Bischof Stecher Gedächtnisverein

Der Glockenklang der Waldrast

Predigt auf Maria Waldrast

„Ein berühmter Glockengießer hat mir gesagt, dass bei einer Glocke bis zu fünfzig Töne mit-schwingen. Einigen Glockentönen von Maria Waldrast will ich nun nachgehen. Der erste Ton der Glocke von Maria Waldrast ist ein jubelnder: Jubel über das gesegnete Land. Dieser Klang erinnert uns daran, dass wir ein kleines Paradies geschenkt bekommen haben, sicher kein Schlaraffenland, auch kein Land ohne Abgründe, aber doch ein Paradies, das nichts von seinem Glanz verliert, wenn man darin alt wird. Und zu dieser wunderbaren Natur kommt der Segen von 60 Jahren Frieden hinzu, 60 Jahre, in denen viele Narben ver-heilt sind. Das ist der erste Glockenton der Waldrast – der Jubelton über das gesegnete Land. Der zweite Ton der Glocke von Maria Waldrast bewegt sich in Moll. Er ist dumpfer, er ist verhaltener und herber. Er ist der Glockenton vom leidgeprüften, bedrängten Land. Da schwingt vieles mit. Da hört man das Weinen von Kriegerwitwen und Kriegerwaisen heraus, von schwerer Zeit und Not aller Art. Die Wände dieses Bergkirchleins haben viele Seufzer und Klagen gehört, die da vom Wipptal und vom Stubai heraufgestiegen sind, an den Stationen des Kreuzwegs vorbei. Und in diesen herben, dunklen Ton der Glocke der Waldrast mischt sich das kaltschnäuzige Dekret Josef II. von der Aufhebung von Kloster und Wallfahrt, und man hört noch das Knarren der Leiterwagen, auf denen alle Schönheiten und Schätze der Kirche hinuntergefahren wurden ins Tal, um dort verschleudert zu werden. Das klingt noch von 1785 nach. Aber der Ton von 1941 wird noch härter. Da erinnert die Glocke an den Gewaltakt des Dritten Reiches, und im herben Klang tönt noch das Rasseln der Gefängnis-türen und der Schrecken für viele Familien. Heute sind diese äußeren Bedrängnisse nicht mehr im Schwingen der Glocke. Heute beklagt sie Oberflächlichkeit und Konsummentalität und Verdüsterung der Seelenlandschaft und Glaubensverlust. Das ist der zweite Ton der Waldrasterglocke, die Klage des leidgeprüften, bedrängten und manchmal würdelos werdenden Landes. Aber der dritte Klang unserer Glocke ist silberhell. In diesem Ton lockt und plätschert die Einladung zu einem Brunnen, zum Brunnen vor der Kirche. Er hat kein Wunderwasser, aber ein wunderbares Wasser. Meine Großeltern haben schon vor mehr als 100 Jahren ihrer Familie erzählt, dass das Wasser auf der Waldrast das beste in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie sei. Das war vielleicht zu hoch gegriffen, aber es ist ein Wasser, das von Spitzenqualität ist – und das will in einem Wasserdorado wie Tirol etwas heißen. Ein Wohltäter hat den Brunnen gefasst und engagierte Leute, denen die Kostbarkeit der Quelle und die Heiligkeit des Ortes ein Anliegen war, haben den Platz da draußen vor der Kirche würdig gestaltet und ihn dem Zugriff rein kommerzieller Spekulation entzogen. Ein Wallfahrtsbrunnen, der Tag und Nacht rinnt und für alle da ist, ist ja ein so wunderbares Bild der strömenden Gnade Gottes, ein Bild, das wir heute besonders gut verstehen, wo das Wasser in der Welt zum wertvollsten Schatz aufzusteigen beginnt, über Gold und Erdöl. Das Plätschern dieser Quelle fügt dem Geläute von Waldrast einen silbernen Ton hinzu, den silbernen Ton der ständig strömenden Gnade Gottes vor dem Heiligtum seiner heiligen Mutter. Die Tonskala der Glocke von Maria Waldrast schließt mit einem vollen, tiefen beruhigenden Klang. Dieser Vollton schwingt ja schon beim Namen „Maria Waldrast“ mit. Das ist doch wie eine Einladung und eine Verheißung an den ruhelosen Wanderer, an den hektischen, den „aufgescheuchten“ Menschen unserer Zeit. Die Rast, die hier wartet, ist mehr als eine Speckjause und ein gutes Bier – hier ist nicht nur ein Baumeln lassen der Seele angeboten, sondern ein Ruhen, in dem die Güte Gottes und die Fürbitte Mariens uns umfängt wie ein sanfter Glockenklang. Ich darf das aus meiner persönlichen Lebenserfahrung hinzufügen. Ich bin in meiner Zeit als Priester und Bischof jedes Jahr zweimal in der Nacht zu Fuß von Innsbruck auf die Waldrast gegangen. Und wenn ich dann am Morgen vom Gleinserjöchl heruntergebogen bin und die Glocke der Waldrast gehört habe, dann habe ich gewusst, dass alles, was mich in den Rosenkränzen bewegt hat, in Gott geborgen ist. Das ist der tiefste, vollste, bergendste, beruhigendste, befreiendste Klang in der Waldraster Glocke: Der Ton der Erlösung, der uns hier umspielt wie der Bergwind die Serles. Das sind die Nuancen im Geläute dieses heiligen Ortes: der Jubel über das gesegnete Land, der herbe Ton der Klage über Bedrängnis, Leid und Sorge, der Silberton der Quelle und der schwingende Vollton der Geborgenheit im Herrn.“ Predigt auf Maria Waldrast

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