Bischof Stecher Gedächtnisverein

Die längste und die kürzeste Predigt - Streicheleinheiten

Kurzpredigt bei der Firmung von Behinderten

Es fing damit an, dass mich der Behindertenseelsorger bat, die heilige Firmung bei den Schwerstbehinderten zu spenden. Es handelte sich um Kinder mit jener Stufe der Behinderung, die eine Schulbildung im eigentlichen Sinn nicht mehr erlaubt, auch nicht mit bescheideneren Vorgaben einer üblichen Sonderschule. Die Kinder waren in einem Heim, aber ich muss gestehen, in einem Heim mit so herzlicher und positiver Atmosphäre, dass man am subjektiven Glücklichsein gar nicht so zweifeln konnte. „Aber eins muss ich dir sagen, lieber Bischof“, beschwor mich der Kaplan, „die Predigt darf nicht länger sein als drei Minuten, du weißt ja ...“ Ja, ich weiß. Und das wurde nun meine längste und kürzeste Predigt. Die längste in der Vorbereitung und die kürzeste in der Aussage. Es trifft mich oft zum Predigen und Sprechen, in alten Domen und gefüllten Sälen, vor Bäuerinnen und Universitätsprofessoren, vor frommen Schwestern und kritischen Jugendlichen. Und mir hat die Vorbereitung immer viel Mühe gemacht. Aber diesmal war's zum Verzweifeln. Drei Minuten! Diese armen Menschen vor mir und die Eltern ... Eine Geschichte geht nicht. Das dauert zu lang, sie würden sie auch wahrscheinlich nicht verstehen. Die meisten gängigen Redewendungen und Begriffe sind unbrauchbar. Jeder komplizierte Satz muss fallen. Eine Eröffnungsansprache zu einem gleichzeitig laufenden wissenschaftlichen Kongress ist bedeutend unproblematischer. Und doch, Herr, ich weiß, dass diese Kinder und ihre Eltern bei Dir besonders hoch im Kurs stehen und dass auch in diesem Fall das Mysterium deines Geistes in dieser heiligen Firmung wogt und waltet. Aber das Auseinanderklaffen der Denk- und Erfahrungswelten ist so groß, dass ich mir bei der Vorbereitung wie ein Radfahrer vorkomme, der mit der größten Übersetzung eine Bergstrecke bewältigen soll. Und dann war es so weit. Die festliche Kapelle, die anderen Kinder des Heims spielten mit Orffschem Schulwerk eine erstaunlich schöne Musik. Und vorn in der ersten Reihe ein paar Firmlinge mit Eltern und Paten. Statt der Predigt hab ich einfach gesagt: „Liebe Kinder, die Mama und der Papa und die Geschwister haben euch lieb. Sie wollen euch zeigen, dass sie euch gern haben. Dann streicheln sie euch über den Kopf und die Haare und die Wangen, so wie ich das jetzt beim Rudolf und bei der Anita mache. Und bei der heiligen Firmung - da streichelt euch der liebe Gott, weil er euch lieb hat. Wenn ich also mit diesem heiligen Öl ein Kreuz auf die Stirn mache, streichelt euch der liebe Gott.“ Wie ich dann zur Firmung hinuntergehe, komme ich zu einem Buben, den die Mutter mühsam in den Armen hält, um die fahrigen Bewegungen des Spastikers einigermaßen im Griff zu haben. Und wie ich das Kreuz mit dem heiligen Öl auf die Stirn machen will, verzerrt sich sein Gesichtchen - ich weiß nicht, dass das ein Lächeln sein soll - und er gurgelt mühsam hervor: „Scht-reicheln…“. Und aus dem Mundwinkel rinnt ein wenig Speichel auf den schönen Festtagsanzug. Die Mutter nimmt das Taschentuch und wischt ihn ab, und dann gebraucht sie's gleich noch einmal, um ihre Tränen abzuwischen. Das hätte sie nicht tun müssen. Die Tränen der Mutter eines behinderten Kindes blitzen vor dem Altar viel kostbarer als Brillianten auf einem Bischofskreuz ... Kein Predigtecho und kein tosender Beifall in einer Kongresshalle haben mich je so gefreut wie dieses Wörtchen „scht-reicheln“ des Schwerstbehinderten. Dieses Streicheln geht doch durch die ganze Heilsgeschichte: das schönste Streicheln wurde wohl dem verlorenen Sohn zuteil bei der Umarmung durch den Vater, als er nach Hause gekommen ist. Wenn dieses Streicheln Gottes nicht wäre ...

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