Bischof Stecher Gedächtnisverein

Weinachten – das sanfte Fest

1986

Feste haben ihre Atmosphäre, die in Jahrhunderten gewachsen ist und die offenkundig auch noch in eine Gesellschaft hinein weiterwirkt, die sich in ihrer Gesamtheit dem tiefsten Sinn solcher Tage doch eher entfremdet hat. Aber es bleibt eine gewisse Ausstrahlung, eine Art Fluidum, ähnlich den Wellenkreisen, die noch immer ans Ufer schwappen, auch wenn der Stein, der ins Wasser geworfen wurde, schon längst versunken ist. Und was die Weihnacht betrifft, so scheint sich unsere bunte, vielschichtige, differenzierte und meist so konsensarme Welt von heute in einem Punkt einig zu sein: Weinachten ist ein sanftes Fest.

 

Um Weihnachten gehört sich vieles nicht…

Rund um den Heiligen Abend gelten aggressive Töne, hitzige Auseinandersetzungen und schonungslose Kritik als Stilbruch. Selbst der Parlamentspräsident spricht zu diesem Anlass ins Kampfgetümmel versöhnliche Worte, und die Mitglieder der Fechtklubs in der politischen Arena senken die Degen. Wer immer es wagen sollte, diesen adventlichen Ausklang mit einer parteitaktischen Wadlbeißerei zu stören, läuft Gefahr, sein Image bis zum letzten Fernsehapparat gründlich zu ruinieren. Ein Hauch von Friede, Versöhnung und gemeinsamen Wollen zieht durch Europas Hohe Häuser – wie ein exotisches, ungewohntes Parfum.

Um Weihnachten sägt man nicht an Ministerstühlen, setzt der schärfste Reporter den Drillbohrer seiner Fragen nicht an, fällt keine Faust zu telegener Entrüstung dröhnend aufs Rednerpult. Die Redakteure der Skandalpresse schubladisieren die jüngsten Enthüllungen für die Zeit danach und verschonen damit die Festausgaben. Kampfparolen verstummen, aufwühlende Transparente werden eingerollt, harte Abstimmungen um Prozente und Anteile vertagt. Humane Ämter halten – wenn möglich – Briefe mit belastenden Inhalten lieber zurück, und vermutlich sind am Tag vor dem Heiligen Abend wenig Gerichtsvollzieher unter-wegs. Professoren werden es vermeiden, als letzten Gruß vor dem Fest noch schnell die Fünfer in Latein und Mathematik zu verteilen, und selbst die aggressive Mieterin im ersten Stock verkneift sich am Heiligen Abend das sonst übliche Stiegenhausgefecht. Wer dieses Gesetz der Weihnacht nicht beachtet, setzt sich dem Ruf aus, ein Barbar zu sein. Denn Weihnacht ist ein sanftes Fest.

Irgendwo in einem Dschungelkrieg in Südamerika schweigen während der Feierstage vielleicht sogar die Waffen zwischen Regierungstruppen und Guerilleros. In den Planungszentren des Kreml und des Pentagon dürften sich zwar die sänftigenden Zauber der Heiligen Nacht kaum durchsetzen, aber immerhin geht um den ganzen Erdkreis eine Flut von Botschaften und Appellen zur Abrüstung, zur Völkerverständigung und zu neuen Anläufen in Richtung Frieden.

An sich ist dies alles ein erstaunliches Phänomen. Diese sanften Wellen der Versöhnlichkeit und des Friedenswillens, die da durch die Geschichte bis an die fernsten Ufer dieser Gesellschaft des zwanzigsten Jahrhunderts plätschern, sind keineswegs selbstverständlich. Und sie werden noch verwunderlicher, wenn man bedenkt, dass den auslösenden Stein eine winzige Kinderhand vor zweitausend Jahren in das Meer der Zeit geworfen hat. Und selbst wenn die verschiedenen Aggressionshemmungen und Friedensimpulse nur kurzlebig vorüberhuschen, man begrüßt sie zunächst doch – als Signale der Menschlichkeit, als Lebenszeichen einer unausrottbaren Sehnsucht, die da um diese Dezembertage wie ein Sonnenstrahl durch die Wolken bricht.

 

Das strapazierte Wort vom Frieden

Und trotzdem kann man sich eines unguten Gefühls nicht erwehren, und ich vermute, dass ich mit diesen Empfindungen nicht ganz allein dastehe. Erinnert das alles nicht an eine Art Pflichtübung in Sachen Friede, die sozusagen kalendermäßig alljährlich fällig wird und die wie eine Wunderkerze am Christbaum verzischt? Verwehen diese sanften Töne nicht so schnell wie die süßen Weisen der Turmbläser über den Dächern? Schalten wir nicht schon längst unwillkürlich ab, wenn wir die gewohnten Botschaften, Predigten und Aufrufe zum Weltfrieden vernehmen? In unserer Zeit haben manche an sich kostbaren Worte einen beängstigenden Verschleiß. Sie sind einfach zu oft gedacht, gesagt, gedruckt, vervielfältigt und gesendet worden, sie sind zu oft über Kanzelbrüstungen gepurzelt und haben sich immer wieder in die Mikrophone gedrängt, sie sind zu häufig über Ätherwellen und Bildschirme gehuscht und sind bis zur Ermüdung mit falschem Pathos über die Welt gestreut worden. Eines dieser strapazierten Worte heißt „Friede“.

„Bitte, reden Sie nicht über den Weltfrieden“, hat die Schulsprecherin einer höheren Schule zu mir gesagt, „es reicht uns langsam…“ Dabei war das Mädchen natürlich außerordentlich friedliebend und erklärte Kriegsgegnerin. Aber sie wollte wohl im Namen ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler jenes Unbehagen aussprechen, das bei jungen Menschen aufkommt, wenn sie Unechtheit und Phrasenhaftigkeit zu spüren glauben.

Tatsächlich legt mir der Wunsch dieses Mädchens nahe, die sanfte Botschaft der Weihnacht, den üblichen Friedensapell mit einem vorsichtigen Understatement in den Mund zu nehmen. Die schmetternden und letztlich doch recht unverbindlichen Apelle kommen bei diesem Thema zu leicht über die Lippen des Predigers und Tasten der Schreibmaschine. Also möchte ich es etwas bescheidener geben. Ich vermeide den flammenden Aufruf an Länder und Machthaber (die sowieso nicht herhören, wenn irgend ein kleiner Bischof einen Zeitungsartikel schreibt). Ich versage mir auch die visionäre Ankündigung einer ganz, ganz anderen, humanen Gesellschaft, von der einige Utopisten träumen, man könne sie mit einer vernichtenden Kritik alles Gegenwärtigen und ein paar Schreibtisch-Zauberformeln für die Zukunft herstellen.

 

Die befreiende Sperrmüllaktion der Seele

Ich würde lieber vorschlagen, anlässlich des sanften Festes mit einer Sperrmüllaktion des eigenen Herzens zu beginnen. Wir schlichten nämlich, wie primitive Revoluzzer aus alten Vorurteilen, ererbten Abneigungen, aus ganz falschen oder halbwahren Informationen und aus den Verärgerungen des Alltags in unserer Seele immer wieder Barrikaden auf, die den Weg zum anderen blockieren und über die wir höchstens von Zeit zu Zeit den Molotowcocktail einer Unfreundlichkeit oder Gehässigkeit schleudern, ohne dass wir das Ziel auch nur richtig sehen. Und wir errichten diese Straßensperren, die ich auch bei mir spüre, gegen Einzelpersonen und Gruppen, gegen Stände und Nationen, gegen Moden und Frisuren, gegen Klassen und Berufe, gegen „die da oben“, „die da unten“ oder „die da drüben“. Diese gar nicht leichte Aufräumungsarbeit wäre etwas ganz anderes als wortreich-pathetisches Friedenstrara, und sie wäre mehr als eine vierundzwanzig Stunden dauernde sanfte Weihnachtsstimmung. Vermutlich ginge diese Sperrmüllaktion in den Herzen an die Wurzeln vielen Unfriedens in der Welt.

Und dabei käme sich nur der andere Mensch besser ins Blickfeld, weil uns das oben genannte Gerümpel nicht mehr so die Sicht verstellt, ich glaube, es wüchse uns auch der Sinn für Tieferes, vielleicht auch für die eigentliche Tiefendimension des Festes. Es könnte ein Ahnen in uns aufkommen, dass Weihnachten sich nicht nur in Umsatzkurven, Stimmungswogen und seichtem Friedenswellengeplätscher am Ufer der Konvention und des Kalenderbrauchs erschöpft, sondern dass es auf das Geheimnis einer strömenden Liebe verweist, die aus den Abgründen des Göttlichen kommt. Vielleicht könnte es uns wirklich zur gläubigen Begegnung mit jenem Kind von Bethlehem führen, das keineswegs nur ein liebliches Wintermärchen ist, wie man’s den Kindern – früher auf Ofenbänken und heute auf Schallplatten und Kassettenrekordern – erzählt. Die beste Chance, diesem Kinde nahezukommen, hat allemal der, der den sittlichen Anlauf vom flammenden und vorwurfsvollen Apell an andere auf die schwierige Bühne des eigenen Herzens verlegt. Und dieses Kind, das die Weltgeschichte in Atem hält, ob man’s nun wahrhaben will oder nicht, verheißt einen Schalom, einen Frieden, der das ersehnte Schweigen der Waffen bei weitem übersteigt und mitten in einer bedrängten Lebenswirklichkeit aufblühen kann. Denn von diesem Kinde gilt, was ein Weiser des Alten Testaments einige hundert Jahre vorher ahnend ausgesprochen hat: „Als tiefes Schweigen das ganze All umfing, und als die Nacht in der Mitte hielt ihre Bahn, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel hernieder auf die Erde…“

 

Bischof Reinhold Stecher in der Tiroler Tageszeitung, Weihnachten 1986

 

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