Bischof Stecher Gedächtnisverein

Echo der Dankbarkeit

1991

Unter den alten Weihnachtsliedern findet man sogenannte „Echolieder“. In ihnen sind widerhallende Klänge eingebaut, und manchmal steht in den alten Gesangsbüchern sogar:

„Lied, an vier Orten in der Kirche zu singen…“ Einmal habe ich in einem gotischen Dom ein solches Weihnachtslied gehört, vom Anfang und Ende des Längs- und Querschiffes her, und das Echo ist durch die hohen Gewölbe gewandert, und man musste dabei besinnlich werden, ob man es wollte oder nicht. Die weihnachtliche Zeit wäre an sich die Zeit des leisen Echos, sei es beim Adventsingen, sei es beim Turmblasen oder bei den Glocken, deren Klang sich um Mitternacht über die Wälder hinaufschwingt.

Um das Echo geht es mir. Aber nicht um das musikalische, das ästhetisch-süße. Ich möchte das Echo beschwören, das unser Herz braucht. Es geht um eine Haltung, die von ihrem ureigensten Wesen her eigentlich ein Widerhall ist. Ich meine das Echo der Dankbarkeit.

 

Die schlechte Akustik

Im Gegensatz zum weihnachtlichen Echolied im hohen Dom findet die Dankbarkeit in unserer Gesellschaft und in unserem Lebensstil eine ungünstige Akustik vor. Dafür sorgt schon das ständige lärmende Angebot einer für tausend Dinge werbenden Welt. Ganze Heere von Fachleuten sind Tag und Nacht damit beschäftigt als Motoren der Wirtschaft Bilder und Parolen zu verbreiten, die Wünsche wecken und die uns einreden, dass uns etwas fehlt. Von allen Seiten schreit und flüstert es, plump oder raffiniert: „ Das musst du auch noch haben, andere haben es auch, du bist doch nicht von gestern… Und die betörendsten Melodien, in allen Tonarten von kreischenden bis weihevoll, verheißen und das große Glück bei diesem Einkaufskatalog und jenem Parfüm, dieser Automarke und jener Biersorte. In der lärmenden Atmosphäre des großen Marktes dieser Welt wird dafür gesorgt, dass die Wünsche und Bedürfnisse so tanzen, wie andere pfeifen. Auf diesem Ball des tausendfachen Begehrens bleibt die Dankbarkeit natürlich ein Mauerblümchen, das nicht zum Reigen gebeten wird. Das verhindert einfach die Gesamtatmosphäre der Unruhe und Unzufriedenheit, des Nochnichthabens und des ständigen Ausschauhaltens nach dem „Mehr“. Die alten Griechen hatten dafür einen eigenen Ausdruck, die „Pleonexie“, was man am besten mit „Sucht nach dem Mehr“ übersetzen könnte. Nach dem Gesetz dieses neurotischen Verhältnisses zum Haben muss immer alles steigen: Einkommen, Standard, Aufwand, Luxus, Umsatz, Ausstattung, Raffinement. Dieser Hexensabbat begnügt sich nicht mit einfachen Freuden. Je höher der Wohlstand, umso hektischer werden die Ballette der Pleonexie… (Da ist es geradezu wohltuend, wenn man sieht, wie die Leute beim Christkindlmarkt um Krautküchel Schlange stehen. Ein Hoch den einfachen Genüssen!“)

Aber es ist nicht nur der äußere Stil des modernen Lebens, der es der Dankbarkeit schwermacht. Sie hat es auch von den Hintergründen unserer Seele her sehr oft nicht leicht. In der Dankbarkeit müsste die Seele doch etwas widerspiegeln. Wie kann sie das, wenn der Spiegel zerbrochen ist? Ein eben erschienenes tiefenpsychologisches Buch erinnert daran, dass bei einem Menschen, dem ein gesundes Selbstwertgefühl fehlt, Dankbarkeit nicht so recht aufkommen kann. Wir wissen, dass es erzieherische Methoden und Verhaltensweisen gibt, die das Selbstwertgefühl eines Menschen kaputtmachen. Da darf man sich dann nicht wundern, wenn keine Dankbarkeit aufblitzt: Der Spiegel der Seele ist beschädigt.

 

Die Tugend des nachdenklichen Menschen

Dankbarkeit setzt ein Innehalten voraus. Diese Tugend ist nämlich schlecht bei Fuß. Sie kommt bei unserem ausgeflippten Lebenstempo nicht mit. Erst wenn wir uns auf eine Bank setzen und ruhig werden und auf das hektische Dasein einmal so gelassen und distanziert hinunterschauen wie durch das Mittelfenster der Kapelle der Europabrücke auf den brausenden Verkehr, erst dann, wenn alles etwas zurücktritt und wir zu einem ruhigeren Rhythmus unseres Herzens kommen, dann kann es sein, dass auf einmal die Dankbarkeit neben uns auf der Bank sitzt, wie eine stille, vornehme Frau mit einer großen, verwandelten Ausstrahlung. Denn für den nachdenklichen Menschen zeigen Dinge, Ereignisse, Begegnungen und Erinnerungen plötzlich eine neue, bislang vergessene Seite. Es ist fast so ähnlich, wie wenn über eine Landschaft ein zauberhafter Lichteinfall kommt, weil die Sonne durchbricht.

 

Dasein als Geschenk

Wenn in den nächsten Tagen die Müllabfuhr ganze Berge von Geschenkpapieren, Maschen, Gold- und Silberbändern, Schleifen und Billetten auf die Deponien führt, ist das eigentlich Anlass zu einer gewissen Betroffenheit. Wie bei den Weihnachtsgeschenken demontieren wir sehr oft bei vielem in unserem Leben das Dekor des Geschenkes. So wie Bücher, Bilder, Spielzeug, Krawatten und Fotoapparate, so registrieren wir auch Gesundheit, Arbeitsplatz, Beruf, glückliche Partnerschaft, fröhliche Kinder, Konzertklänge und entspannendes Hobby gleich einmal als Selbstverständlichkeiten und entfernen die Masche des Geschenks aus dem Bewusstsein. Aber auf der Bank der Nachdenklichkeit wird es anders. Da greift auf einmal die Dankbarkeit still unsere Hand. Übrigens – genau genommen wären Feiertage und Sonntage, wie sie vor uns liegen, eigentlich einladende Bänke der Nachdenklichkeit, die uns der himmlische Verschönerungsverein in regelmäßigen Abständen an den Wanderweg des Lebens stellt…

 

Das große Echolied

Die Dankbarkeit hat immer das Bedürfnis, uns einem Du vorzustellen. Man kann nämlich nur einem Du danken. Ich kann doch beim besten Willen nicht zu einer Abstraktion „danke“ sagen – zu einer Natur, einer Materie, einem Zufall oder einem Irgendwas. Und deshalb hat die Dankbarkeit vom Prinzip her eine Neigung zur Frömmigkeit. Sie mündet wie von selbst in die Religiosität, in das Gebet. Und übrigens in eine sehr tiefe und edle Form von Religiosität.

Das erste Weihnachtslied, das aus Menschenmund erklang, war ein Echolied der Dankbarkeit. Das Lied eines alten Mannes, der das göttliche Kind in seinen Armen hielt und aus dessen Herz ein wunderbarer Gesang strömte, den wir wahrscheinlich nur deshalb nicht als Weihnachtslied registrieren, weil ihn die Kirche seit tausend Jahren jeden Tag als Abendgebet verwendet. Es ist der Gesang des greisen Simeon: „Nun lässt Du, Herr, Deinen Diener in Frieden scheiden, denn meine Augen haben Dein Heil geschaut…“

Ich möchte Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, von Herzen wünschen, dass bei Ihnen auf der Ruhebank der Feiertage auch diese Melodie der Dankbarkeit aufsteigt, mit dem Blick auf dieses Kind von Bethlehem und auf vieles in Ihrem ganzen Leben…

 

Bischof Reinhold Stecher in der Tiroler Tageszeitung, Weihnachten 1991

 

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