Bischof Stecher Gedächtnisverein

Gedanken zum Fest der Geschenke

1982

In diesen letzten Tagen vor Weihnachten beginnt das große Verpacken. Unzählige Dinge bekommen über ihr Alltagsaussehen ein Festgewand übergeworfen und sollen dem Empfänger zurufen: „Ich bin da, ich bin für dich da, ich bin ein Geschenk!“ Wir verwenden übrigens für „Geschenk“ ja auch das lateinische Wort „Präsent“, das ursprünglich eben diesen Ruf zum Ausdruck bringt: ein Ding das da ist, das ins Auge fällt, das sich anbietet.

Eine ganze Industrie ist aufgeboten, de vielfältigen Zauber der Umhüllung herzustellen, der Schachteln, Papiere, Schleifen, Maschen, Kärtchen, Sterne und weihnachtlichen Accessoires. Es gibt diese festlichen Roben der Dinge in allen Formen und Preislagen, vom pompösen Aufwand über echte Eleganz bis zum rührenden, offensichtlich zweitverwendeten Buntpapier mit dem leicht „verwuzelten“ Goldband, mit dem mir ein behindertes Kind seine Zeichnung als Geschenk verehrt.

Der kritische und selbstkritische Mensch wird zwar darauf hinweisen, dass diese Woge aus Silber, Gold und Tannenzweig nicht immer nur aus der herzlichen Absicht geboren sein muss, anderen eine Freude zu machen, dass manchmal auch Geschenksüchtigkeit, Preisgedanken und der Versuch, sich von wesentlichen Verpflichtungen loszukaufen, die schönen Schleifen flicht – aber welches menschliche Tun hätte schon kein Fragezeichen? Im Ganzen ist es doch ein schöner Brauch, das Schenken rund um die Weihnacht, ein Stück Kultur des Zueinander und Füreinander, eine freundliche Geste in der grauen Straße des Alltags. Die Menschheit hat ja schon weniger schöne Dinge entwickelt.

Der nüchterne wird vielleicht die Nase rümpfen, wenn er bedenkt, wie rasch die Herzlichkeit vorbei ist. Der ganze Aufwand konzentriert sich nur auf einen Augenblick der Spannung, der Überraschung und Freude. Die festliche Hülle wir möglichst rasch entfernt werden. Manchmal tut es uns fast leid, das Kunstwerk der Verpackung zu zerstören, und wir kommen uns wie Barbaren vor, wenn wir zur Schere greifen. Am Weihnachtsmorgen können dann die von der Bescherung übriggebliebenen, angerissenen Papiere und Schnüre die Vergänglichkeit menschlichen Feierns, und schließlich wandert alles in den Ofen und Mülltonnen.

Aber es scheint mir der Mühe wert, vor diesem flüchtigen Strom der Gaben und Geschenke innezuhalten, der in diesen Tagen durch unsere Welt wogt. Leuchtet in ihm nicht für einen kurzen Augenblick eine tiefere Wahrheit auf, eine Seite des Lebens, die uns im Alltag meistens nicht bewusst wird? Sind wir nicht in vieler Hinsicht von Geschenken umströmt, auch wenn die Dinge und Ereignisse ohne Masche, Silberband und Zweig auftreten? Eine längere Zeit des Wohlstandes stört sehr leicht unser Verhältnis zu den Sachen, den Menschen und den Widerfahrnissen des Lebens. Wir gewöhnen uns daran, zu wünschen, zu fordern, zu bekommen, zu haben, zu gebrauchen und wegzuwerfen. Und alles wird zur Selbstverständlichkeit.

Bei Licht betrachtet, ist aber fast nichts selbstverständlich. Auf unserem Weg durch die Zeit treffen Stunde für Stunde Geschenke bei uns ein, aber wir widmen ihnen kaum eine Aufmerksamkeit.

Nur hie und da gibt es Augenblicke, in denen die goldenen Maschen an den Dingen aufblitzen.

Wenn man nach einem Besuchstag in der Klinik durch die Glastüre ins Freie tritt und die ganze beklemmende Atmosphäre von Schmerz und Hoffnung menschlicher Tragik, sich aufbäumendem Lebenswillen und steter Geduld hinter sich weiß und die frische Luft einatmet – dann kann es sein, dass für einige Augenblicke die eigene Gesundheit die Schleife des großen Glücks trägt.

Wer einen Morgen über dem Nebelmeer oder eine Gletscherwanderung in der Mondnacht erlebt oder wer sich in einer ruhigen Stunde über das Wunder einer Blüte beugt oder mit einem herbstlichen Blatt spielt, der mag auch erfahren, was man Geschenkerlebung des Daseins nennt.

Der Künstler wird den schöpferischen Einfall, die treffende Wortwerdung, das dichterische Bild, den gelungenen Zusammenklang der Farben, die geniale Lösung einer Raum- und Baugestaltung wohl als einen Blitz empfinden, der da einschlägt und den man ersehnt hat und um den man bemüht war und der doch nicht einfach machbar und manipulierbar ist. Jede Psychologie des Schöpferischen stößt irgendwann auf dieses Geheimnis. Und wer von uns wäre so vermessen, Harmonie mit dem Partner, familiäres Glück, oder erzieherisches Gelingen als selbstverständliche, aber dem eigenen Format entsprechende Leistungen einzustufen? Wer nur ein wenig darüber nachdenkt weiß, dass dies alles eigentlich immer die Schleife des Geschenks trägt. Er mag es nun Glück oder gütiges Schicksal, Gnade oder Segen nennen – es kommt jedenfalls auf eines hinaus: Es liegt auf dem Gabentisch des Lebens und stockt nicht in den Regalen des Supermarktes, im Münzautomaten oder in den Polizzen einer Versicherung.

Vielleicht ist uns auch das Leben selbst einmal im Licht des Geschenks erschienen? Vielleicht gleich nach den Schrecksekunden, in denen die Bremsen gequietscht haben und irgendein Steuer gerade noch rechtzeitig vor der Katastrophe herumgerissen wurde? Haben wir da nicht einen Augenblick lang das Leben mit zitternden Händen neu empfangen wie ein kostbares Juwel im geöffneten Etui?

Zweifellos sind die Geschenkerlebnisse des Daseins dünner gesät, wenn es uns allzu gutgeht. Hier haben die sogenannten guten Zeiten ihre gefährlichste Falle. Wer seine Gedanken zu Not und Entbehrung und drückende Bedrängnis zurück wandern lassen kann, tut sich unter Umständen leichter, an höchst gewöhnlichen Dingen Tannenzweig und silberne Masche zu entdecken: am Brot, das auf den Tisch kommt, am wunderbaren Quellwasser, das bei uns sogar in der Großstadt aus jedem Brunnenhahn fließt, am Sattseinkönnen und am Schlafendürfen. Aber entscheidend wird wohl eine geistige Grundeinstellung sein, die auch Menschen aller Altersstufen in unserer Zeit an den Tag legen können. Wer ja zum einfachen Leben sagt, gewinnt ein scharfes Auge für Geschenke. Franz von Assisi sieht im Sonnengesang die ganze Welt als Geschenk.

Im Geschenkerlebnis des Daseins stoßen wir auf eine tiefe Quelle des Religiösen. Wenn wir auch Siegmund Freud viele Erkenntnisse über die tiefen der menschlichen Seele verdanken – in diesem Punkt besteht bei ihm eine Lücke: Es ist nicht so, dass nur die negativen Grenzerlebnisse, der Tod, die Not, die Frustration, der Mangel, die Hilflosigkeit und das Scheitern, als Motive religiöser Gedanken erfahren werden können. Religion hat zwar oft den Charakter des Aufschreiens zu Gott, aber es gibt auch den Aufstieg zum Ewigen aus der Erfahrung des Geschenks. Wer das Dasein als Geschenk erlebt, hat das Bedürfnis, zu danken. So oft ich eine Spende von „Ungenannt“ bekomme, verweilen die Gedanken bei diesem „Ungenannt“. Ich möchte ihm die Hand drücken. Geschenk drängt zum Dank, und Dank drängt zum Du. Die Dankbarkeit sucht sich kein „Es“ als Adresse. Was soll schon ein Dank an ein Chaos oder einen Kosmos, ein Schicksal oder ein Universum, ein Naturgesetz oder gar an den Zufall? Ein Weiser hat dies einmal so ausgesprochen: Es sei die größte Traurigkeit des Ältesten, dass er nicht wisse, wem er danken solle…

Die Weise weihnachtlichen Schenkens, wie sie nun zu unserem Jahresablauf gehört, ist der Besinnung wert. Die bescheidenste weihnachtliche Gabe, die im Festgewand zu uns kommt, könnte uns daran erinnern, dass wir in tausendfacher Weise Beschenkte sind. Und vielleicht könnte uns das heilen, zu einer Art existentieller Dankbarkeit zu kommen, einer Haltung, die der Mensch, in einer Epoche von Wissenschaft, Fortschritt, Weltergreifung, Weltgestaltung und Wohlstand eher zu vergessen geneigt ist.

Aber hinter dem weihnachtlichen Schenken und Beschenktwerden tut sich ja eine noch abgründigere Tiefe auf. Wer durch diese schöne Formen des Festes zu seiner eigentlichen Tiefe im Glauben vorzudringen vermag, zur Kunde von der Menschwerdung Gottes, der weiß, dass das ganze Universum vom Geheimnis des sich verschenkenden Gottes durchwaltet wird. Aber damit sind wir an den Grenzen dessen, was wir erahnen können. Wenn wir also am Heiligen Abend an den Paketen nesteln, um die schöne Verpackung zu lösen und zu dem vorzudringen, was sie verbergen – dann sollte uns mehr aufgehen als ein paar Maschen, Knoten oder Schleifen, und wir sollten mehr finden als die eine oder andere Überraschung. Wir sollten etwas von dem Geheimnis erfahren, das unser Dasein umfängt.

 

Bischof Reinhold Stecher in der Tiroler Tageszeitung, Weihnachten 1982

 

Die Originaldatei zum Downloaden

powered by webEdition CMS