Bischof Stecher Gedächtnisverein

Stufen der Nächstenliebe

Predigt im Kreis von Caritas-Mitarbeitern

Der Einsatz, den die Caritas das ganze Jahr leistet, hätte zugegebenermaßen eine rauschende Festpredigt verdient. Und doch möchte ich im Anschluss an das Evangelium (Mt 5,43–48), das wir gehört haben, eine kleine nüchterne Meditation vorlegen, ein paar Gedanken, die sich um die leichte, die schwierigere und die schwierigste Nächstenliebe handelt. Aber ich wage das auch im Vertrauen darauf, dass Caritas-Mitarbeiter mit der christlichen Liebe auch große Nüchternheit verbinden müssen, und dass ihnen allen das Pathos und die Überschwänglichkeit fremd sind.

Leichte Nächstenliebe
Es gibt Formen des Helfens, die uns von der Hand gehen wie ein selbstverständlicher Reflex. Wer muss denn schon darüber nachdenken, ein weinendes Kind aufzuheben, das hingefallen ist und sich wehgetan hat? Leicht fällt die Nächstenliebe in der unmittelbar überzeugenden, herzbewegenden Motivation. Sie fällt leicht, wenn ich das Elend vor mir habe oder wenn es mir die in diesem Falle segensreiche Fernsehsendung hautnah vor Augen führt. Es fällt leicht, wenn es die elementaren Bedürfnisse des Menschen betrifft, wie z. B. den Hunger. Das Helfen fällt leicht, wenn es punktuell ist und nicht zu lange dauert. Daueraufträge für Hilfsbereitschaft sind schwieriger als die Hilfsaktion für ein krankes Kind. Zur leichtfallenden Art der Nächstenliebe gehört auch jene, die den unmittelbaren Erfolg, das unmittelbare Echo erlebt: das Aufleuchten von Augen, die überströmende Dankbarkeit, den so wohltuenden Brief, das ehrlich gesagte Vergelts Gott … Leicht fällt die Nächstenliebe, deren Taten und deren Effizienz man dokumentieren kann, mit ansprechenden Bildberichten. Die Übung der Nächstenliebe wird uns natürlich sehr erleichtert, wenn wir gleichzeitig damit eine gewisse Schuld und Verpflichtung abtragen oder einen inneren Vorwurf ausgleichen können. Denn diese Art ist ja für uns auch so etwas wie eine gewisse Therapie, eine Aufrichtung eines geknickten Selbstbewusstseins. Leicht fällt alle Hilfsbereitschaft, die dem sympathischen Menschen gilt: dem unschuldig in Not Geratenen, dem Kind, dem freundlichen Wohnungsnachbarn, dem alten Kameraden, dem Hilflosen, dessen Vertrauen missbraucht wurde, und – sagen wir’s ruhig – dem fotogenen Opfer …
Wenn ich in meinem Leben Bilanz ziehe, kommt mir zu Bewusstsein, dass der überwältigende Teil dessen, was ich als Nächstenliebe einordne, in diese Sparte der leichtfallenden Liebe fällt. Und darüber, meint Jesus, sollten wir nachdenken. Damit wir uns nicht gar so gut vorkommen und mit dem Selber-auf-die-Schulter-Klopfen ein wenig innehalten. Nicht, als ob die leichtfallende Nächstenliebe nicht zu üben oder zu verachten wäre – nein. Aber den heroisch umgeworfenen Mantel, mit dem sie sich ganz gern drapiert, sollten wir lieber abstreifen und im schlichten Kasten der Bescheidenheit tief unten verstauen …

Schwierigere Nächstenliebe
Die stellt sich schon ein, wenn – man verzeihe mir den unpassenden Vergleich – die Granate der Liebe so weit fliegt, dass ich ihren Aufschlag nicht mehr beobachten kann, und kein Echo zu mir zurückkommt, das mir meldet, dass ich getroffen habe. Darum ist die Fern-Liebe schwieriger als die Nah-Liebe. Und trotzdem muss man sagen, eine moderne Caritas muss heute auch mit Interkontinentalraketen arbeiten, mit einem Appell zum grenzenlosen Gutsein, so wie Christus grenzenlos liebt: „Deine Güte, Herr, reicht, soweit die Wolken ziehen“ – steht in den Psalmen. Aber das ist schwierig. Wir sind nun einmal Menschen und wir haben einen beschränkten, überschaubaren Kreis, und wir tun uns natürlicherweise ganz schwer, die gewisse Entpersönlichung zu verkraften. Es ist ein Unterschied, ob ich einen vertrocknenden Blumenstock gieße und dann sehe, wie er sich erholt, oder ob ich meine Spende in einen großen anonymen Strom einfließen lasse, ob meine Gabe wie ein Rindenschiff den großen Fluss hinunterschwimmt und meinen Augen entschwindet – für immer. Schwierig ist die Nächstenliebe auch gegenüber dem, der nicht liebenswert ist. Gegenüber dem undankbaren, immer quengelnden Patienten, dem man nichts recht machen kann, oder dem verkalkten, alten Menschen, der in seiner Persönlichkeit so verändert ist, dass er auf Wohltaten geradezu abstoßend reagiert.
Auch der Sandler, der betrunken ist und weiter an der Flasche hängt, ist manchmal strapaziös, oder der Jugendliche, der trotz aller Warnungen drogenabhängig wurde und kaum mehr ansprechbar ist. Sofort steigt im Menschen wie eine Spontanreaktion der Vorwurf auf: „Die sind doch selbst schuld!“ Schwierig wird die Nächstenliebe im Gefängnis, wo man natürlich auch der unredlichen Spekulation ausgeliefert sein kann. Dem Motorradraser, der zum Opfer der eigenen Rücksichtslosigkeit wurde, geht’s ähnlich. Schwierig ist die Nächstenliebe, die nicht erwidert wird, einfach aus der Mentalität einer Zeit heraus, die alles fordert und alles als selbstverständlich nimmt. Wie hat der alte Träger des grünen Ehrenkreuzes der Bergretter zu mir gesagt: „Dreimal (!) im Leben hat sich jemand nachher bei mir bedankt.“ Schwieriger ist auch die Nächstenliebe, die nicht spektakulär auftritt, sondern im Verborgenen der Gesellschaft blühen muss. Es ist gar nicht so leicht klarzumachen, dass der Ausbau einer landwirtschaftlichen Schule den Hunger viel effizienter bekämpft als ein Waggon Mehl. Das Alltägliche ist schwieriger als der Sonderfall. Die Tag und Nacht brennende 60-Watt-Lampe ist im Letzten mehr als ein kurz aufblitzender Scheinwerfer. Wenn der Bischof einen Sandler eingräbt, dann ist das lange nicht so viel wie der tägliche Dienst der Caritas in der Mentlgasse …

Die schwierigste Form
Die schwierigste Form der Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft ist meines Erachtens wohl dann gegeben, wenn uns selbst, die hilflosen Helfer, so etwas wie die „Nacht der Seele“ streift. Wenn in mir das Schwungrad nicht mehr läuft, wenn in mir selbst die Quellen vertrocknen, wenn sich Sinnlosigkeitserlebnisse einstellen, depressive Schleier alles verblassen lassen oder eine tiefe Verbitterung aufsteigt. Wenn die eigenen menschlichen Rahmenbedingungen nicht mehr stimmen oder wenn ein müdes Herz sagt: „Ich mag nicht mehr.“ Ich weiß, dass solche Belastungen, die das Üben der Nächstenliebe sehr erschweren, nicht nur mit aszetischen Anläufen bewältigt werden können. Manchmal brauchts ein Ausspannen, eine Stille, ein Atemholen, einen Arzt, einen Therapeuten, eine tiefere Neuordnung der Seele, Exerzitien, Besinnung, Distanzgewinnung und Rückkehr zur ersten Liebe. Vielleicht hilft auch die Natur zur Wandlung mit: Es gibt in der Psychologie den so genannten Schleiereffekt, der besagt, dass der beharrliche Einsatz der Trotzdem-Liebe für eine ungeliebte Aufgabe oder einen ungeliebten Menschen bewirken kann, dass man gerade diese oder diesen besonders ins Herz schließt. Sorgenkinder mobilisieren, weil man trotz allem so viel investiert hat. Aber hie und da, liebe Freunde, wird nichts anderes übrigbleiben als das, was die unter derartigen Zuständen außerordentlich leidende kleine heilige Theresia vom Kinde Jesu von sich gesagt hat: „Ich habe jahrelang nur die Werke der Liebe getan, und dabei wenig Trost empfunden.“
Und für diese schwierigste Form der Nächstenliebe hat die Kirche nach ihrem Tod den vorhin versteckten Mantel des Heroischen hervorgeholt und ihn der jungen, bedeutungslosen Nonne umgehängt – deswegen wurde sie heiliggesprochen. An diese schwierigsten Formen hat Jesus gedacht, als er gesagt hat: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Unser Gott ist ein Gott der Trotzdem-Liebe. Wir wollen versuchen, die Weisen der leichten, der schwierigen und der schwierigsten Nächstenliebe immer wieder einzuüben, wenn uns das Leben fordert.

Predigt bei einem Gottesdienst mit Caritas-MitarbeiterInnen

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