Bischof Stecher Gedächtnisverein

Der Duft der Weihnacht

1990

„Mutti, Weihnachten kann man riechen“, sagte das kleine Mädchen… An dem Kinderwort, das ich gehört habe, ist etwas dran. Kindernasen sind etwas feinfühliger als unsere abgestumpften zivilisationsgeschädigten Erwachsenenriechorgane – aber wir werden uns alle erinnern, dass Düfte, die durchs Haus gezogen sind, einen ausgesprochenen festlichen und aufregenden Charakter hatten. Ein paar Kerzen, einige Tannenzweige im Ofen, der Geruch von frischgebackenen Keksen – das alles ergab ein Bouquet, das die teuersten französischen Parfums ausgestochen hat.

 

Der faszinierende Duft

Weihnachten kann man riechen. Beim Gang durch die Altstadt, wo gerade der Christkindlmarkt seine Buden aufgeschlagen hat, muss ich nur ein paar Augenblicke die Augen zumachen, dann fällt mir die weltberühmte blinde Amerikanerin Helen Keller ein, die einmal vor einem Menschenalter geschrieben hat, die Gerüche unter den Lauben der Innsbrucker Altstadt hätten sie so fasziniert, dass sie sie in ihrer unvergesslichen Einmaligkeit immer wieder wiedererkennen würde…

Weihnachten kann man riechen. In der heiligen Schrift und den uralten Riten der Kirche ist auch der Duft zu seinem Recht gekommen, und Weihnachten hat diesen Duft besonders populär gemacht. Um Weihnachten streicht er nicht nur um die Altäre, da wagt er sich auch in die Häuser und Wohnungen, und zwar nicht nur auf Berghöfen, wo man seit jeher alte Bräuche pflegt und in den drei heiligen Nächten, am Heiligen Abend, um Silvester und vor Dreikönig die Schaufel mit der Glut schwenkt, sondern auch in jungen Familien und im städtischen Milieu, wo man sich im Zuge einer neuen Familienkultur zur Freude der Kinder das kleine Räucherwerkzeug eingetan hat. Schließlich tun’s auch ein paar Weihrauchkörner auf einer heißen Platte, um die Feststellung des kleinen Mädchens wahrzumachen: Weihnachten kann man riechen. Wenn wir über solche Scherze vielleicht achselzuckend hinweggehen, müssen wir doch anerkennen, dass Kinder ein Gespür für urtümliche Symbole haben, auch für solche, die durch die Nase ziehen.

 

Ein bedenklicher Duft

Natürlich gibt es gegenüber Weihrauch auch Vorbehalte. Nicht nur den, dass ihn nicht jeder verträgt. Bei manchem löst Weihrauch etwas negative Assoziationen aus, für die der Weihrauch nichts dafür kann. So mancher wittert hinter dem süßlichen Duft sogar den Ausdruck einer Religiosität, mit der er nicht viel anfangen kann, möglicherweise sogar im Sinne des Spruches: Religion sei „Opium für das Volk“, wenn man es ideologisch formulieren will. Oder man empfindet die betäubenden Schwaden doch als ein Symbol für ein übertriebenes Würdegehabe. Da ist was dran. Mein höchst origineller, aber grundvernünftiger Pfarrer Dominikus Dietrich von Wilten, hat mich nach der Primiz ein wenig beiseite genommen, um mir eine Lebensregel zuzuflüstern: „Reinhold, einen guten Rat will ich dir geben – mach beim Weihrauch keinen Brustzug, das verdirbt den Charakter…!“ – Er hat diesen Weihrauchvorbehalt ganz richtig gespürt, weil er ein Kirchenmann mit großer Erfahrung war, und ich stehe auch nicht an zuzugeben, dass in den höheren Etagen der Kirche manchmal zu viel inhaliert wurde…

 

Der heilige Duft

Aber dem Weihrauch geschieht mit Missbräuchen dieser Art großes Unrecht. Als er mit den Gaben der Weisen aus dem heutigen Irak nach Bethlehem zur Krippe zog, hatte er bereits einen weiten Weg durch die heiligen Räume der Menschheit hinter sich, durch die uralten Kulturen des Orients. Er hatte ägyptische Tempel und Grabkammern erfüllt und war von babylonischen Stufentürmen zum Himmel gestiegen, wurde im heiligen Zelt Israels gestreut, und er hat das Allerheiligste des Tempels von Jerusalem durchströmt. Das kostbare Harz, das auf den Karawanenwegen durch die Wüsten und Steppen Asiens herbeigeschafft wurde, war immer schon der stumme Gruß der Ehrfurcht, der aus der kleinen Welt des Menschen aufsteigt, und sich in den Bereichen des Unsagbaren, der Transzendenz, verflüchtigt.

Die Weisen, die aus dem Heidentum kamen, haben ihn mitgebracht, als jenes Symbol göttlicher Verehrung, das ihnen zur Verfügung stand. Eigentlich möchte man meinen, sie hätten ihn damit im Raum des Christlichen salonfähig gemacht. Aber ganz so einfach war es nicht. Auch vor zweitausend Jahren gab es Vorbehalte gegen Weihrauch. Die Christen hatten erlebt, dass er vor größenwahnsinnig gewordenen römischen Kaisern gestreut wurde, als Ärgernis erregendes Zeichen der vergöttlichten irdischen Macht und darum kam der Weihrauch mit einiger Verspätung in den christlichen Gottesdienst. Es war ein langer Weg bis zum Ministranten, der heute stolz das Rauchfass schwingt!

 

Zeichen der Anbetung

Aber das ist sein tiefster Sinn: Er steigt als Symbol der Ergriffenheit vor dem Ewigen empor. Seine Wolken wandern den Weg des Herzens, das vor Gott erschauert. Er ist das Rauchsignal der Anbetung. Vor Jahren hat Wolfgang Kraus das bemerkenswerte Buch mit dem Titel „Die verratene Anbetung“ geschrieben. Er hat damit ein wesentliches Defizit unserer Zeit getroffen. Diese Anbetung kommt zu kurz, bis tief hinein in die Reihen jener, die sich durchaus als gläubige und religiöse Menschen fühlen, ja bis hinein in meinen eigenen Stand, dem das doch das erste Anliegen sein müsste.

Und darum erlaube ich mir, hier auf der ersten Seite einer Tageszeitung etwas zu tun, was sicher an dieser Stelle höchst unüblich ist, nämlich das Rauchfass zu schwenken (was ich sonst ja nur bei Pontifikalämtern am Altar besorge).

Aber der Duft der Weihnacht, der heute durch unsere Lebensräume zieht, müsste uns doch daran erinnern, dass über alles humane, soziale und moralische Engagement hinaus die Anbetung der Kern echter Religiosität ist. Und wenn unsere Seelen das Knien vor dem Mysterium des erlösenden Gottes verlernt hätten, dann wäre Weihnachten wirklich nur mehr ein Ess-, Trink- und Bekomm-Ritual mit etwas Stimmung und großen Umsätzen, ein Flitter, der nicht viel bedeutet. Und darum ist es sicher richtig, wenn der Duft an diesem Abend aus dem sakralen Bereich ausbricht und in die Räume des Alltags wandert, in denen die Anbetung selten ein Gastrecht hat. Und dabei ist ohne sie das Menschsein ein Torso.

Sie haben also eine hintergründig-mahnende Bestimmung, diese kleinen Körner auf den Herdplatten und Kaminschaufeln, auf der Holzkohlenglut in den silbernen Rauchfässern der Ministranten und Sternsinger: Sie möchten eine Atmosphäre des großen Verneigens verbreiten. Und da seinerzeit die Weisen diese Geste vor dem neugeborenen König der Welt aus den Traditionen der damaligen Weltreligion gebracht haben, wäre das eigentlich ein Zeichen dafür, dass jeder zu dieser Verneigung vor dem Ewigen eingeladen ist, ganz gleich woher er kommt. Weihrauch ist das uralte Symbol einer vom Unsagbaren ergriffenen Welt.

Wenn das an diesem Abend der Abende in unsere Herzen eindränge, dann bekäme eigentlich das Wort des kleinen Mädchens eine geradezu abgrundtiefe theologische Dimension:  „Mutti, Weihnachten kann man riechen…“

 

Bischof Reinhold Stecher in der Tiroler Tageszeitung, Weihnachten 1990

 

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