Bischof Stecher Gedächtnisverein

Kleiner Küchenleitfaden für Predigt und Verkündigung

Vortrag beim Einkehrtag für Diakone I 1998

Liebe Mitbrüder!
Mit der Diakonatsweihe vertraut euch die Kirche in besonderer Weise die Predigt an, auch die Predigt im Rahmen der Eucharistiefeier. Das ist eine große Sache - im wahrsten Sinn des Wortes. Ihr sollt in die große Bewässerungs- und Beregnungsanlage des Heils einbezogen werden, die ihre Quellen und Wurzel in keinem geringeren Mysterium hat als in dem des Ewigen Wortes, in dem alles geschaffen wurde, das vom Vater ausgeht und diese Welt und den Menschen liebend und erhellend umarmt. Gleichzeitig aber werdet ihr zu dieser Aufgabe in einer Zeit berufen, in der gerade die Wortverkündigung der Kirche eine vielbeklagte Krise erlebt. Es gibt Entfremdungstendenzen von Kirchensprache und moderner Menschen weit, die man nicht verleugnen kann. Diese Entfremdung wird durch ständige Hochwasserfluten von Dokumenten, Verlautbarungen, Stellungnahmen, Hirtenbriefen und unzähligen Wortspenden nicht besser, sondern eher verschärft. Der Gang zum Ambo wird also eine sehr verantwortungsvolle Sache. Ich muss euch gestehen, dass mir das Wort in der Kirche von heute immer ein großes Anliegen war. Und nun, am Ende angekommen, muss
ich auch gestehen, dass es Mühe kostet - und Mühe wert ist. Darf ich deshalb einige Erfahrungen hinsichtlich des Verkündens und Predigens in einer etwas gelockerten Form zusammenfassen. Ich habe mir ein kleines
Kochbuch zur Predigt zusammengestellt. Mit dem Vergleich Wort und Menü liege ich durchaus auf biblischer Ebene. Der heilige Paulus hat schon von Milch und fester Speise gesprochen: "Milch gab ich euch zu trinken statt fester Speise; denn diese konntet ihr noch nicht ertragen" (1 Kor 3, 2), wenn er von seiner Verkündigung geredet hat- und der Prophet bekommt die Botschaft Gottes in der Form einer Buchrolle zu essen: "Menschensohn ... iß diese Rolle! Ich öffnete meinen Mund, und er ließ mich die Rolle essen" (Ez 3, 1 ).

Denk immer daran, dass du in der Großküche des Heils immer nur ein kleiner Küchenlehrling bleibst.

Das eigentliche Gelingen dieser Kochkunst überwacht ein Größerer. Ihm musst du vertrauen und ihn musst du anrufen, dass dein bescheidener Beitrag einigermaßen gelingt. Ich habe es seinerzeit bei der Erfassung der einschlägigen Literatur zur Vorbereitung des Religionsunterrichtes immer als Manko empfunden, dass neben seitenlangen Ausführungen 1m theologischen, religionspsychologischen, didaktischen und katechetischen Bereich von der existentiellen Vorbereitung fast überhaupt nicht die Rede war- und bei uns ist es so entscheidend, dass du deine Hörer geistigerweise vor den Herrn hinstellst, sie ihm empfiehlst, um den rechten Einstieg und die nötige Klugheit betest. Du brauchst seine Hilfe nicht nur für das, was in d e i n e m Herzen und d e i n e m Kopf passiert, sondern vor allem für das, was in i h r e m Herzen und i h· r e m Kopf geschieht. E r muss der Reisebegleiter deiner Worte sein. E r ist der Küchenchef des Heils.

Nimm für deine Kochkunst nur gute Materialien, keine Surrogate!

Das ist doch die Grundvoraussetzung eines guten Restaurants. Eben war ich in Italien in einer sehr bescheidenen und äußerst preiswerten Trattoria in der Seitengasse eines Städtchens. Es gab kein raffiniertes Gedeck und einfache Tische. Aber was man vorgesetzt bekam, war echt. Der selbstgezogene Wein und das Olivenöl, der frische Salat und das wunderbare Brot. Und das Essen war einfach gut, weil die Grundstoffe echt waren. Darauf müssen wir bei unserer Predigt achten: Wir dürfen nur gute Materialien verwenden, d.h. studierte und meditierte Heilige Schrift, seriöse Theologie, nicht irgendwelche Privatoffenbarungen, Traktätchen und verdächtige Ergüsse, in denen ein Autor so tut, als säße er im Sekretariat des lieben Gottes. Keine fromme Winkelliteratur! Nimm echte Erfahrungen aus dem Leben, versuche immer wieder solche
Erfahrungen wahrzunehmen. V ersuche auch, mit echten Gefühlen deines Herzens hinter deinen Worten zu stehen. Darum braucht Predigtvorbereitung Zeit. Gefühle brauchen Anlaufzeiten, die kommen nicht auf Knopfdruck. Wie hat Nietzsche einmal gesagt? "Man muss lange Wolke sein, bis es regnet ... " Bei der Suche
nach dem Echten kannst du den Scheinwerfer auf dem Meer des Geistes weit kreisen lassen. Es gab oft große Anregungen in der Weltliteratur, in der Weisheit der Völker ... Der Heilige Geist wirkt universal.

Variiere dein Menü je nach deinen Gästen.

Natürlich bleibt die Botschaft im Letzten immer dieselbe. Aber Sportler brauchen eine andere Sprache als Erstkommunionkinder, Schützenkompagnien eine andere als Karmelitinnen, Wallfahrer eine andere als Jungschargruppen. Es ist bestürzend, wenn ein Sonntagsmesspublikum mit intellektuellen Floskeln
überschüttet wird, die höchstens die Gähnmuskulatur anregen. Denk daran, dass die einfachste Kindersprache im Letzten genau so tief sein muss wie ein spiritueller Vortrag - und dass das Einfachwerden ohne zu simplifizieren die große Kunst ist. Auf solche Kinderpredigten fahren auch Erwachsene ab, auf das allzu Gescheite fast niemand. Es springt ja auch niemand auf einen Schnellzug auf. Kranke brauchen Trost, Kinder brauchen Fröhlichkeit, Intellektuelle brauchen Weisheit, die den Hausverstand nicht verachtet und doch nicht von dieser Welt ist, Fernstehende brauchen Erinnerung an das, was ihnen fehlt, einen Verstärker für die Hoffnung, die unter der Asche der Enttäuschungen ja doch glimmt, Arrogante brauchen hie und da einen Dämpfer, Selbstgerechte brauchen eine Demaskierung der menschlichen Abgründe - und alle brauchen die
befreiende Wahrheit Jesu. Dieses Hineinfühlen und Hineindenken gibt deiner ja meist als Monolog gehaltenen Predigt einen dialogischen Charakter, den sie in der Kirche oft leider nicht hat.

Walze keinen Strudelteig aus!

Im Gasthaus kann es auch Portionen geben, bei denen man den Mut verliert. So ist die Quantität der Worte kein Maßstab für die Qualität der Verkündigung. Wenn man über den Sonntag 100 Seiten schreibt, besteht die Wahrscheinlichkeit, dass es keiner liest. Nach höchstens zwölf Minuten muss bei dir die unsichtbare Küchenuhr "Klick" machen. Wenn du das überhörst, werden die Zuhörer einen Wecker brauchen, weil sie einschlafen. Die Konzentrationsmöglichkeit eines jeden ist dann herabgesetzt. Wenn du länger predigst, müsstest du sehr, sehr
interessant sein. Manche bestellen nach dem Essen einen "Verlängerten". Aber das ständig verlängerte Amen ist ein schlechter Schlusspunkt. Hast du nicht selbst erlebt, wie du bei einer Predigt als Zuhörer ganz spontan immer wieder "Amen" formuliert hast? Und immer wieder ist ein neuer "Verlängerter" gekommen ... Unsere Predigt soll Hoffnung wecken, aber nicht Hoffnung auf das Amen. Übrigens: schriftliche Vorbereitung ist das beste Mittel gegen diese Verlängerungen. Wer kein klares Konzept hat, ergeht sich in Wiederholungen.

Rühre keinen italienischen Salat zusammen.

Der ist zwar an sich gut, aber was ich hier sagen will, ist Folgendes: Pack in die Predigt nicht zu viel hinein! Komm nicht vom Hundertsten ins Tausendste. Wer in die Predigt zu viel hineinschneidet, sagt nichts mehr. Da nützt dann auch fromme Mayonnaise nichts, die man am Schluss drüber schüttet. Beschränke dich im Thema. Kreise um eines, um ein Gleichnis, um ein Bild, um einen Gedanken, um ein Grundthema. Man kann nicht einfach alles zusammenrühren. Am besten haben mir immer die gefallen, die mir ein paar Minuten vor der Predigt, die ich tagelang vorbereitet habe, noch zugeflüstert haben: Dazu und dazu sollten Sie auch was sagen, die Leut' brauchen's ... Die Leute müssten nach der Predigt sagen können, worüber gesprochen wurde. Dazu braucht es Gliederung, geordnete Zielsetzung, Verweilen bei Bildern. Sie sollte wie ein Kristall sein, den man im Licht dreht- und der Farben aufleuchten lässt. Und manchmal ist ein lebendig gebrachter Gedanke völlig genug. Keinen Gedankenbrei aus Plattitüden und Worthülsen! Versuche nicht, alles unterzubringen, sonst bringst du nichts heraus.

Streich die fromme Marmelade nicht zu dick auf!

Die echte Frömmigkeit hat's wie die echte Liebe: sie hat eine Scheu vor allzu vielen Worten. Beim Essen sagt man "Es widersteht mir, weil es zu süß oder zu fett ist. Nun sind wir ja heute nicht mehr in Gefahr, in unseren Predigten Passagen zu verwenden, wie ich sie in einemfrommen Buch aus dem Jahr 1800 gefunden habe: "Hier, christliche Seel, lasse einen Seufzer fahren, oder zwei, wenn du kannst." Ich meine mit dieser Warnung, dass die religiösen Appelle, Aussagen oder Phrasen nicht knüppeldick daherkommen dürfen. Wir essen daheim ja auch die Suppe und nicht den Suppenwürfel. In vielen kirchlichen Aussagen wird heute nicht bedacht, dass es in der Verkündigung Einstimmung, Vorspiele, Hinführungen braucht, eine seriöse Verlebendigung von Schriftpassagen, Bildern, Vergleichen. Vieles hat bei uns den Charakter von Konzentraten aus dem Plastikbeutel. Das theologische Mehl genügt auch nicht, selbst wenn es noch so gut ist. Es muss gebacken werden. Die heute entwickelte Backkunst mit den vielen Brotsorten könnte uns ein Vorbild sein. Das "Fromme" in der Verkündigung hat sehr viel mit dem Echten zu tun. Echte Frömmigkeit hat ein vornehmes Understatement, schon deshalb, weil in dem Augenblick, in dem das Mysterium im Spiel ist, es uns doch normalerweise etwas die Rede verschlägt. Das ist keine Abwertung, sondern eine Aufwertung der Frömmigkeit.

Verwende Zitate behutsamer als den Pfefferstreuer!

Die Häufung von Zitaten ist ein vielgebrauchtes innerkirchliches Schlafmittel. Heutzutage wird viel zitiert, manche zitieren sich schon selbst. Man zitiert beste Autoritäten schon deshalb gerne, weil einem dann niemand an den Wagen fahren kann. Das Zitat wird sozusagen zur Sicherheitsstrecke. Selbst hinsichtlich der
Heiligen Schrift ist ein Zitatendauerfeuer nicht zu empfehlen. Es entwertet das Wort. Nimm eine Stelle, die dir besonders geeignet vorkommt, manchmal ist es gut, eine zu nehmen, die nicht gar so abgehraucht ist. Aber das viele Zitieren bringt den Eindruck einer Entpersönlichung der Verkündigung. Nicht "einer" spricht, sondern "es" spricht. Anderseits ist natürlich hie und da ein Zitat sehr gut und nützlich. Aber man sollte damit umgehen wie ein französischer Koch mit den Gewürzen.

Es kommt viel darauf an, wie serviert wird.

Man isst auch mit den Augen, sagt das Sprichwort. Vergiss in der Verkündgung die bildhafte Sprache nicht. Wie wunderbar hat sie der Herr benützt! Das Bild spricht Kinder an, es bleibt auch Erwachsenen im Gedächtnis. Begriffe flüchten, Bilder bleiben. Und dann ist am Bild noch etwas Entscheidendes: Bilder bergen das Mysterium. Obwohl wir das Rational-Theolgische immer im Hintergrund haben müssen, der Reichtum des Geheimnisvollen hält sich nur im Bild. Es ist ein großer Unterschied, ob man von der Kirche als einer "Heilsanstalt" spricht (so einst die Theologie) oder vom wandemden Gottesvolk Und es ist nicht gleich, ob
man von der Buße nur 5 Punkte eintrommelt oder die Geschichte vom verlorenen Sohn nahe bringt. Und wenn schon vom Servieren gesprochen wird: Hie und da darf in der Verkündigung auch etwas Humor dabei sein- wie das Blättchen grüner Petersilie beim Aufschnitt. Womit ich aber nicht zum Ausdruck bringen will, dass man beim Predigen aufschneiden soll. Wenn du mit gutem Willen alles getan hast, empfiehl dein Wort noch einmal dem, von dem allein her es lebt und durch den allein es Erfolg haben kann. Vertraue auf seinen Beistand, versuche sich erhebende Eitelkeiten zu durchschauen, die sich bei uns immer wieder aufdrängen. Lass dich ganz in den großen Strom ein: Dein Reich komme! Und dann wird der Herr unsere sicher immer dürftigen
Menüs der Verkündigung einmal mit dem großen Hochzeitsmahl beantworten, wo dann alles perfekt ist.

Vortrag beim Einkehrtag für Diakone, gehalten im September 1998.

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