Bischof Stecher Gedächtnisverein

Gedanken zur Freiheit

Essay abgedruckt im Tiroler I Almanach 1996/97

Wer sich am Ende dieses Jahrtausends auf die Rastbank des Geistes setzt, um in die Vergangenheit zurückzublicken und sich in der Gegenwart umzusehen, hat es bei der Suche nach der Freiheit wahrhaftig nicht leicht. Es wurden zu viele verlogene Banner der Freiheit entrollt, zu viele große Worte gemacht, die nicht hielten, was sie versprachen. Da wehte einst über Frankreich die stolze Fahne mit der verheißungsvollen Parole "Libertè" und immer wieder donnert zur Gedächtnisfeier einer Parade über die Prachtstraßen von Paris, aber damals erklang als Begleitmusik das hunderttausendfache Sausen des Fallbeils. Der grauenvolle Rhythmus der rollenden Köpfe war nicht gerade eine überwäl¬tigende Hymne der Freiheit. In deutschen Landen stieg aus den Gesängen der Freiheitskriege und der Romantik das Pathos der nationalen Freiheit wie die flammenden Feuer über dem Rhein empor und man sang vom "Gott der Eisen wachsen ließ und keine Knechte wollte“. Aber auch die Freiheit vom Tyrannen, gegen den man auszog verdunstete rasch - so rasch wie die alten Freiheiten der Tiroler unter dem Österreich Metternichs. Die diversen Adler auf Europas Fahnen und Standarten breiteten stolz ihre Schwingen als Symbole der Freiheit kamen, dann muss man wohl sagen, dass die erhabenen Wappenvögel zu gerupften Hennen verkamen. Der findige Geschäftssinn hisste im 19. Jahrhundert die Fahne der grenzenlosen Freiheit über dem heraufkommenden Industriezeitalter, den Freibrief für das Recht des Stärkeren, für Gewinn, Vorteil, bedenkenlosen Konkurrenzkampf und sozialer Rücksichts¬losigkeit. Unter dieser Fahne, die durchaus der wirtschaftlichen und technischen Dynamik diente, blühte aber auch neben den rauchenden Schloten Ausbeutung, Arbeiterelend und täglich zehnstündige Kinderarbeit . . . Was Wunder, dass daraufhin die andere Fahne der Freiheit mit hochgereckten Fäusten geschwenkt wurde, der rote Fahnenwald der Freiheit für die geknechteten Proletarier, die Banner gegen die Herrschaft des Kapitals und der Besitzenden. Aber als diese Fahnen die Macht über ganze Staaten und Kontinente übernahmen, siechte unter ihnen die Freiheit in Massenmorden, Vernichtungslagern, Zwangsarbeit, NKWD und STASI dahin. Die Panzer walzten die Freiheit nieder - in Berlin, Budapest, Prag und auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking.
Das Pathos der Freiheit in der nationalsozialistischen und faschistischen Epoche habe ich selbst noch erlebt. Da dröhnte es mit Trommelwirbel durch die Straßen: "Nur der Freiheit gehört unser Leben, unsere Fahne dem Wind ..." oder "Freiheit ist das Feuer, ist der helle Schein ..." Hinter diesen begeisterten Chören der Jugend entstand dann das im Schrecken erstarrende Europa der Zerstörung, des Stacheldrahts, der Verbrennungsöfen und des namenlosen Elends. Und die italienische Ausgabe dieser Ideologie hatte für Staatsbürger anderer Sprache und anderer Denkungsart nur Beile und Rutenbündel bereit. Es wurden so viele verlogene Banner der Freiheit entrollt. Leider kann man sich nicht damit beruhigen, dass der ganze Spuk nun doch zum Großteil in den Rumpelkammern und Abfallkübeln der Weltgeschichte ruhen müsste. In allen Ländern gibt es Leute, die damit beschäftigt sind, die mottenzerfressenen Fahnentücher hervorzuholen und sie wiederum zu hissen - in einem Akt unfassbarer Verdrängung und Vergesslichkeit. Man hängt an den ausgedienten Fetzen ein demokratisch gesticktes Fahnenband als Aufputz und Feigenblatt und schwenkt ihn wiederum mit der Verheißung der Freiheit. Und trotz dieser düsteren Bilanz ist echte Freiheit immer aufgeblüht, wie ein zartes Grün zwischen den Ruinen. Aber wie oft hat man dieses zarte Grün für Unkraut gehalten! Man muss nur an die schmerzliche Geschichte der Menschenrechte denken. Ich habe bei dieser Betrachtung auch als Christ und Bischof nicht sehr viel Platz für selbstgefällige Gefühle. In der Botschaft Jesu liegt ja eine große Potenz zu Freiheit und Menschenwürde. Aber im Detail war es selbst im kirchlichen Raum um die Anerkennung der Gewissens- und Religionsfreiheit schlecht bestellt. Wie oft erstickte die Freiheit in den verhängnisvollen Verbindungen von Kirche und Macht, in der Inquisition, im Umgang mit den Völkern der neuen Welt, in den Religionskriegen und in den subtileren Formen des Zwanges. So manches Missverständnis der menschlichen Freiheit hat erst das Konzil geklärt. Jene Freiheit, die zur Menschenwürde gehört, hatte in der Geschichte der Menschheit einen schweren Stand, obwohl sie immer wieder mit Aggressivität und hochtönenden Worten beschworen wurde.
Wenn ich darum in diesem kleinen Essay jene Formen andeuten möchte, die ich meine und einen ich trotz allem unwirtlichen Klima dieser Welt eine Chance zum bescheidenen Blühen gebe, dann tue ich das in einer Weise, die nicht auf Transparente passt. Aber mit dieser behutsameren und sanfteren Formulierung der Freiheit gehe ich nicht nur denkerisch, sondern auch sprachlich zurück zu den Quellen. die indogermanischen Wurzeln des Wortes "frei" besagen nämlich "schützen, schonen gernhaben, lieben ..." Und so wünsche ich mir für die Verwirklichung humaner Entwicklung in Politik und Gesellschaft in unserem Land jene Freiheit, die aus ausgewogenen Ansprüchen und Verzichten blüht. Die geballten Fäuste, die schmetternden Lieder, die populistischen Schlagworte und die stolzen Fahnen haben eigentlich nicht viel Wirkung gezeigt, was die Freiheit betrifft. Aber aus der jüngsten Geschichte Tirols und Österreichs wissen wir, dass in der besten Epoche unseres Landes das Ringen um Ausgewogenheit und der grundlegende Respekt vor dem Rechtsstaat das relativ höchste Maß an Freiheit für die Vielen gebracht haben, trotz aller eingestandenen Mängel. Diese bescheidene Freiheit braucht sehr viel an Geduld, Toleranz, Selbstbescheidung, Gesprächsbereitschaft und öffentlichem Ethos. Bedroht wird sie von der Rücksichtslosigkeit der Interessen und der Maßlosigkeit der Zeiten. Aber hinter aller Maßlosigkeit lauert die Tyrannei. Darum plädiere ich für diese mühsame, schrittweise und unspektakuläre Verwirklichung von Freiheit, die die Ansprüche wägt und zu Verzichten bereit ist und deshalb auf die Schwachen nicht vergisst. Wir müssten uns immer wieder an die Sprachwurzel des faszinierenden Wortes "frei" erinnern: Schützen, schonen, gernhaben, lieben ...
Es gibt aber eine Freiheit, die noch leiser ist als die genannte. Es ist die verborgene Freiheit des Herzens. Auch sie ist kein strahlender Besitz sondern ein Gegenstand ständigen Ringens - und dieses Ringen ist nie zu Ende. Diese Freiheit schwenkt auch keine plakativen Fahnen, sondern setzt sich in den Tiefen der eigenen Seele mit immer wieder aufsteigenden Egoismen, lähmenden Ängsten, verborgenen Verbitterungen, mit Vorurteilen, Engstirnigkeiten und Fanatismen auseinander. Sie wagt den Blick auf’s eigene Versagen und die verdrängte Schuld. Die verborgene Freiheit des Herzens weiß um das Ja zum Anderen, zum Leben und zum Dasein und zu Gott. Und sie wittert die Chance zum Guten. Es ist die Freiheit, die der Psalm besingt: "Du führst mich hinaus ins Weite" ...Diese Freiheit geht auf leisen Schritten durch die Welt. Sie weiß um ihr Bedroht-Sein und ihre Mängel und darum posiert sie nie mit Fahnen und Parolen. Aber wenn du einem Menschen begegnest, der sie in Ansätzen besitzt, wird die Welt ein wenig heller.

Essay abgedruckt im Tiroler Almanach 1996/97

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