Bischof Stecher Gedächtnisverein

Der Heilige Geist und das Auto

Festansprache zur Verleihung des Ökumenischen Predigtpreises I Bonn 2010

Immer wenn ich von den tiefsten und überwältigendsten Wahrheiten unseres Glaubens sprechen soll, stoße ich auf diese Schwierigkeit: Ich spüre das ganze Unvermögen meiner Sprache. Ich fühle mich an den Grenzen meines Denkens und meiner Mitteilungsmöglichkeit. Und doch soll ich die Botschaft weitersagen, dass sie da und dort ankommt. So geht es mir jetzt: Wie soll ich von dem reden, der alles erfüllt und alles bewegt – dem Heiligen Geist?



Mit dem Blick auf das Vorbild unseres Herrn wage ich es, auf die Suche nach Bildern und Vergleichen in unserer Lebenswelt zu gehen. Es war auf der Heimfahrt von einer Firmung, am späten Abend, durch das nächtliche Land. Da hat sich in mein Sinnen über den Geist Gottes das Auto in die Meditation gedrängt.

Das Erste, was mich bei der Fahrt durch die Nacht an den Geist erinnert hat, war der Scheinwerfer. Er tastet sich voraus, auch wenn vieles rundherum dunkel bleibt. Aber er erhellt die Straße, macht Mittelstreifen und Randlinien sichtbar, lässt die Reflektoren der Randsteine aufglühen und mit ihnen auch Kurven erfassen, die näher kommen. Er macht die Rücklichter von Fahrrädern erkennbar, die noch auf dem Weg sind. Der Scheinwerfer lässt Orientierungs- und Warntafeln aufleuchten, Abzweigungen und Stoppschilder. Mit anderen Worten: Der Scheinwerfer hilft mir, das zu erfassen, was ich brauche, um ans Ziel zu kommen.

Erkennen, was notwendig ist, um ans Ziel des Lebens zu kommen, so könnte man das große Geschenk des Geistes, die Weisheit, definieren. Die Weisheit ist vielmehr als das kreisende Licht des Wissens, das eifrig und unablässig Informationen sammelt, Berge von Daten, die unsere grauen Zellen gar nicht mehr bewältigen. Die Weisheit aber umschließt die Gabe des Werterkennens und der Werterfahrung und konzentriert uns auf das, worauf es ankommt. Und so müssen wir auf diesen Scheinwerfer vertrauen, dass wir die Straßenrichtung des Herrn erfassen, die Leitlinien seiner Weisung, die Leuchttafeln seiner Botschaft, die Reflektoren seiner Gebote, die den Rand zum Bösen markieren. In der Weisheit erkennen wir die Rückstrahler anderer, die auch auf dem Weg sind und die wir nicht überfahren dürfen in ihren Sorgen, Unsicherheiten und Sehnsüchten. Und die Weisheit lässt in den weitreichenden Strahlen des Scheinwerfers von weitem schon Kurven erkennen, will sagen notwendige Veränderungen – nicht in der Tiefe der Botschaft, aber in der Sprache, den Akzenten und den menschlichen Ordnungen, die nicht für ewig sind. Wie oft ist man in starrem Ultrakonservativismus stur geradeaus gefahren und im Straßengraben der Heilsgeschichte gelandet!



Das Geschenk der Weisheit ist nicht gleichzusetzen mit der Höhe des Intelligenzquotienten oder dem Erwerb akademischer Grade. Ich habe diesen Scheinwerfer des Heiligen Geistes so oft bei sehr einfachen Menschen angetroffen, die mit ihrer ganzen Existenz die tragenden Werte des Daseins erfasst haben. Jesus hat nicht umsonst gebetet: „Ich danke dir, Vater, dass du es den Weisen und Klugen verborgen, den Kleinen aber geoffenbart hast!“ Das Großartige dieser Gabe des Geistes ist, dass sein Scheinwerfer sich auf das Wesentliche konzentriert, nicht auf das Zweit- und Drittrangige, sondern auf den, der gesagt hat, dass seine Worte nicht vergehen. Darum kann man nur beten, dass auf allen Fahrzeugen der Ökumene diese Scheinwerfer des Geistes montiert werden.



Das Zweite, was mich beim Blick auf den Heiligen Geist im Auto nachdenklich werden ließ, war die Klimaanlage. Sie werden vielleicht denken, dass derartige technische Vergleiche im religiösen Bereich problematisch sind. Aber ich entferne mich nicht von der Schrift. Der heilige Paulus hat die Klimaanlage des Heiligen Geistes in Gal 5, 22 sehr schön beschrieben: „Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Friede, Freude, Langmut, Milde, Güte, Enthaltsamkeit ...“. Wir könnten gleich modern verdeutlichend ergänzen: Einfühlungsvermögen, Empathie, Verständnis, Solidarität, Kollegialität, Hilfsbereitschaft, Kooperation, Verlässlichkeit, Diskretion, nicht verurteilendes Denken ...“. Wir wissen alle aus unseren Lebensbereichen, was es bedeutet, wenn diese Einstellungen das Klima einer Gemeinschaft bestimmen – sei es nun in einer Schule, einem Pfarrgemeinderat, einem Mitarbeiterstab, einem Konferenzzimmer, einem kirchlichen Gremium, in einer Diözese, in einer ökumenischen Zusammenarbeit.

Wenn die Klimaanlage des Heiligen Geistes eingeschaltet ist, sind zwar nicht alle Probleme beseitigt, aber alles ist leichter zu bewältigen. Es ist jene Atmosphäre, die von einem Ja zum anderen Menschen gekennzeichnet ist und in der man mit Freude arbeitet und arbeiten lässt. Das Klima des Heiligen Geistes wird gestört durch Unfähigkeit zur Einfühlung, hintergründiges Misstrauen, Intrige, autoritäre Bevormundung und geheime Netze der Überwachung. Die Klimaanlage des Heiligen Geistes verbreitet ein Flair von Milde, Menschlichkeit und Vertrauen. Ich vermute, dass Ihnen allen das Leben diese Tatsachen genauso bestätigt wie mir. Es ist wie im Auto – ohne Klimaanlage wird die Fahrt im Winter wie in der Sommerhitze belastend. Wir können den Heiligen Geist nur bitten, dass wir die Schaltknöpfe seiner Anlage in der rechten Weise bedienen, soweit es auf uns ankommt ...



Die Heilig-Geist-Meditation im Auto hat mich noch bei einem dritten Punkt verweilen lassen: Bei der Zündkerze. Das ist also die Stelle, die den Motor in Bewegung setzt. Es ist nach dem Zeugnis der Schrift immer so, dass Gottes Geist den Motor des Heils in Bewegung setzt. Er ist immer der, der uns zuerst liebt: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“, hat der Herr gesagt.

Aber ich möchte das Bild von der Zündkerze im Zusammenhang mit dem Wirken des Geistes in Kirche und Welt noch etwas pointierter fassen, mit dem Blick auf ein besonderes Ge-schenk, das wir so nötig haben: Ich meine den Funken des Schöpferischen in der Christenheit. Sogar im Bereich des Humanwissenschaftlichen bleibt die Kreativität etwas Geheimnisvoll-Rätselhaftes. Man kann sie beschreiben, man kann günstige Bedingungen für sie aus-machen (wozu übrigens das eben erwähnte Klima gehört), man kann von ihrer großen Bedeutung in Bildung und Leben sprechen. Aber sie ist nicht einfach machbar. Ich kann mich nicht hinsetzen und sagen: „Nun sei einmal schön schöpferisch ...“. Sie behält, auch im Bewusstsein des großen Künstlers, den Charakter des Geschenks, des Überraschenden und Nicht-Kanalisierbaren.

Auch in der Heilsgeschichte und dem Leben der Kirche ist dieser schöpferische Funke des Geistes immer im Bereich des Unberechenbaren – wie im Spiel der Evolution in der Schöpfung. Auf einmal blitzt eine religiöse Idee auf, ein Gedanke, ein Einfall, eine pastorale oder soziale Initiative, die in der Epoche den Nagel auf den Kopf trifft. Der Plan zu einem Konzil, mit dem Johannes XXIII seine ganze Umgebung überrascht und manche geschockt hat, gehört hierher wie die spirituelle Bewegung von Taizé, die Hospizbewegung, die um die Würde des Sterbens bemüht ist, und alle Bemühungen, sich den Katastrophen der Erde entgegenzuwerfen. Und die Zündkerze des Geistes flammt in der frommen Melodie Johann Sebastian Bachs auf und in der Psalmenübersetzung Martin Bubers. Der schöpferische Funke des Geistes überspringt amtliche Ordnungen und Dienstwege, kennt keine Einbahnstraßen, überschreitet konfessionelle Grenzen. Seine Spielwiese ist das All – und er hat nur ein Ziel: das Heil. Er leuchtet in der Vision des großen Theologen – aber manchmal blitzt er zwischen Volksschulbänken auf, wie damals, wie mir der Neunjährige sein Bild von Gott gezeigt hat. Es waren lauter bunte Flecken. „Das musst du mir erklären!“, habe ich gesagt. „Also“, hat er gemeint, „Rot bedeutet, dass Er uns gern hat. Grün heißt, dass Er alles erschaffen hat, Blau soll sagen, dass Er sehr großzügig ist ...“. „Und was bedeutet Schwarz?“, habe ich gefragt. „Schwarz bedeutet, dass wir viel zu wenig an ihn denken ...“. Da springt einem der schöpferische Funke des Geistes fast blendend entgegen, aus Kindermund.

Es ist tröstlich, dass diese Zündkerze der Liebe immer wieder funktioniert, weil in der Kirche manchmal Motoren absterben und nicht recht anspringen wollen. Und diese Impulse sind die Zeichen des großen Mutmachers, des Parakleten, dass er immer am Werk ist.



Das war sie, die kleine Automeditation über den Heiligen Geist, auf der nächtlichen Heimfahrt durch ein dunkel gewordenes Land. Aber die Schatten des Daseins sind nicht so bedrückend, wenn der Scheinwerfer der Weisheit das erkennen lässt, worauf es ankommt, wenn die Klimaanlage halbwegs funktioniert, die uns mit menschlichem Flair umgibt und wenn hie und da die Zündkerze ihre Funken des Schöpferischen sprühen lässt, die die Motoren der Liebe in Gang setzen. Der Geist Gottes, der das All erfüllt, sorgt dafür, dass wir nach Hause kommen.

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