Bischof Stecher Gedächtnisverein

Heimat schützen, Heimat schenken

Festpredigt Schützenwallfahrt Absam - 2011

Liebe Schützen! Der Einladung, diesen Gottesdienst mit Euch zu feiern, bin ich gerne gefolgt. Denn es ist für mich immer eine bewegende Sache gewesen, wenn die Schützen Tirols die Marschrichtung auf Absam nehmen. Das Gnadenbild am Fenster erschien 1797. Das war das Jahr, mit dem die große Bewährung der Tiroler Schützen in der Verteidigung der Heimat begann. Es war das Jahr, in dem vor den Schrecken des Krieges viele Menschen in unserem Land in den Schutz der mütterlichen Fürbitte Mariens flüchteten. Es tobte die schreckliche Schlacht von Spinges und die ersten Dörfer brannten. Die Zeiten haben sich geändert - und um es gleich hinzuzufügen, aus ganzem Herzen anzu-fügen: Gott sei Dank. Man hat mich heuer einmal ersucht darüber nachzudenken, was sich für die Kirche und für die Schützen seit jenen Tagen geändert hat. Die Kirche hat im Lauf der zwei Jahrhunderte einen Wandel von der Politik zur Seelsorge gemacht, und ich habe diesen Wandel selbst noch erlebt. Ich habe noch Priester als Landtagsabgeordnete, Nationalräte, Landesräte, ja einen Priester als Bundeskanzler in den 20iger-Jahren erlebt. Und damals, am Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Bischöfe noch Mitglieder des Landtags, und die Äbte saßen auf der Bank der Abgeordneten. Die Kirche war mit der politischen Macht und später mit der Parteimacht eng geknüpft. Und ich danke Gott, dass das anders geworden ist und dass die Ehen von Thron und Altar, von Kirche und Parteipolitik aufgelöst wurden. Die Aufgabe der Kirche, die ihr Jesus mitgegeben hat, ist die Seelsorge, der Dienst an den Menschen, das Heil der Menschen, die Dominanz der Nächstenliebe in der Gesellschaft und in der Welt - und nicht die Macht. Und die Schützen? Auch für die Schützen Tirols hat sich seit damals, seit 1809 die Welt verändert. Sie müssen nicht mehr in die Schlacht ausrücken. Die Feindvölker von damals sind heute gern gesehene Gäste im Erholungsland Nr.1 in Europa. Die Säbel werden nicht mehr zum Schlagen benützt, sondern zur Ehrenbezeugung. Die Gewehre sind keine todbringenden Waffen mehr, ihre Ehrensalven sagen nur: Für Dich ist keine Kugel im Lauf. Die Schützen müssen nicht von den Familien und Höfen weg in den Kampf ziehen und Frauen und Kinder im Elend zurücklassen, wie es damals oft war, wenn sie nicht mehr heimgekommen sind. Damals war ein schneidiger Haudegen und ein militärisches Genie wie Josef Speckbacher wichtig, heute sind Schützenoffiziere in ihrer Führungsaufgabe mehr auf den guten Geist der Kompanie hingewiesen, und der Bildungsoffizier hat mehr Bedeutung als der Stratege. Meine Lieben - ist das eigentlich nicht eine erfreuliche Entwicklung? Tun sich da nicht viel schönere, menschlichere Horizonte auf? Hat uns Gott nicht die Türen in eine sinnvollere, chancenreichere Welt geöffnet? Ich muss Euch erklären, warum ich - für Kirche und Schützen - diese Wende so dankbar sehe und Gott jeden Tag danke: Ich habe den Krieg erlebt, fünf Jahre lang. Ich habe eine Winterschlacht mit hundert Schutzengeln überlebt, die 33.000 jungen Menschen das Leben gekostet hat. Ich habe so viel Blut und Tod, Strapazen und Elend erlebt, dass ich nur immer sagen kann, ich danke Gott, dass die heutige Generation, auch die heutige Schützengeneration andere Perspektiven vor sich hat. Ihr könnt als Schützen heute Heimat schenken. Ihr seid nicht nur eine festliche Garde in jeder Tiroler Gemeinde. Ihr könnt mit einer guten Kameradschaft Menschen Heimat bieten. Das rede ich nicht nur so daher. Ich weiß aus mehr als einem Beispiel, dass gerade oft etwas abseits Stehende, Vereinsamte, nicht recht integrierte Menschen in einer lebendigen und guten Kameradschaft ein Stück Geborgenheit, Akzeptiert sein, vielleicht auch ein neues Selbstwertgefühl bekommen können. Und ich weiß von sehr konkreten Formen der Hilfs-bereitschaft, wenn ein Kamerad in Not gerät. Es ist doch so, dass auch in unserem, rasch wachsendem Land, in Gemeinden, die ums Mehrfache an Bewohnern gewachsen sind, es viele Formen von Isolation und Abseitsstehen mit all den damit verbundenen Gefahren gibt. Diese soziale Aufgabe von solchen Gemeinschaften ist in einer Gesellschaft nicht genug zu schätzen. Das schafft Heimat. Die Fahnen mit dem Herzen Jesu haben einst über Stürmenden und Sterbenden geweht, heute wehen sie in einer friedlichen Zeit über Menschen, die sich für andere, die Ge-meinden, die Heimat engagieren wollen. Dazu gibt Tracht und Auftreten, Disziplin und Verlässlichkeit den schönen äußeren Rahmen. Aber dass uns der Herr berufen hat, Heimat zu schenken, zu entfalten und da und dort dem Gemeinwohl, der Festlichkeit, dem Gutes tun zu dienen - meine Lieben - das ist doch ein Geschenk Gottes. Ihr seid mehr als die bunten Repräsentanten Tirols, ihr sollt nicht nur Exerzieren, sondern auch integrieren und euch für den guten Geist in der Gesellschaft verantwortlich fühlen. Und bei solchen Zielsetzungen geht es uns gleich, der Kirche und den Schützen, dem Landeskommandanten und dem Bischof: wir brauchen dafür, dass wir ein wenig zu einer Zivilisation der Liebe beitragen den Segen Gottes. Und so kommen wir - wie 1797 – aus den ganz anderen Bedrängnissen und Gefahren unserer Zeit zur Mutter Gottes von Absam, beten für die Heimat und für uns, damit wir dem entsprechen, was diese unsere Zeit erfordert. Predigt von Bischof Stecher, Schützenwallfahrt Absam, 9. Oktober 2011

powered by webEdition CMS