Bischof Stecher Gedächtnisverein

Edelweiß, Almrausch und Alpenrose

Festrede „150-Jahre-Österreichischer-Alpenverein“ I Wien 2012

Meine Damen und Herren, meine lieben Bergfreunde! Im Laufe meines langen Lebens, ist mir oft das Gefühl der Dankbarkeit gegenüber dem Österreichischen Alpenverein aufgestiegen, aber ich habe nie gedacht, dass mir einmal die Gelegenheit geboten wäre, in einem so festlichen Rahmen wie hier, meine Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Ich hoffe meine lieben Bergfreunde, dass Sie spüren, dass dieser Dank keine Formalität ist, sondern aus dem Herzen kommt. Mein erster Dank geht an die Stillen im Lande, ich meine hier die ungenannten, unbekannten, anonymen Mitglieder im Hintergrund, die meist ehrenamtlich den großen Verein aufrechterhalten. Ich denke hier an die Funktionäre in vielen Ortsgruppen, die die Angebote und die Programme ausarbeiten, ich nenne hier die Hüttenverantwortlichen, die sich mit den Sorgen irgendeiner Vereinshütte herumschlagen müssen. Ich vergesse auch nicht die Engagierten, die sich regional oder lokal zu Wort melden, wenn wieder einmal ein Stück Natur dem allzu hoch entwickelten Erwerbs-trieb in unserem Land unnötig zum Opfer zu fallen droht. Ich erinnere an die Idealisten, die im Frühjahr die Steige ausbessern, die Markierungen erneuern, da und dort einen Mur-Schaden oder einen Lawinenschaden beseitigen oder einen Klettersteig herrichten und ich denke auch in besonderer Weise an die, die sich die Last einer Jugendgruppenführung antun und damit Verantwortung übernehmen, die alles andere als selbstverständlich ist. Mein erster Dank geht also an die meist verborgene, unersetzliche, geheime Logistik unseres Bergvermögens. Mein zweiter Dank mag manchem ein wenig merkwürdig vorkommen, aber er hängt damit zusammen, dass meine Erinnerungen eben die Hälfte der 150 Jahre umfassen, die hier gefeiert werden. Ich danke den Verantwortlichen des Alpenvereins, dass sie in der Vorbereitung dieses Jubiläums an den dunklen Seiten der Geschichte nicht vorbeigegangen sind. Jede menschliche Gemeinschaft, auch meine Kirche, die lange in der Geschichte steht, hat solche Schattentäler und so gab es auch im Alpenverein eine Epoche, in der das Edelweiß einige braune Rostflecken bekommen hat. Ich bin dankbar, dass man in Veröffentlichungen diese dunklen Seiten nicht verdrängt hat. Man muss sich damit auseinandersetzen und aufräumen, so wie man auch den Müll auf viel frequentierten Berggipfeln einsammeln muss oder wie wir noch in Südtirol Stacheldrahtreste und Blindgänger in den Dolomiten eingesammelt haben. Ich danke dem Alpenverein für den ungeschminkten Rückblick, weil ich ihn nicht als selbstverständlich erachte. Und jetzt bitte erlauben Sie, dass ich auch in einer Festrede eine Seitenbemerkung mache, aber es geht hier um einen großen Mann des Alpenvereines. In den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatten wir im Gymnasium Innsbruck einen Turnlehrer. Wir haben ihn recht gern gehabt, er war auch irgendwo in der staatlichen Jugendorganisation tätig. Mitte März 1938 wurde unser Turnlehrer sofort aus dem Schuldient entlassen. Er hat keine einzige Stunde mehr gehalten. Wir haben schon gefürchtet, dass er zu den vielen 100 Verhafteten zählt, die es damals in Innsbruck gab, aber er wurde von der deutschen Wehrmacht übernommen. Der Grund lag wohl darin, dass er einer der höchstausgezeichneten Kaiser-schützenoffiziere des 1. Weltkrieges war. Mein Turnprofessor hieß Martin Busch. Nach dem Krieg wurde er sofort wieder in die Schule eingestellt und zum Fachinspektor für Leibes-erziehung an den höheren Schulen Tirols bestellt. Im Alpenverein übernahm er die heikle Aufgabe der treuhändischen Verwaltung der Hütten des Deutschen Alpenvereins, die ja zunächst als sogenanntes deutsches Eigentum gefährdet waren. Ich bin mit meinem Turnlehrer immer freundschaftlich verbunden geblieben. Er war kein Nazi, wie das jüngst von flotten Zeitungskritikern behauptet wurde, die offenkundig keine Ahnung haben. Er gehörte zu den großen Männern und Frauen des Alpenvereines, die dem Edelweiß den alten Glanz zurückgegeben haben und die Samoarhütte im Ötztal wurde ganz zu Recht in Martin-Busch-Hütte umbenannt. Ich gestehe offen, dass ich das Gefühl hatte als Zeitzeuge und Gestapo-Häftling, diese Rehabilitierung in diesem Rahmen vorzunehmen zu müssen, Martin Busch hat das verdient. Mein dritter Dank an den Alpenverein liegt mir besonders am Herzen. Als ich Bischof wurde, hatte ich in meinem Keller 600m Bergseile, 30 Eispickel und 30 Helme, 30 Steigeisen und Schneegamaschen, Brust- und Sitzgeschirre, 200 Karabiner, Eisschrauben und Felshacken, Kletterhämmer und Stirnlampen. Ein ganzes Arsenal. Und an diesem Arsenal hing die Erinnerung an viele, viele Alpinkurse mit jungen Leuten. Und deshalb hat mein dritter Dank an den Alpenverein auch einen Sitz im Leben. Ich danke dem Alpenverein, dass er hilft, jungen Menschen die Berge zu erschließen. Ich bin nämlich aus Erfahrung davon überzeugt, dass Jugend rauschhafte Erlebnisse braucht und wenn sie keinen Zugang zu edlen Räuschen bekommt, dann wird sie für die weniger edlen Räusche, die die Gesellschaft bereithält, anfälliger. Die Berge halten edle Räusche bereit. Der Aufstieg in der Mondnacht durch den Eisbruch hinein in den ersten Morgenschimmer über die Gletscherfelder, das ist ein Rausch und so ist es auch mit einer luftigen Kletterei in der Morgensonne und auch die fröhliche Gipfelrunde ist ein Rausch, so wie die Abfahrt durch den Firn. Und wenn man am Abend vor der Hütte sitzt und droben die Gipfel verglühen, auf denen man gewesen ist und rundherum das Konzert der Gletscherbäche aus dem Dunkel zu hören ist, dann ist das auch ein Rausch, ein leiser Rausch. Ein großer Erzieher, Robert Baden-Powell, der Gründer der Pfadfinder, hat einmal geschrieben, "hätte man einem jungen Menschen nichts anderes geschenkt, als schöne Erlebnisse, dann hätte man ihm fürs Leben schon sehr viel geschenkt". Wer in die Großartigkeit der Bergwelt hineintaucht, der braucht weder Droge noch „Komasaufen“, um der Langeweile zu entgehen und wer in der alpinen Leistung ein gesundes Selbstgefühl erworben hat, der braucht weder die rücksichtslose Raserei, noch den Machtrausch der Gewalt zur Ehrenrettung seines Egos. Ich danke dem Alpenverein, dass er mit der Jugend-arbeit gleichzeitig die Erziehung zur Kameradschaft, Verantwortungsbewusstsein und Sicherheitsdenken fördert und damit den Sinn für objektive Gefahren und Einsicht für subjektive Grenzen schärft. Und wenn ich eine Bitte gegen einen gewissen Zeitdrang anmerken darf: Vielleicht sollte man immer dafür sorgen, dass man die Berge nicht nur als Hochleistungsstrecke oder überdimensionales Turngerät betrachtet. Der vierte Dank. Mein vierter Dank an den Alpenverein gründet in einem weiten Horizont. Ich denke hier an die Rolle, die der ÖAV und einige verwandte Organisationen im großen Zusammenhang der Gesellschaft spielen. Ich weiß, dass man mit großen Worten vorsichtig sein muss, aber ich wage von der epochalen Bedeutung des Vereins zu sprechen. Vor Jahren habe ich bei dem großen Schweizer Zoologen, Biologen und Anthropologen Adolf Portmann ein bemerkenswertes, fast prophetisches Wort, gelesen. Portmann hatte über das positive Wissen-Sammeln hinaus gehend eine ehrfurchtsvolle Vision des Lebendigen, der Natur, des Naturerlebnisses und seiner Bedeutung für den modernen Menschen. Er war der Überzeugung, und so hat er geschrieben, dass es für die Zukunft eine der wichtigsten Aufgaben sein müsse, den überzivilisierten, in seiner selbst gebauten Second-Hand-Welt gefangenen Menschen, immer wieder zur Begegnung mit der ursprünglichen Natur zu bringen. Es ist durchaus ganz richtig gesehen! Die Welt von Beton und Glas, die Welt der mühelosen Knopfdrucktechnik und der Plastik und der huschenden Bilder, die in zerfetzender Hast oft ange-boten werden und kein Schaudern mehr erlauben und die künstlich übersteigerten Sensationen und Sturzfluten vielfach belangloser Informationen, diese an sich ja großartige Zauberwelt blitzschneller Information und Kommunikation, das alles birgt doch auch Gefahren fürs Humanum. Neben dem Fortschritt und der großartigen Entfaltung menschlicher Tüchtigkeit ist Menschliches in Gefahr. Der Soziologe Karl Steinbuch hat seinerzeit das Buch geschrieben über den maßlos informierten Menschen und hat gewarnt. Heute übernehmen diese Warnungen namhafte Hirnforscher und machen auf die drohenden Gefahren dieses "way of life" aufmerksam. Diese Lebensart des modernen Menschen der hochzivilisierten Länder schreit nach Ausgleich. Im Sinne Portmanns in die Berge gehen ist nicht nur ein wenig Frischluft, ein bisschen Fitnesserwerb oder Felsakrobatik oder ein romantischer Anfall, das kann es auch sein, aber es ist eine andere Welt des Erlebens, ein anderer Rhythmus, der mich ergreift. Wenn ich die Welt beim Wandern in langsam vorbeigleitenden Bildern erlebe, wenn ich bei einem Bergbach raste, wenn ich auf anstrengenden Serpentinen gesund müde werde und wenn ich am Ziel angelangt vom tiefen Blick überwältigt bin, das ist eine andere Form des Lebens und ich bin dem Alpenverein dankbar, dass er zu dieser Form von Welterfahrung, gesunder Welterfahrung, motiviert und ermutigt. Damit leistet er einen wichtigen Dienst am Humanum. Und bei der Mitgliedszahl des Alpenvereins ist dieses Unternehmen nicht nur eine Winkelsache, sondern von gesellschaftlicher Bedeutung. Diese Wirkung des Alpenvereins in die Breite, dass man versucht, den modernen Menschen immer wieder in diese äußerst gesunde, ja ich möchte sagen, therapeutische Begegnung mit der ursprünglichen Natur zu bringen, im Sinne Portmanns, das ist ein epochales Verdienst. Meine lieben Freunde, mein letzter Dank geht in die Tiefe. Verstehen Sie mich bitte Recht, dieser Dank ist nicht nur die fromme Pflichtübung eines Altbischofs, der hier zufällig zu Wort kommt. Hinter diesem Dank stehen Tausende von Briefen, die ich bekommen und beantwortet habe: Generationsüberschreitende Briefe, berufsstandüberschreitende Briefe, Sprachgrenzen durchbrechende Briefe, Konfessionsgrenzen überschreitende Briefe und dazu kommen Begegnungen auf Wanderwegen und Hüttenbänken und manchmal vor Bergkreuzen, um die sich Menschen zu einer Bergmesse versammelt haben und auch das, waren in meinem Leben viele Tausende. Wie soll ich es ausdrücken? Ich spreche hier dem Alpenverein den Dank der Vielen aus, deren Herz in den Bergen Flügel bekommt. Die Bergwelt wirft der Natur den Mantel erhabener Majestät über und sie breitet den Teppich der Stille aus, auf dem das große Staunen und die Ehrfurcht Einzug halten kann. Der unermüdliche Wasserfall und die ragende Wand stimmen beide eine große Melodie an, die alle menschliche Arroganz, Blasiertheit und Überheblichkeit verstummen lässt. In einer wenig begangenen Rinne habe ich einmal einen Bergkristall gefunden. Unwillkürlich hält man inne, wenn man bedenkt, dass diese wunderbaren Blumen im Inneren der Berge Jahrmillionen zum Erblühen brauchen. Man wird klein vor dem Berg. Ich weiß, dass man sich heute mit dem Glauben schwer tut, aber die Berge führen doch fast jeden zunächst schon auf den Pfad der Nachdenklichkeit, wie die Mongolen in der Wüste Gobi einen besonders einsamen Karawanenweg nennen – ein Pfad der Nachdenklichkeit. Und ist es nicht so, dass man im Erlebnis der Berge das erfährt, was Psychologen das Geschenkerlebnis des Daseins genannt haben. Und Beschenkt-Sein drängt zum Dank. Fast naturhaft drängt Beschenkt-Sein zum Dank und ich kann beim besten Willen nicht physikalischen, chemischen oder biologischen Prozessen danken, ich kann überhaupt keinem "es" danken, weder einer Materie, noch einer Evolution, noch einem Universum, noch einem Zufall, noch Millionen von Zufällen. Ich kann nicht einmal dem unglaublich komplizierten Lebensgeheimnis einer Bergblume danken, die sich vor mir im Winde wiegt. Ich kann es bewundern. Danken, danken sucht ein "Du". Und so gibt es in den Bergen Wege zum Schöpfer. Dabei sind die Berge keine wortreichen, aufdringlichen, lästigen Sektenprediger. Sie bieten die Botschaft vom Schöpfer in vornehmer Verhaltenheit an. Aber nicht umsonst sind rund um den Erdball heilige Berge entstanden. Ich weiß, dass diese Erfahrung viele Tausende bewegt und in deren Namen spreche ich hier dem Alpenverein Dank aus, weil seine Zielsetzung, seine Bemühung, Menschen in die Berge zu bringen, vielen, sehr vielen, auch diese Dimension erschlossen hat. Und damit, meine lieben Bergfreunde, bin ich zum Ende gekommen. Der kleine Bergblumenstrauß für den Österreichischen Alpenverein ist damit gewunden. Eine unscheinbare, aber wunderbar duftende Edelraute, den vielen, vielen Engagierten und den Dienenden im Hintergrund. Ein blankes Edelweiß den Verantwortlichen, die für den guten Geist des Vereins – auch für die Entnebelung der Vergangenheit – und für die Verantwortung für die Schöpfung eintreten. Almrausch und Alpenrose kommt in diesen Strauß für alles Bemühen um die Jugend und als Dank für die Vielen, denen der Verein zur Begegnung mit der ursprünglichen Natur verholfen hat. Und schließlich einen vielblütigen, goldenen Platenigel als Dank, als Zeichen des Dankes, für alle, deren Herz in den Bergen Flügel bekommt. Und nun noch ein paar nicht welkende grüne Zirbenzweige rundherum als Zeichen dafür, dass der Österreichische Alpenverein nie welken soll und dass er weiter wirken und dienen soll von Generation zu Generation. Bischof Reinhold Stecher, Festrede 150-Jahre-Alpenverein, gehalten bei der Hauptversammlung am 20. Oktober 2012

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