Bischof Stecher Gedächtnisverein

Weihnachten hat viele Gesichter

1984

Kein Fest unseres Lebensraumes und unserer Zeit bewegt die Menschen tiefer als Weihnachten. Keines bedeutet mehr für die menschlichen Beziehungen, keines hat mehr „Sitz im Leben“. Darum werden im Bannkreis dieses Festes auch die Licht- und Schattenspiele bewusster, die über unsere menschliche Existenz huschen. Und daher kommt es wohl, dass Weihnachten viele Gesichter hat.

Wenn wir um diese Zeit in die Innenstadt einbiegen, begegnet uns das glanzvoll-hektische Gesicht von Weihnachten, sozusagen die Glamour-Titelseite, der Reigen von Licht und Reklame, Angebot und Schaufensterpracht. Irgendwie gehört das auch zum Fest. Und es besteht eher die Tendenz, das alles mit Geschmack zu machen. Es gibt nur in diesem Bereich eine grundsätzliche Schwierigkeit von Nikolaus bis Ostern: Die Herrlichkeit dauert zu lange. Festfreude ist kein Teig, den man wochenlang austreiben kann – und das geschieht, wenn der Festschmaus der Augen zum Alltag wird.

Aber gerade in einer dieser hellerleuchteten Straßen ist mir ein anderes Gesicht von Weihnachten begegnet: Ein Knirps, der mit großen Augen fasziniert immer wieder mit dem winzigen Finger auf die Schaufensterscheibe stupst, hinter der die Ziele der Sehnsucht liegen. Es ist das Gesicht kindlicher Erwartung, die das Leben als Wunder sieht. Wenn man älter ist, steigt beim Anblick des staunenden Kindes eine ferne, flüchtige, sentimentale Erinnerung auf, die man wegwischen möchte. Und doch bleibt eine kleine Nachdenklichkeit zurück. Ob man sich von diesem naiven Vermögen des Kindes nicht eigentlich immer etwas bewahren müsste… Erwachsenen, die mit Kindern Weihnachten feiern, wird diese Dimension des Festes vertrauter sein.

Aber Weihnachten hat nicht nur freundliche Gesichter. Dieses an sich so anheimelnde Fest kann auch das Gesicht des jäh erwachten Leids tragen. Um Weihnachten werden manche Schatten schärfer. Ein Platz, der im vergangenen Jahr am Familientisch leer geworden ist, ist am Heiligen Abend noch um eine Spur leerer. Was wird heute Abend in der Familie sein, in der vor ein paar Wochen die junge Mutter weggestorben ist? Und dort, wo in den letzten Tagen der Sohn auf der Straße verunglückt ist?

Um Weihnachten können auch Schmerzen wach werden. Das Fest hat nicht für jeden sänftigende Zauber. Unter dem Christbaum kann auch deutlicher als sonst bewusst werden, was im Leben zerbrochen ist. Manchen überfällt an diesem Abend das Bewusstsein der Vereinsamung schonungsloser als sonst. Im Umfeld dieses Festes sind die Herzen ungeschützter, dem Strom der Stimmung preisgegeben. Manche werden abgetrieben in die dunklen Buchten der Schwermut, und unsere Zeit kennt viele Seitenarme der Depression, in denen die Wasser des Lebens still und schwarz stehen. Die Telefonseelsorge weiß davon, und mit ihr alle, die da Mut zum Rudern machen wollen.

Um Weihnachten kann auch eine ungelöste Sorge drückender sein als sonst. Wenn ich nach der Weihnachtsfeier im Gefangenenhaus ins Auto steige und der Schranken der Wache hinter dem Wagen heruntergeht, dann kann man nicht einfach den Schranken der Gleichgültigkeit und des Vergessens herunterlassen. Das Haus mit den diskreten Gittern und den vielen Schicksalen bleibt präsent, und ich kann mir denken, dass viele Sozial- und Bewährungshelfer, bemühte Beamte und betroffene Familien die Hilflosigkeit gegenüber derartigen Fragen, die sich da auftun, besonders spüren. Und so wird es auch jener Arbeitslose empfinden, der nun seit Monaten unterwegs ist und nichts findet, und dem ich bis jetzt leider auch nicht helfen konnte. Dieses Fest macht menschliche Tragödien bewusster. Es war übrigens, nüchtern betrachtet, schon in Bethlehem so. Manche Schatten werden um Weihnachten schärfer.

Und doch, vielleicht gerade deshalb, zeigt dieses Fest in vielen Formen auch das Gesicht einer wacheren Menschlichkeit, der verstärkten Zuwendung, so deutlich, wie sonst nie im Jahr. Um die Zeit, in der der Inn den tiefsten Pegelstand erreicht, hat die Hilfsbereitschaft in Tirol Hochwasser. „Licht ins Dunkel“, „Bruder in Not“, Wohltätigkeitsbasare und Nachbarschaftshilfe, Sternsinger und Altenstuben, Aktionen von Vereinen und Jugendgruppen, kirchliche und außerkirchliche Initiativen brechen auf. Kein großes Fest der Welt kennt eine ähnliche Mobilmachung des guten Willens, kein Rosenmontag, kein Karneval von Rio, kein Oktoberfest, keine Olympiade, kein Tag der Arbeit und keine Umkreisung der Kaaba in Mekka, ja auch kein anderes christliches Fest. In der Motivation zum Helfen hält Weihnachten die einsame Spitze.

Es gibt auch ein Gesicht von Weihnachten, das man an der neige des aufgeklärtesten, nüchternsten und dynamischsten aller Jahrhunderte eigentlich nicht erwartet: Das Gesicht einer neuerwachten, familiären Kultur. Es gibt heute bei uns eine Welle des spontanen Musizierens weitab von jedem kommerziellem Interesse, und dieses Musizieren ist selbst dann familiär, wenn es vor tausend Menschen im Kongresshaus stattfindet. Und besonders erfreulich ist, dass es vornehmlich junge Hände sind, die die Gitarren halten und über die Harfensaiten streichen, die über das Hackbrett tanzen und den Bass zupfen. Vielleicht sollte diese musikalisch so gebildete Generation auch den Mut haben, selbst neue Formen solcher Musik zu schaffen. Sie hätte wahrhaftig das Zeug dazu. Auch die Krippe hat, wider alles Erwarten, den Sprung aus der barocken Bauernstube ins Computerzeitalter geschafft. Die pessimistischen Propheten, die im Medienzeitalter den Untergang all dieser aktiven Formen der Familienkultur prophezeiten, haben mit ihren Prognosen doch nicht ganz recht gehabt. Und das ist gut so. Denn die Kultur des Gemüts ist immer noch die Krippe, in die hinein das Mysterium geborgen werden kann.

Und so kennt Weihnachten auch das Gesicht gläubiger Ergriffenheit. Sie kann beim „Stille Nacht, heilige Nacht“ durch die Reihen gehen, sich bei den Worten des Lukasevangeliums unter dem Christbaum regen, sie kann sich vor den Lichtern auf den Friedhöfen einstellen und beim Gang zur Mitternachtsmette. Sie begegnet mir an der Kommunionbank. Vielleicht erfährt sie auch ein Wanderer auf der abendlichen Langlaufloipe. Hoffentlich kommt sie auch zu den Krankenbetten und Rollstühlen. Die Botschaft vom Kind, das das Heil bedeutet, schlägt immer noch die Herzen in Bann. Manchmal ist aber unsere christlich-weihnachtliche Frömmigkeit zu sehr zurück, auf die Gefilde von Bethlehem gerichtet.

Das ist nicht die ganze Weihnacht. Dieses Fest hat eine zeitlos-kosmische Dimension. Die Schau zum nächtlichen Himmel hinauf hat durch Jahrtausende große Geister und einfache Menschen überwältigt. Heute tut man sich beinahe schwer, den Blick ins Universum zu bemühen, nachdem im Werbefernsehen alle Augenblicke ein neues Stereogerät oder ein alle Grenzen des Irdischen sprengender Rasierapparat aus den Tiefen des Weltalls herantaumelt oder das Raumschiff Enterprise aus einer Galaxie heranjagt. Es ist also heute ein etwas abgebrauchtes Bild, wenn ich trotzdem sage: Weihnachten hat wirklich eine kosmische Dimension, die die Lichtjahre und die Weiten des Weltalls und das Ende des Universums umspannt. Dieses Fest verkündet die Botschaft vom ewigen Wort, das diese Welt geschaffen hat, und das sich dieser Schöpfung schenkt, nicht nur in Bethlehem sondern heute und immer wieder und überall, in den tausend Formen, in denen Gott kommt, im Leben des Einzelnen, in der Geschichte der Welt und im Werden und Vergehen des Alls, das eben deshalb für den Christen aus allen Dunkelheiten einem hellem Horizont entgegensteuert, weil Gott zu ihm „ja“ gesagt hat.

 

Bischof Reinhold Stecher in der Tiroler Tageszeitung, Weihnachten 1984

 

Die Originaldatei zum Downloaden

powered by webEdition CMS