Bischof Stecher Gedächtnisverein

Das große Staunen vor dem Licht

1985

Es ist ein immer wieder faszinierendes Fotomotiv: Die Augen eines Kindes, das in den Christbaum schaut. Natürlich ist heute nicht zu verhindern, dass auch die schönsten Bilder zum „Bildmaterial“ werden, das für alles mögliche herhalten muss, und somit Teil der großen Bilderschwemme wird, die uns überflutet, - aber es bleibt dabei: Ein Kind, das ins Licht schaut, ist ein Phänomen des Daseins, zu dem man wirklich mit Goethes Faust sagen möchte: „Augenblick, verweile, du bist so schön…“

Dabei geht es mir eigentlich nicht um sentimentale Erinnerungen und das Beschwören einer „seligen Kinderzeit“. Nein, ich glaube, dass uns aus den Kinderaugen, die das Licht trinken, eine Frage anspringt, eine Frage an unsere Augen, an unsere Art, zu schauen und der Wirklichkeit zu begegnen.

Wie sind unsere Blicke? Spielen sie nicht hundert Spiele? Sie sind wissend, vielerfahren, versiert, reserviert, abschätzend, prüfend, kritisch, unruhig, zerfahren, nervös, zurückhaltend, ängstlich, empört, vorwurfsvoll, gehetzt, angewidert, glanzlos, kühl, gleichgültig, blasiert, resignierend, müde… Sind diese unsere Augen in all den Weisen und Nuancen, die sie spiegeln, nicht etwas zu erwachsen geworden? Zu erwachsen in der Flut der Bilder, die an ihnen im Lauf der Jahre vorbeigezogen sind, und die keine Zeit für Träume ließen. Zu erwachsen im dauernden Einschätzen und Abschätzen von Gesichtern und Dingen, Nachrichten und Signalen, Alltäglichkeiten und Sensationen? Zu erwachsen in den Desillusionen und Enttäuschungen, die das Leben gebracht hat und die manchmal Glaskörpertrübungen hinterlassen haben, die nicht leicht zu heilen sind? Lässt diese Welt von heute Menschenaugen nicht vorzeitig altern? Entnehmen wir dem Blick des Kindes in die Lichter nicht eine leise Warnung: Habt ihr nicht etwas verloren, ihr Großen? Was ist mit euren Augen? Könnt ihr noch staunen?

Das Staunenkönnen ist ein fundamentales Vermögen des Menschen. Kein Geringerer als Platon hat gesagt, dass das Staunen das Grunderlebnis aller Philosophie sei. Und mit diesem Worte „Philosophie“ meinte er keineswegs ein weltfern-fachmännisches Spiel mit schwierigen Begriffen und komplizierten Gedanken, sondern eher jenes wunderbare Auf-die-Reise-Gehen der Seele, das Hinter-die-Dinge-Schauen und Sinn-Aufspüren, das wir alle brauchen, damit wir Menschen bleiben und keine willenlosen, außengesteuerten Nummern in der Masse werden.

Im Phänomen des Staunens gleitet ein Vorhang zu Seite, öffnet sich ein Fenster. Staunend stoßen wir auf Neues, das uns gefangennimmt. Im Staunen treten wir aus der Enge des Alltäglichen, unterbrechen wir den Trott des Gleichgültigen, beflügeln wir den Schritt des Geistes. Eigentlich ist ein einfacher Mensch, der noch staunen kann, einem Hochgebildeten, der diese Kunst verlernt hat, weit voraus. Nur dem Staunenden können sich neue Reichtümer erschließen, nur ihm öffnen sich die Schatztruhen des Lebens. Wenn wir diese Gedanken beim Blick auf das staunende Kind vor dem Lichterbaum kreisen lassen, steigt ein uraltes Wort aus zweitausendjähriger Ferne wieder herauf, ein Wort, das so oft im Sinne einer falschen Infantilisierung des Menschen verstanden wurde, und das doch in tiefgründiger Weise immer aktuell bleibt: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…“

Staunenkönnen ist ein Ausweis von Menschlichkeit. Denn im Staunen streift der Mensch den Hochmut ab. Er lässt sich ja überwältigen, von etwas Größerem in Beschlag nehmen. Der Staunende lässt sich beschenken. Darin liegt eine gewisse Bescheidenheit und Demut. Und da nun einmal der Stolz, das hochgespielte Ego, die größte Barriere zur menschlichen Reife darstellt, macht das Staunenkönnen den Menschen so liebenswert.

Staunende Augen werden ruhig und weit. Nietzsche hat vor einem Jahrhundert das prophetische Wort gesprochen: „Die letzten Menschen werden nur noch blinzeln…“ Wir sind doch tatsächlich Blinzler geworden, unsere Augen sind überfordert von tausend Eindrücken, huschenden Bildern, zusammenhanglosen Informationen, die unsere Erlebniswelt so belasten, dass wir uns es nicht mehr leisten können, bei einem Eindruck sinnend und ergriffen zu verweilen und ein kleines Stück Welt als Wunder zu erleben. Wir sind sozusagen auf Banalitäten im Vordergrund fixiert, - wie die Zuschauer im Wimbledonstadion, die stundenlang den kleinen Tennisball verfolgen, hin und her, und her und hin… (Dieser angeführte Vergleich ist natürlich nur als Symbol gedacht und will das Interesse an der eleganten Sportart keineswegs diffamieren).

Aber die Einengung und Horizontalisierung des Blickes ist für uns typisch geworden. Viktor Frankl hat sie den Reduktionismus genannt, die Verkümmerung und Beschränkung des Geistes auf vordergründige Aspekte, - und diese Erscheinung hat doch etwas mit dem vielgenannten Sinnverlust zu tun. Das Staunen aber weitet den Blick. Der Staunende bricht zu neuen Ufern auf. Sein Leben wird reicher und tiefer. Und sein Auge wird jünger, auch wenn es hundert Falten um die Lider hat.

Vielleicht sollten wir uns einmal dankbar an das viele erinnern, das uns geplagten Menschen hie und da zum Staunen verhilft. Es könnten die Wunder der Natur sein, die heute das Fernsehen so eindrucksvoll in jeden Haushalt spielt, - sei es der Flug einer Möwe oder das Leben der Tiefsee. Aber man muss ja gar nicht so weit gehen. Die Leistungen des grünen Blattes am Blumenstock neben meinem Schreibtisch hat noch kein Chemiekonzern der Welt eingeholt.

Es kann auch die Gestaltungskraft eines Künstlers sein, die uns das Staunen lehrt. Eben hat mein Plattenspieler mit einem leisen Klick eine Klaviersonate von Schubert beendet, die letzte die er vor seinem Tod geschrieben hat, - und es ist unfassbar, was hier an Schwermut und Trost ineinanderströmt…

Auch die stille Güte eines Menschen kann staunenswert sein, die Art, wie eine Schwester im Pflegeheim die Kranken betreut, die Weise, wie eine junge Lehrerin Schwerstbehinderte unterrichtet, die Unverdrossenheit, mit der ein Sozialhelfer im Milieu der Gescheiterten wirkt…

Es gibt viel Staunenswertes, das an uns vorüberzieht. Vielleicht bräuchten wir eine Lebenshaltung, die nicht nur Leistung, Aktivität und Zerstreuung kennt, sondern auch immer wieder zu einem Innehalten findet, das gar keine großen Anlässe nötig hat, aber doch das Verweilen erlaubt und das Sich-Wundern in der Seele aufsteigen lässt.

Dann kann – wie es ein Schriftsteller unserer Zeit gesagt hat – jeder Falter, der über Blüten taumelt, jede Eisblume an der Scheibe zum Fenster werden, das Einblick in die Tiefen des Seins gewährt.

Man müsste eigentlich auch über das Staunen eines Kindes staunen. Der große Schweizer Heilpädagoge Paul Moor hält viel vom Staunen. Er deutet an, dass nur der ein Kind zu erziehen vermag, der über ein Kind auch staunen kann. Und er ist der Meinung, dass in der Entfaltung des Herzens und des Geistes das Stauen vor der Frage liegt, und die Ergriffenheit vor dem Zweifel.

Die Weisen des Altertums haben das Staunen an den Beginn der Philosophie gesetzt. Sören Kierkegaard, der Denker aus Dänemark, ging noch etwas weiter. Er setzte das Staunen an den Beginn des Heils. Und wenn man die Schrift aufschlägt und etwa das kosmische Staunen des Psalmisten liest, muss man ihm recht geben:

„Seh ich den Himmel an, die Werke Deiner Hände,

die Sterne und den Mond, die Du gebildet hast,

was ist da noch der Mensch, dass seiner Du gedenkst,

was so ein Menschenkind, dass Du’s mit Güte heimsuchst…?“

Und auch die Weihnachtsbotschaft des Lukas berichtet vom großen Staunen am Beginn aller Dinge:

„Alle, die es hörten, staunten über das, was ihnen die Hirten erzählten…“ und: Sein Vater und seine Mutter waren voll Staunen über das, was von Ihm gesagt wurde…“

Und damit schließt sich der kleine, weihnachtliche Kreis der Gedanken über das Staunen.

 

Bischof Reinhold Stecher in der Tiroler Tageszeitung, Weihnachten 1985

 

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