstern des Balkons unseres Heimathauses in den Tagen vor Weihnachten, und wir singen das gleiche Lied. Und gleichzeitig schauen wir in die fallenden Schneeflocken hinaus. Wir entdecken ein neues Spiel, eine wunderbare Illusion: Wenn man in die herunterwirbelnden Focken hineinschaut, wird der Glasbalkon auf einmal zum Ballon, der immer höher steigt. Und da das große Fest bereits in der Luft liegt und das bewusste Zimmer wegen der erregenden Vorbereitungen bereits gesperrt ist, braucht es also nichts weiter als ein kleines Lied und einen Schneeflockenblick aus dem Glasbalkonfenster, und schon macht man mit vier und sieben Jahren eine herrliche vorweihnachtliche Himmelfahrt.

Später weckt derselbe Blick andere Reaktionen. Vielleicht denkt man sich: „Das gibt eine gute Unterlage fürs Skifahren in der Zeit nach den Feiertagen“, oder etwa: „Gut, dass ich die Winterreifen drauf hab‘“, oder „Die Hoteliers und die Liftbesitzer werden sich die Hände reiben“, aber Himmelfahrten macht das Herz nicht mehr so leicht. Eine große Schriftstellerin unseres Jahrhunderts, die das Kinderherz bestens versteht, die Schwedin Astrid Lindgren, hat in ihrem wunderbaren Buch: „Mio, mein Mio“ das einmal beschrieben, wie der kleine Held der Geschichte mitten aus dem modernen Straßengetümmel in eine ganz andere und doch nicht nur phantastische Welt entführt wird, in eine Welt, die viel Heilendes verbirgt.

Ein kleines Kinderlied hat mich auch entführt. Aus wie viel echtem Silber müssen doch manche Glocken in einer Kinderseele gegossen sein, dass sich nach so vielen Jahrzehnten auf einmal wieder anschlagen können? Und was für Schätze geben Eltern mit, die ihren Kindern eine Kindheit mit Herz schenken! Sie schaffen eine Welt des Vertrauten und Gültigen und geben einem Reichtum des Fühlens und Empfindens, der später durch kein Bankkonto, keine Position und keine Karriere aufgewogen werden kann.

 

Das verlorene Kinderlied

Ich glaube, dass dieses „Ambiente“, diese Einbettung für ein Weihnachtskinderlied entscheidend ist. Es muss jemand dagewesen sein, der es mit uns gesummt hat, der uns auf den Knien geschaukelt oder zu einer Krippe emporgehoben hat. Nachdem ich viele dutzend Klassen kleiner Kinder unterrichtet habe, lasse ich es mir nicht nehmen: Kinder haben eine Antenne für das Heilige. Das Märchen von den sieben Zwergen und die Weihnachtsgeschichte ist für Kinder nicht dasselbe. Und wenn die Dimension des Heiligen tatsächlich verschwindet, weil sie durch eine bestürzende Plattheit der Erwachsenenwelt verschüttet wird, ist das tragisch. Dann können noch so viele Lautsprecher weihnachtliche Weisen in irgendwelchen Verkaufshallen plärren – das Kinderweihnachtslied ist verloren.

Manchmal freut man sich wirklich, wenn man von der Wissenschaft her Bestätigungen für das erfährt, was man unausgesprochen immer gefühlt hat: Der dänische Religionspsychologe Ijsager hat einmal durch empirische Untersuchungen festgestellt, dass in der areligiösen Familie die großen Feste sterben. Tischdekorationen, Gabenberge und einschlägige Fernsehsendungen genügen nicht, Feste brauchen Tiefe. Mit dem Glauben verliert man das sinnstiftende Geheimnis, mit dem Geheimnis das Fest. Und so wird die duftenden Tanne zum Plastikchristbaum.

Weihnachten aber verlangt, dass wir zum Wesen aller Dinge aufbrechen, und wenn wir die Sinntiefe beiseite lassen, dann bedeutet ein Weihnachtskinderlid auch nicht mehr als irgendein Ringelreihengesang. Das entleerte und verlorene Weihnachtskinderlied müsste uns oberflächlich-abgelenkt in die Feiertage Hineinhastenden zu denken geben. Aber an diesem Heiligen Abend 1992 bedrückt mich noch etwas anderes:

 

Das verstummte Kinderlied

In den Kellern Sarajevos sind die Kinderlieder heute längst verstummt. Und in den kalten Winkeln zerschossener Häuser genauso wie im Pferch der zahlreichen Flüchtlingslager. Die verstummten Kinderlieder sind noch beklemmender als die jaulenden Granaten. (Manchmal kommt mir der Gedanke – wenn alle diese verantwortlichen, brutalen Machtpolitiker und Blutgeneräle nur eine Ewigkeit lang mit dem Kinderweinen konfrontiert würden, das sie verursacht haben, dann hätten sie Hölle genug…) Natürlich kommen vielleicht manchen Menschen (hoffentlich in unserem Lande nicht vielen) verstummte Kinderlieder zurecht. Könnte man sie hören, dann fiele es wahrscheinlich schwerer, gegen Flüchtlinge und Fremde Emotionen hochzupeitschen, Kinderstimmen stören die Steuerung solcher Bewusstseinsprozesse. Jeder Hass dieses Jahrhunderts hat mit dem Abschalten von Gefühlen der Anteilnahme, des Verstehens und des Mitleids begonnen. Und darum möchte ich auf dieser Heiligabend-Titelseite den verstummten Kinderliedern Gehör verschaffen und dazu einladen, dass wir die sensibleren Antennen des Herzens ausfahren, damit wir auch das hören, was leider stumm gemacht wurde.

 

Das bewegende Kinderlied

Ich hab’s in einem eben erschienenen Liederbuch zur Weihnacht gefunden. Es ist nicht ganz so idyllisch, wie unsere Weihnachtskinderlieder im Glasbalkon waren, bei den fallenden Flocken. Es ist ein Weihnachtslied von einer Bethlehemszene von heute und stammt aus Nicaragua. „Denk zum Beispiel an den kleinen Pedro, der sonst deine Schuhe sauber macht, der jetzt frierend auf den Kirchstufen neben seiner kleinen Schwester wacht.“ Es ist ein ganz anderer Typ von Kinderweihnachtslied, als es die beiden kleinen Mädchen ins leuchtende Schaufenster gesungen haben. Aber eigentlich sollte auch dieses Lied unsere hastenden Schritte anhalten, wie es mir in der lauten Geschäftsstraße ging. Wenn wir nämlich auf diesen Text schauen und darüber nachdenken, dann könnte es sein, dass wir auf einmal wie aus weiter Ferne eine Kinderstimme hören, die dieses Lied mitsingt. Diese leise Stimme kommt aus der Krippe von Bethlehem. Alle Weihnachtslieder der Welt wurden für dieses Kind ersonnen und komponiert. Aber bei dieser Strophe für den kleinen Pedro würde das Christkind selbst mitsingen, der Herr der Welt, der menschgewordene Gott, das ewige Wort – weil es ihm in dieser Heiligen Nacht ja um diese Hinwendung zum verlassenen Menschen gegangen ist.

 

Bischof Reinhold Stecher in der Tiroler Tageszeitung, Weihnachten 1992

 

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