Bischof Stecher Gedächtnisverein

Die Predigt vom Licht

Gottesdienst am 28. Oktober 1993 für die Ordensschwestern in der Diözese Innsbruck anlässlich der Wiedereröffnung des Domes zu St. Jakob in Innsbruck

Eigentlich möchte ich heute liebe nicht selber predigen, sondern den Dom predigen lassen. Er ist ein guter Prediger, das hat er in den letzten Tagen bewiesen. Und die Predigt, die er uns heute hält, ist die Predigt vom Licht. Die Barockbaumeister hätten gejubelt, wenn sie das elektrische Licht zur Verfügung gehabt hätten. Denn das Licht war ihnen im Streben nach dem Gesamtkunstwerk ein ganz wesentliches Element ihrer Schöpfung - auch das Sonnenlicht. Nun hält der Dom die Predigt vom Licht. Drinnen in der Sakristei ist die große Schalttafel, die das Licht in verschiedene Stufen fluten Iäßt.
Ich möchte es jetzt mit den göttlichen Lichtkaskaden, dem herabstürzenden Licht des liebenden Gottes, ähnlich machen.
Der erste Schalter: Die lichtdurchflutete hohe Kuppel: Wir denken an das Wort der Schrift:
,,Gott ist Licht, und keine Finsternis ist in ihm."
Sicher ist Gott wie das Sonnenlicht, in das man nicht hineinschauen kann. Das überall präsent ist, und ohne das es kein Leben gibt, aber die Lichtquelle des Unendlichen ertragen unsere Augen nicht. Nun möchte uns die Heilige Schrift sagen: Ihr sollt kein finsteres, verdunkeltes, drohendes, belastendes Gottesbild haben. Ihr müsst immer wissen, dass ihr als Wandernde im Glauben zwar durch den Nebel geht, der oft kalt, schwer und zäh über unserer Seele und unserem Alltag liegt. Aber es ist doch so wie gestern früh. Da war ich auf der Nordkette und habe auf das schönste Nebelmeer in diesem Jahr gesehen. Über einem See, der in alle Täler hineingereicht hat, und unter dem es trüb und kalt war, war droben strahlende Klarheit und Helle, ohne eine Wolke, und es war so warm, dass man in Hemdsärmeln sitzen und staunen konnte. Das ist das erste, was der Dom uns sagen will: Über euch ist immer Licht, absolutes, ungetrübtes Licht. Lasst euch durch die Nebel nicht irritieren. Die vergehen. Ihr sollt im Wissen von einem strahlenden Gott beten und träumen und getrost sein.
Der zweite Schalter: Die Scheinwerfer fassen den Altar, den Tabernakel, das blitzende Silber rund um das Geheimnis der Geheimnisse. Und wir denken an das Schriftwort:
,,Ich bin das Licht der Welt ..."
Das Licht, das herabgestiegen ist, zu uns aus den Kuppeln des Himmels auf den Boden der Erde, der hier in diesem Dom darum in Marmorblumen blüht. Jesus Christus, das Licht der Welt, dessen Licht in der Finsternis leuchtet. Vielleicht muss man sich heute auch das einmal vor Augen halten. Wenn ich bei Sitzungen, Konferenzen, Besprechungen, Gesprächen, Auseinandersetzungen, beim Bücherlesen, beim Briefeschreiben oder Statements-Verfassen - unwillkürlich kommt so zum Gesamteindruck, als sei das Christsein vornehmlich nur Problem. In deutschen Landen ist man ganz besonders problemselig. Bitte - natürlich gibt es Probleme in der Kirche, und sie machen auch mir genug Kopfzerbrechen. Aber der Dom sagt uns heute Abend: „Schiebt doch einmal die Lasten und Probleme beiseite, die das Christsein so mit sich bringen und schaut doch einmal, wieviel Licht der Glaube an Jesus ins Dasein bringt.“
Was da alles aufblitzt, an Sinn und Wert und Erhellung und Durchblicken und Einsichten, und wie vieles im Licht Christi halt doch anders ausschaut, bis hin zu den dunklen Winkeln und Ängste, und des Leids, und des Todes. Manche haben geglaubt, die Befreiung vom Glauben, das Abstreifen der Bindungen und sogenannten Zwänge könnte das Leben leichter machen. Aber der Unglaube muss mit Dunkelheiten vorliebnehmen, die letztlich das Leben belasten, und je älter man wird, umso lastender wird diese Dunkelheit des Nichts. Wir aber dürfen in der Freude des Lichts leben, das Jesus Christus ist.
Und der dritte Schalter betrifft nun die kleineren Lampen für die Bänke und Eingänge, hinter jenem Gesims und über dieser Nische.
Damit meint der Dom uns. Und wir erinnern uns an das Wort des Evangeliums: ,,So soll euer Licht vor den Menschen leuchten! " Gott führt uns nicht nur ein Feuerwerk des Lichtes vor, das wir passiv bestaunen. Er spannt uns in die Ströme seines Lichts ein, als Reflektoren und Lampen und Lämpchen und Kerzen und Zündhölzer - So soll euer Licht vor den Menschen leuchten. Ich darf euch schon sagen, dass ihr, liebe Schwestern, mit eurer Tätigkeit viele, viele kleine Lichter anzündet - aber ihr sollt euch auch dessen bewusst sein. Hie und da Lässt nämlich ein Windstoß unsere kleinen Lichter verlöschen, ein kleinkarierter Streit, eine Überlastung, ein heiliger ,,Grant“, wie man in Tirol sagt, eine lächerliche Aggression. Lasst euer Licht leuchten. Ich würde wünschen, dass das Licht der Ordensfrauen in der Kirche überhaupt etwas heller leuchten würde, nicht nur in den so wichtigen sozialen oder erzieherischen Diensten, sondern auch im spirituellen Bereich und im Bereich kirchlicher Leitungs- und Führungsaufgaben ...
Wenn das Licht in unserem Herzen und in unserem Wesen zu leuchten beginnt, sind auch nicht wir es, die es einfach anschalten. Da schaltet ein anderer. Das ist eigentlich das Werk des Heiligen Geistes: Komm, o Geist der Heiligkeit, aus des Himmels Herrlichkeit, sende deines Lichtes Strahl ...
Das sind drei Schalter:
Gott ist Licht, und Finsternis ist nicht in ihm - der Vater.
Ich bin das Licht der Welt - der Sohn.
Lasst euer Licht vor den Menschen leuchten - das Walten des Heiligen Geistes.
Wenn ihr hinaufschaut, dann sind die drei großen Deckengemälde im selben Thema verfasst: Vater, Sohn und Geist.
Und so hält uns der Dom seine Predigt vom Licht. Und er kann es besser als alle Worte.

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