Bischof Stecher Gedächtnisverein

Das Fest der Freude

1988

Diesmal war ich lange auf der Suche - nach dem weihnachtlichen Gedanken für die Titelseite. Auf dem Schreibtisch haben sich die Bücher getürmt, die Abhandlungen der Theologen, die Essays bedeutender Schriftsteller, die Bildbände der Fotokünstler, die Verse der Dichter - aber es wollte und wollte kein Funke überspringen. Vom Plattenspieler her hat die leise Musik eines Weihnachtsoratoriums ihr Bestes getan, um mich einzustimmen - aber umsonst. Wahrscheinlich blockt der Alltag mit den Briefen und Sorgen, den Problemen und dem Ärger die guten Gedanken ab. Ich bin auf den Domplatz hinuntergegangen, wo die Menschen beim Wohltätigkeitsbasar des Lionsklubs in den Ständen gewühlt haben mit einem fröhlichen Entdeckungseifer, den das exquisiteste Kaufhaus nicht herbringt. Über der Pfarrgasse sind die Lichtgirlanden gegen den grauen Dezemberhimmel gehangen und die Schaufenster haben um die Wette geblitzt und gestrahlt - aber bei mir hat sich nichts bewegt. Vielleicht ist dieses ganze weihnachtliche Drum und Dran zu früh, zu aufdringlich, zu organisiert und zu hochgezüchtet? Oder ist doch hinter all dem etwas, das ein kurzes Verweilen lohnt?

Auf einmal habe ich ihn gesehen beim Christkindlmarkt unter dem Laubenbogen: einen drolligen dreijährigen Knirps mit viel zu großen Bluejeans, wie sie bei sparsameren Familien auf längerfristiges  Hineinwachsen programmiert werden. Dem Kleinen geht offenkundig ein heißersehnter Wunsch in Erfüllung. Der Vater überreicht seinem anscheinend nicht allzu verwöhnten Sohn eine rosarote Zuckerwolke. Und das Kind strahlt den Vater mit einer solchen Seligkeit an, dass man daran nicht vorbeigehen kann. Und plötzlich weiß ich, was auf die Weihnachtstitelseite passen könnte: „Das Wort von der Freude!“

So ganz daneben kann ich mit dieser Wahl nicht liegen. Schließlich hat diese Schlagzeile ja nicht meine Wenigkeit erfunden, sondern jener Engel, der auf den Fluren von Bethlehem mit dem sensationellsten Kommuniqué der Weltgeschichte betraut war. Er hat mit den Worten begonnen: „Siehe, ich verkünde euch eine große Freude…" Ich weiß mich also mit diesem Thema in voller Übereinstimmung mit dem himmlischen Pressezentrum.

Bleiben wir also bei der Freude. Aber da die Welt unserer Empfindungen sehr vielschichtig ist, muss man doch mit einer gewissen Vorsicht an das herangehen, was uns bewegt mit den Unterscheidungen jener Psychologie, die sich dem ganzen Menschen verpflichtet weiß. Freude und Freude ist nicht dasselbe. Die Freude ist die Schwungkraft der Seele! Man darf den feinen Unterschied zum bloßen Vergnügen, zum seichten Amüsement, nicht übersehen.

Das Amüsement begnügt sich mit dem Augenblick, die Freude überstrahlt das Gestern und das Morgen. Amüsement kann man kaufen, Freude bekommt man eigentlich nur geschenkt.

Das Vergnügen hat etwas mit Befriedigung zu tun, die Freude mit dem Glück. Mit dem Amüsement lebt der Mensch „in sich hinein'", mit der Freude „über sich hinaus". Das Vergnügen vertreibt die Zeit, die Freude erfüllt sie. Wenn sich das Amüsement vom Sessel erhebt, setzt sich gleich die Langeweile drauf. Wenn die Freude geht, nimmt die Dankbarkeit den Platz ein. Das Vergnügen bietet Ablenkung, die Freude motiviert.

Wahrscheinlich könnte man noch viele Aphorismen zur Freude und ihren schwächeren Surrogaten erfinden – aber es mag genügen. Ein wenig Hineinhorchen in Lebenserfahrungen, Erinnerungen, Initiativen, Menschen und Schicksale, gelungene Wenden und geglückte Neuauflagen - und immer wieder finden wir es bestätigt: Die Freude ist tatsächlich die Schwungkraft der Seele. Die Freude umarmt die Welt! Die Freude drängt nach Mitteilung. Was uns der Alltag in tausend Spielarten lehrt, haben zwei große Geister in eine faszinierende Form gegossen: Schiller und Beethoven in der „Hymne an die Freude", dem Schlusschor der Neunten Symphonie. Vieleicht ist die Sprache jener Zeit für uns eine Spur zu pathetisch, aber in der Schlussabrechnung der Geschichte wird es trotzdem stimmen, dass strahlende Herzen und leuchtende Augen unter den Menschen mehr Gemeinsamkeit geschaffen haben als geballte Fäuste und aufgerissene Mäuler. Und darum gilt zeitlos: „Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt…“ Die ekstatische Verzauberung der Seele, wie die Freude einmal genannt wurde, ist sicher ein wirklich segensreicher, ansteckender Bazillus in der Gesellschaft. Wenn diese rissige und verdorbene Erde trotz aller Bedenklichkeiten und Enttäuschungen, die sie birgt, doch hie und da die Melodie zu hören bekommt „Seid umschlungen, Millionen, einen Kuss der ganzen Welt“, dann verdankt sie das sicher der strömenden Freude und nicht der messerscharfen Kritik, mag diese noch so berechtigt und notwendig sein.

Die Freude ist das lachende Gebet. Leute, die sich die Mühe machen, sorgsam Worte auszuzählen, haben es festgestellt: Das Alte Testament stellt die Freude zweihundertmal, das Neue Testament hundertmal in die Mitte des gläubigen Daseins. Ich kann also auf Einzelzitate verzichten und nur noch einmal auf besagten himmlischen Geist verweisen, der den Leitartikel über die Menschwerdung Gottes mit dem Satz begonnen hat: „Ich verkünde euch eine große Freude!“ Und dabei hat er eigentlich noch ein wenig Understatement getrieben, denn es müsste natürlich heißen: „Ich verkünde euch die große Freude schlechthin…“

Ich gestehe, dass ich mir das ja selbst zu Herzen nehmen muss. Denn auch im kirchlichen Alltag läuft man Gefahr, diesen Grundton der Freude und der frohen Botschaft von allzu vielen Misstönen überlagern zu lassen, von Zeitproblematik und hoher Kirchenpolitik, von ungelösten Personalproblemen und Gefühlen der Hilflosigkeit. Und wenn man als Bischof nun eben vorübergehend auf der Kommandobrücke des Kirchenschiffes Dienst tun muss und froh ist, halbwegs den Kurs einzuhalten, dann drängen sich das ganze Jahr hindurch Eifrige und Aufgeregte heran, die es natürlich gut meinen und ständig Feuerbefehle zurufen: Da taucht ein Skandal auf, dort zeigt sich ein Missstand, hier ist eine Provokation und dort eine Blasphemie, überall kommt das Böse aus den Tiefen. Los, geben Sie ihm eine Breitseite, Herr Bischof!

Ich gebe ja zu, dass man hie und da eine gefährliche Mine ins Visier nehmen muss, die zu nahe an die Bordwand des Kirchenschiffes herantreibt. Aber ich wehre mich gegen die Vorstellung, dass das Schiff der Kirche wie ein schussbereiter Raketenkreuzer durch das Weltmeer pflügen soll, alle Ferngläser und alle Rohre auf das Negative gerichtet, das da auf den Wogen des Tages daherschwimmt. Ich fürchte mich vor dieser Vision der Kirche, weil auf einem solchen Fahrzeug keine fröhlichen Wimpel wehen.

Wenn wir schon beim Symbol des Schiffes bleiben wollen, dann lieber bei jenem wunderbaren Bild eines Kauffahrers, der in der Morgensonne mit gewölbten Segeln in die stille Bucht hereinfährt mit ungeahnten Schätzen an Bord aus einem fernen Land, weit, weit hinter allen Horizonten... Jenes Bild, das vor 600 Jahren den frommen Mönch und Mystiker Johannes Tauler zu einem der zartesten und tiefsten Weihnachtslieder inspiriert hat: „Uns kommt ein Schiff gefahren, das bringt uns süße Last…" Wie hat Georges Bernanos einmal geschrieben? „Die Aufgabe der Kirche besteht darin, den Menschen zu helfen, die Quellen der verlorenen Freude wiederzufinden!" Darum bin ich für die zweite Version des Kirchenbildes und nicht für den Raketenkreuzer. Und so gut es geht, sollten wir Christen, ob auf der Brücke oder auf den Decks, diese zweite Sicht zu verwirklichen suchen - und das heißt, dass sich die Kirche dieser Zeit mehr um die Rettungsboote zur Bergung Schiffbrüchiger kümmern müsste als um die Kanonen gegen das Böse.

Und das deshalb, weil der gütige Gott in seiner Komposition der Weltgeschichte doch auf den großen Hymnus der Freude als Schlusschor hinarbeitet, und weil also der Dreijährige, der von seinem Vater die rosa Zuckerwolke mit strahlenden Augen entgegennimmt, doch ein winziges Abbild der Menschheit ist, die Gott mit der Botschaft der Weihnacht zur Freude beruft.

 

Bischof Reinhold Stecher in der Tiroler Tageszeitung, Weihnachten 1988

 

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