Bischof Stecher Gedächtnisverein

Kirche im Dialog

Vortrag zum 25-jährigen Bestehen vom „Haus der Begegnung“ - 1991

Es ist mir durchaus verständlich, dass mir von einem Haus, das sich nun 25 Jahre „Haus der Begegnung nennt, und Haus „Haus der Begegnung“ in hohem Maße ist, das Thema gestellt wird: „Kirche im Dialog“. Denn für dieses Haus und für seine Zielsetzung sind der Dialog und die Dialogfähigkeit sozusagen eine Existenzfrage. Wie sollte es zu „Begegnung“ ohne Dialog kommen? Und weil dieses Haus ein Haus der Kirche ist, wird für seine Zielsetzung auch immer entscheidend sein, wie dialogfähig die Kirche ist. Somit rührt dieses Thema an die Fundamente dieser für Innsbruck und Tirol so segensreichen Gründung. Es gibt Menschen in der Kirche, bei denen das Wort Dialog ein gewisses Misstrauen wachruft: Sind wir damit nicht mitten im Prozess dieser Auslieferung der Kirche an die Welt, den Unglauben, das Heidnische? So fragen sich vielleicht manche. Werden da nicht alle klaren Haltungen und Über-zeugungen ewig hinterfragt und niedergeredet, wird hier nicht das Geschäft der großen Verun-sicherungsgesellschaft betrieben? Und andere könnten die nicht mehr enden wollende und vor nichts haltmachende Demokratisierungswelle hinter der Forcierung des Dialogs vermuten, jenes Gerede aller und jedes zu allem und jedem, zur Veränderung eines Kooperators (was an sich selbstverständliches Ereignis ist), jene Entwicklung in der Kirche, dass alles und jedes unzähligen Gremien und irgendwie Betroffenen vorgelegt werden müsste, so viele Meinungen eingeholt werden müssten, dass schließlich die selbstverständlichsten Entscheidungen zum Großproblem werden. Es wird also in einer dialogentfesselten Kirche jedes Problemchen wie ein Würstel behandelt, zu dem Dutzende von Senftuben ihren Beitrag leisten wollen… Die Sache wird doch ungenießbar. Und eine andere Hemmung gegenüber dem hochstilisierten Dialog könnten manche wieder darin sehen, dass in einer Atmosphäre des forcierten Dialogs diejenigen am meisten und am lautesten reden, die am wenigsten zu sagen haben, aber über das beste Mundwerk verfügen und einen unstillbaren Hang zur Selbstdarstellung besitzen… Es gibt sicher viele Fehlformen des Dialogs – wer kann das bestreiten – innerhalb und außerhalb der Kirche. Aber die Fehlformen dürfen uns nicht davon abhalten, den echten Dialog in- und außerhalb der Kirche zu suchen. In dieser unserer Welt reichen die Strukturen des Verordnens, Dekretierens, Betreuens und Regierens nicht mehr. Die Zeit verlangt eine dialogfähige Kirche. Welche Kirche ist nun dialogfähig im besten Sinn des Wortes? Eine tief-glaubende Kirche Der wirklich tiefe Glaube ist nämlich von seinem Wesen her ein dialogischer. Gabriel Marcel hat einmal gesagt: „Wenn man Gott nur in der dritten Person nennt, verfehlt man ihn…“ Der christliche Glaube ist kein Glaube an ein bloßes „Es“, an bestimmte Sätze oder Paragraphen, sondern ein Glaube zu einem „Du“ hin. In der Psalmübersetzung Martin Bubers, der den Geist der hebräischen Sprache mit ihrer ganzen Unmittelbarkeit und persönlichen Intensität im Deutschen zum Ausdruck bringt, wird „Jahwe“ sehr oft mit „Du“, ja wiederholtem „Du“ wiedergegen. Wenn einer, der von Gott spricht, nicht dieses lebendige „Du“ im Herzen trägt, bei dem wird das Wort Gott zu Kaugummi. Immer wieder genannt, ekelt es mit der Zeit den Hörer an… Eine tiefglaubende Kirche, der man ihre Verbundenheit mit Christus abnimmt, hat den archimedischen Punkt für den Dialog. Sie kann sich darauf einlassen, ohne den Weg der Wahrheit zu gefährden. Und in jedem Dialog mit Menschen ist der Dialog mit Gott über unser Menschenleben geschlossener. Sie ist dann eben eine vertrauende Kirche Ich meine hier das Vertrauen in das Walten des Geistes, der die Welt durchweht, überall und unberechenbar. Die größte Schranke für den Dialog sind die Ängste. Eine angsterfüllte Kirche wird dialogunfähig, eine Kirche, die nur Gefahren und Abgründe wittert, Klippen und Wogen, wie soll die die Segel für den wehenden Geist setzen? Natürlich heißt es wachsam sein, und unterscheiden, natürlich muss man bei voller Fahrt das Lot auswerfen und den Ausguck besetzen, damit man nicht auf Grund kommt und das Ziel verliert. Aber der Geist ist uns doch verheißen, warum überlassen wir uns ihm nicht ein wenig mutiger? Selbstverständlich sind wir nicht von allen Einseitigkeiten gefeit – aber wer hat schon ein Segelschiff in voller Fahrt gesehen, das nicht ein bisschen Schlagseite hat? Dialogfähig ist weiterhin nur eine gebildete Kirche Zur Bildung gehört nicht, dass man alles weiß. Aber die Kirche braucht sehr viele Menschen, die die so hoch gepriesene Gabe der Unterscheidung haben. Die wissen, was für das Reich Gottes wesentlich und was unwesentlich ist, wo die Sache Gottes auf dem Spiel steht und wo nicht, wo es sich um ein göttliches Gebot oder um einen göttlichen Auftrag handelt und wo Menschensatzung zur Debatte steht. Ich wünsche mir in der Kirche von heute nichts sehnlicher als das. Dummheit in Grundfragen des Glaubens können wir uns wirklich nicht leisten. Mangelnde Horizonte machen auch ihrerseits wiederum ängstlich. Man ortet Gefahren, wo gar keine sind. Neulich habe ich einen Nebel- und Wolkenflug mit dem Hubschrauber durch Tirol gemacht. Der eingeschränkte Gesichtskreis macht automatisch vieles drohender, gefährlicher. Darum brauchen wir eine Kirche mit geistigem Niveau. Und dieses Niveau züchtet man nicht in Ghettos. Und so brauchen wir für den Dialog eine lernbereite Kirche Man redet immer nur von der lehrenden Kirche – die hat natürlich eine große Bedeutung. Aber damit sie gut lehren kann, muss sie lernbereit und eine hörende Kirche sein. Sie muss wirklich nach dem Grundsatz der Schrift leben: „Prüft alles, das Gute behaltet…“ Wir müssen ja immer wieder neu lernen, weil niemand in der Kirche, kein Lehramt und keine Theologie, je die Wahrheit Christi ausschöpfen kann, weil die weißen Flecken auf der Landkarte unseres Verstehens und Wissens nie verschwinden. Und so widersprüchlich das in den Ohren mancher Katholiken klingen mag – die Kirche muss auch von außerhalb lernen. Denn manchmal erlaubt es der Herr, dass außerhalb der Kirche manche Wahrheiten erkannt werden, die in der Kirche bisher verborgen geblieben sind. Ich erinnere in diesem Zusammenhang nur an die Geschichte der Menschenrechte. Und darum glaube ich auch, dass zum Dialog nur eine demütige Kirche fähig ist. Ich meine damit eine Art „kirchengeschichtlicher Demut“, einer Demut, die einfach aus der nüchternen Erkenntnis entspringt, dass der Weg der Kirche durch die Zeit ein streckenweiser sehr mühsamer und keineswegs triumphaler war. Eine Kirche, die da als stereotype Formel wiederholt: „Die Kirche hat immer schon…“ wird nicht leicht dialogfähig sein. Gewiss hat die Kirche immer schon die Führung des Geistes gehabt, gewiss ist in der Kirche immer schon der Herr präsent geblieben, gewiss waren in der Kirche immer schon die heilende Botschaft und das Walten der Gnade, der Segen der Sakramente und das Streben zu Gott, aber es war auch anders in ihr: Schatten und Abgründe, beschämende Engführungen und versäumte Chancen. Und wer das verdrängt oder gar der Meinung ist, das dürfe man um die Wahrung der Autorität willen nie zugeben, der verliert die Fähigkeit zum Dialog, weil er die Glaubwürdigkeit verliert. Zur Sprache der Kirche darf hie und da ruhig das Wort gehören: „erravimus“, „wir haben geirrt“. Und dieses Wort vermisse ich in der Kirchensprache. Der Dialog verlangt natürlich zutiefst eine weltzugewandte Kirche Diese Weltzuwendung ist mit dem Liebesgebot dem Christentum aufgegeben. Es ist auch immer wieder sein Problem und seine Versuchung. Die Geschichte mancher Orden zeigt, wie sehr eine großartige Weltzuwendung und Kulturleistung auch zur Verweltlichung und zum inneren Abstieg führen kann. Sicher verlangt die gesunde Weltzuwendung auch den am Anfang genannten Punkt, den tiefen Glauben und mit ihm eine dazugehörige Distanz von allen Dingen, aber wir müssen Gottes Liebe hineintragen in die Welt, verkünden, sprechen, Hemmnisse aufdecken, Barrikaden geduldig beiseite räumen, gefährliche Minen entschärfen, Schwierigkeiten verstehen, Positionen auf ihr Anliegen überprüfen, um Wahrheit ringen, argumentieren, ohne zu indoktrinieren, Überzeugungen darlegen, ohne zu vergewaltigen. Wir müssen eine Kirche haben, die hellhörig auf die Signale der Zeit hört, auf neue Erkenntnisse in vielen Bereichen. Die Kirche von heute muss sich vor einem hüten: Türen zuzuschlagen. Das scheinen mir einige Voraussetzungen für „Kirche im Dialog“ zu sein. Sie sind nicht nur wichtig für eine glaubwürdige Verkündigung der Wahrheit, sie scheinen mir heute besonders wichtig zu sein für einen kirchlichen Beitrag an einem höheren Weltethos. Eine nicht-dialogische Kirche wird in diesen so wichtigen Prozess für eine menschlichere Zukunft nicht einsteigen. Sie wird auf ihren geistigen Konservendosen sitzenbleiben, in denen die Wahrheit nach Urgroßmutters Rezepten verarbeitet ist. Frische Ware kann nur eine dialogische Kirche auf die Märkte dieser Welt liefern. Vortrag zum 25-jährigen Bestehen des diözesanen Bildungshauses „Haus der Begegnung“, Innsbruck 1991

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