Bischof Stecher Gedächtnisverein

Die Weihnacht 1983 hat viele Gesichter

1983

Es wird wohl nicht nur mir so gehen, sondern auch vielen anderen: Man kann nicht ganz so unbekümmert feiern, festen, kaufen, schenken und sich freuen, wie es die Reklame weismachen möchte. Gerade die Tage vor Weihnachten, bringen seelische Wechselbilder.

Ich sehe drunten in den Gassen der Altstadt die Kinder mit dem gesponnenen Zucker vor den Christkindlmarktbuden umherlaufen, aber vor wenigen Stunden habe ich einen hohen Bruder-in-Not-Scheck für die 70.000 Kriegswaisen im Libanon unterschrieben. Die Tiroler finanzieren damit die knappe tägliche Milch.

Ich komme vom Adventsingen im Kongresshaus heim, mit den wunderbaren alten Weisen und Liedern im Ohr (wie muss man denen dankbar sein, die sich um solche Abende Mühe machen!) – aber ein kleiner Knopfdruck auf den Fernsehapparat und schon beginnt wieder das gespenstische Spiel der jaulenden Raketenbatterien und Panzerwagenstaubwolken, und die Kamera huscht über die stillen, verkrampften Gestalten, die irgendwo im Sand zwischen Iran und Irak liegen.

Das Glockenspiel von St. Jakob lässt die Melodie von „Es wird schon glei dumpa“ über den Platz und die leicht angeschneiten Dächer klingen, aber ich weiß nicht, wie weit sie kommen mit ihren süßen Tönen. Sicher nicht zu dem depressiven Mädchen, das mir den Brief mit den Selbstmordgedanken geschrieben hat, wahrscheinlich auch nicht zu dem jungen arbeitslosen Arzt, der schon seit Monaten auf einen Turnusplatz wartet, und wohl auch nicht zu dem Sandler, der die eben erhaltene Decke wieder in Schnaps verwandelt hat, weil ihm die flüssige Wärme wichtiger ist.

In diesen Tagen huschen so viele Freundlichkeiten der Weihnachtspost mit Grüßen und Winken über den Schreibtisch, aber da kommen auch die zerknitterten Briefe mit exotischen Marken von den neuen Freunden, die ich auf der römischen Synode kennengelernt habe, und in ihr „Happy Christmas!" mischen sich auch die Berichte von armen Campesinos in Mittelamerika, die sich bei Tag vor dem Terror der einen und bei Nacht vor dem Terror der anderen fürchten, von den Bahnen der Zerstörung, die ein Taifun in Bengalen hinterlassen hat, und von den schmutzigen Händen, die im Sahel verzweifelt nach Wasser wühlen…

Das sind die, vielen Gesichter der Weihnacht 1983. Natürlich sagt man sich in einer ersten Reaktion: ,,Soll man sich das Fest vermiesen lassen? Wo kämen wir da hin? So war es doch immer schon. Schließlich auch in den Tagen des Augustus, als in einem kleinen Nest seines Reiches mitten unter sozialer Ungerechtigkeit und politischer Spannung der Erlöser geboren wurde. Und trotzdem wurden, wie die Schrift berichtet, damals Himmel und Erde, Arme und Reiche zur Feier gebeten."

Ich glaube auch nicht, dass man das Fest der Erlösung nicht fröhlich feiern dürfte, weil so viel Leid und dunkle Rätsel in der Welt sind. Das alles macht nicht nur die oberflächliche Feier unmöglich. Die vielen Gesichter der Weihnacht 1983 zwingen uns zum Nachdenken, zum Tieferen, zum Wesentlichen, verbieten den bloßen Stern-Flitter-Stille-Nacht-Kalte-Platten-Rummel.

Man kann und darf die Weihnacht nicht nur feiern ohne den Impuls zum Gutsein (von dem ich selbst erlebe, dass er in diesen Tagen durch viele Herzen geht) und ohne den leisen und für viele nicht leichten Aufschwung des Herzens zum Glauben, dass hintern den Lichtern und Schatten der Zeit doch ewige Liebe waltet.

 

Bischof Reinhold Stecher in der Tiroler Tageszeitung, Weihnachten 1983

 

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