Bischof Stecher Gedächtnisverein

Wir Christen und die Gemeinde

900 Jahre Gemeinde Breitenwang - 1994

Eine Gemeinde feiert 900 Jahre ihre schriftlich bezeugten Existenz. Das Jubiläum hängt am Zufall einer Urkunde. Sowohl Pfarre wie Gemeinwesen sind älter. Es ist dies heute aber zunächst ein Festtag der politischen Gemeinde Breitenwang, wenn man auch in diesem Fall Kirche und Welt nicht gut trennen kann.
Und trotzdem möchte ich heute eine etwas weltliche Predigt halten, und eben das politische das öffentliche Gemeinwesen in die Mitte der Betrachtung stellen. Wir habe neben in der Lesung jene Stelle aus dem ersten Petrusbrief gehört, in der der Verfasser des Briefes in einer sehr positiven Weise die Haltung der Christen zum damals heidnischen Gemeinwesen und Start bespricht. Es war offenkundig zur Zeit der Abfassung des Briefes eine Situation, in der die Christen den römischen Staat doch als eine Grundlage des Rechts und der Ordnung kennengelernt haben. Und ich muss auch gestehen, dass ich diese Predigt in der Periode der Tyrannei in unserem Land nicht halten hätte können. Aber heute, nachdem ich in 13 Jahren fast alle Gemeinden Tirols kennenlernen durfte, wage ich es trotz aller Mängel, die alles Menschliche hat. Absatz Was ist eine Tiroler Gemeinde? Eine Tiroler Gemeinde ist ein bejaht des Stück Welt. Sie ist ein bewusstes Miteinander. Sie besteht nicht einfach nur aus so und so vielen Menschen, die zufällig zusammengekommen sind, wie der Sektor in einem Fußballstadion. Es erfüllt mich immer wieder mit Freude, wenn ich in meiner Heimat auf dieses ausgeprägte Gemeinde Selbstbewusstsein stoße. Ich kenne nämlich Gegend in Europa, in denen das keineswegs so ist. auch vom christlichen Stand. aus kann man ein derartiges Gefühl der Solidarität und Identität Wir sind Breitenwanger nur begrüßen. Dieses gestiegene Selbstbewusstsein hängt sicher mit einer lebendigen Demokratie zusammen. Die anonyme Vermassung in den Großstädten zeigt uns ja, was verloren geht, wenn dieses Grundgefühl des Zusammengehörens und Dazugehörens nicht mehr da ist. Das Christentum ist vom Urgrund des Liebesgebotes her Eine weltbejahende Religion, und darum ist das Ja zur eigenen Gemeinde zutiefst christlich.
Eine Tiroler Gemeinde ist ein heimatbildendes Stück Welt.
Gemeinden in unseren normalen Größenordnungen wie hier in Breitenwang bieten ein überschaubares Stück Leben, mit Geschichte und menschlichen Bezügen, mit einem gewissen einander-Kennen und vielen Berührungspunkten. Es gab einmal eine Zeit, da hat man über das Wort Heimat nur die Nase gerümpft, als sei es eine alte Schnulze, aber heute hat man auf breiter Ebene neu entdeckt, wie wichtig für den Menschen der Rahmen einer vertrauten Welt ist . auch durch die Hochtechnisierung der modernen Arbeitswelt erhält die Wohngemeinde immer mehr Bedeutung für das eigentliche Leben der Menschen. Hier haben sie ihr Haus, ihre Nachbarn, ihre Freunde, ihre Vereine, ihre Kirche, ihre feste und ihren Friedhof. Wiederum sage ich das, weil es in der Welt auch anderes gibt: öde, trostlose Vorstädte mit Wohnsilos, wo keiner die Menschen vom nächsten Stockwerk kennt. Unsere Gemeinden schenken Heimat. Und wiederum muss man sagen: Heimat schenken komme Heimat geben ist 01:00 Uhr anlegen der christlichen Botschaft und der christlichen Verkündigung. Dazu ist der Herr doch gekommen, dass wir alle eine Heimat haben, die über die Sterne reicht.
Eine Tiroler Gemeinde muss heute ein offenes Stück Welt sein.
Wir leben nicht hinter den Bergen, wo die Welt mit Brettern vernagelt ist. Durch unsere Täler brandet das Leben. Jede Gemeinde hat Alteingesessene und Neuzugezogene, Pendler und Bauern, Gäste und Gastarbeiter, Besitzende und Wohnungssuchende, Junge und Alte, Einheimische und weit entfernt Geborene, Touristen und Flüchtlinge. Und die Bewältigung dieser Situation erfordert einfach eine gewisse Offenheit, sie verlangt Fähigkeit zur Toleranz. Es freut mich, dass ich zu dieser festlichen Stunde in der Kirche von Breitenwang genauso eine Delegation aus Japan begrüßen darf, wie die Vertreter der evangelischen Gemeinde, mit denen uns so ein herzliches Verhältnis verbindet. Es ist durch aus im Sinne Christi und hat gar nichts mit Verrat am eigenen Glauben zu tun, wenn man die Stacheldrahtzäune der Engstirnigkeit abbaut. Christus hat viele Beweise seiner Weite gegeben.
Tiroler Gemeinde ist ein Stück umsorgter Welt.
Diese vielfache Sorge um die tausend Bedürfnisse des Lebens funktioniert in einer kleineren Welt (Small is beautiful) besser als in einer großen zentralistischen Massenorganisation. Das zeigt ja das Leben. Was heute nicht alles in einer Gemeinde besorgt werden muss! Kindergärten und Schulen, Sozialwesen und Hauskrankenpflege, Krabbelstube und Bibliothek, Wegenetz und Kanalisation, Trinkwasser und Infrastrukturen, Seniorenheim und Altenstube, Vereine und Umweltschutz, Entsorgung und Müllabfuhr - es nimmt kein Ende. Muss man nicht einmal für das alles, was da gearbeitet und geleistet wird, dankbar sein? Muss man nicht auch einmal im Gottesdienst dem Herrgott einfach danken, dass uns das Leben in so vielfacher Weise leichter gemacht wird als unseren Vorfahren? Der Mensch, der alles selbstverständlich nimmt, ist doch eigentlich erschütternd dumm. Er gehört zu denen, die in der Weltgeschichte nie auf der Schulbank gesessen sind, sonst müsste er wissen, wie wenig selbstverständlich viele guten Dinge sind. Und wiederum muss man sagen: Dankbarkeit ist eine fundamentale christliche Haltung, ja sie ist sogar das edelste Motiv des Glaubens.
Und so darf ich euch heute sagen, ohne die Schatten der Gemeinwesen wegzuwischen: eine Tiroler Gemeinde, wie ich sie kenne, ist eine gute Sache. Das muss einmal auch vor allen jenen gesagt werden, die in die Gemeinden ihr Engagement hineinstecken. Aber gerade deshalb braucht das öffentliche Gemeinwesen eins - und hier ist nun die Rolle der Pfarrgemeinde angesprochen: Eine ständige Zufuhr von Geist und Herz, so wie eben die Lunge Sauerstoff braucht. Von der Welt des Glaubens her sollen jene Tugenden wachsen, die die Welt menschlicher machen: Das Mitgefühl, die Ehrfurcht, das Gewissen, der rechte Sinn für das gute Alte und das echte Neue, die Barmherzigkeit, die Hilfsbereitschaft, der Sinn für das Fest, die Pflege familiären Lebens, das Verständnis für die Bedrängten, die Fähigkeit zum Verzicht, das Verantwortungsbewusstsein, die Dankbarkeit, die Weihe von Leben und Tod, der Trost im Leid, die Kultur der Trauer und der Freude.
Hier ist die Pfarrgemeinde aufgerufen, dienend tätig zu sein.
Und noch eines möchte die Kirche in die politische Gemeinde hineintragen:
Den Segen Gottes.
Manche Vertreter einer säkularisierten, verweltlichen Welt mögen darüber lächeln. Wissende und kluge Menschen tun es nicht. Sie wissen nämlich genau, dass keineswegs alles machbar und manipulierbar ist, ja dass selbst das, was uns im Machen und Manipulieren der Welt und der Schöpfung einigermaßen gelingt, auch wieder eine Gnade ist. Und so möchte ich mit diesem Gottesdienst auch diesen Beitrag der Kirche der jubilierenden Gemeinde anbieten: Gott segne Breitenwang, seine Menschen, ihr Zusammenleben, die Verantwortungsträger, die Wertaufgeschlossenheit und die Zukunft.
Amen

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