Bischof Stecher Gedächtnisverein

Wallfahrtsort – Kraftwerk der Gnade Gottes

Predigt 1987 in Kaltenbrunn

„Wenn in unserer Zeit so viel Mühe, Kraft, Geld, Kunstfertigkeit in die Renovierung einer Wallfahrtskirche investiert werden ist es sinnvoll, sich bewusst zu machen: Was ist eigentlich ein Wallfahrtsort. Verweilen wir einen Augenblick bei dieser Frage. Ein Wallfahrtsort ist zunächst ein Rastplatz an dem man seinen Rucksack abstellt. Das war wirklich so, vor vielen Jahren, wenn wir mit Jugendgruppen in der Nacht vom Bahnhof Imst zu Fuß über den Piller nach Kaltenbrunn gezogen sind, wir haben gerne da draußen auf dem Platz den Rucksack abgestellt. Heute meine ich es natürlich anders. Ich meine, dass jeder von uns so seinen Rucksack dabei hat. Jeder von uns kommt hierher als ein belasteter Wanderer. Im Laufe der letzten drei Wochen habe ich hier im Oberen Gericht bei den Krankenbesuchen auf den Höfen droben, hie und da ein Geständnis und einen Blick in die Herzen tun dürfen. Viele bleiben ungenannt. Bei solchen Gesprächen, in Fragen der Erziehung haben wir gesagt: Wirf deine Sorgen auf den Herrn. Das ist das erste, was einen Wallfahrtsort kennzeichnet. Er ist ein Platz, ein Rastplatz an dem man seinen Rucksack abstellen kann. Und zum Zweiten ist ein Wallfahrtsort ein Aus-sichtspunkt, von dem aus man sich orientieren kann. Vor wenigen Tagen bin ich ganz zufällig zu einer Frau und Mutter gekommen, einer älteren Frau, die eigentlich untröstlich war, weil die Tochter in ein Kloster eingetreten war, sie hat sich sehr verlassen und einsam gefühlt. Wir haben dann also zusammen gesprochen und plötzlich sagt diese Frau. Ja, ja, wahrscheinlich sehen wir immer etwas zu wenig weit. Das ist die Aussicht, die mir das Wallfahren bringen soll. Ein wenig die Kurzsichtigkeit des Alltags, des Vordergrunds, der Belastungen und Enttäuschungen entkommen. Ein wenig hinweg hinaus schauen - über die Schluchten und dunklen Gründe des Leids und der Enttäuschung hinweg - wieder zu den großen und bedeutenden Werten sehen, wieder erfüllt werden vom Unendlichen.
Ein Wallfahrtsort ist ein Aussichtspunkt wie man Orientierung gewinnt. Und zum dritten ist ein Wallfahrtsort ein heimliches Kraftwerk, das Energie ausstrahlt. Dieses Bild liegt hier im Tal der Millionen Kilowatt Stunden wohl nahe. Das Energieproblem der Menschheit kreist nicht nur um Erdöl, Kohle, Atom und Wasser. Es gibt in der Menschheit auch ein Energie-defizit an Lebensmut, an Hoffnung an Vertrauen, an Daseins- und Verantwortungsfreude. Es gibt ein Defizit an Wagemut und Bindungsbereitschaft. Es gibt ein Energieproblem innerer Art. Deswegen brauchen wir auch Kraftwerke für diese fehlende Energie. Es gibt hie und da das Erlöschen von Lampen in Herzen und manchmal könnte man in der Gesellschaft sagen, kommt es auch zu Netzzusammenbrüchen. Manchmal ist das Energiedefizit tief hinein spürbar in die Gesellschaft selbst und in die Kirche. Ein Wallfahrtsort ist also ein heimliches Kraftwerk der Gnade Gottes. Bei einem Besuch hier in der Gegend bin ich zu einer Geh-behinderten gekommen die da auf ihrem Platz gesessen hat und die durch das Küchen-fenster einen Blick hinein gehabt hat nach Kaltenbrunn. Und diese Frau hat ganz einfach gesagt: Da hinein habe ich viel gebetet. Nur mit diesem Satz allein ist angedeutet, was ein solcher Ort für ein Kraftwerk ist. Dass von einem Ort wie diesem hier, von dieser Halle, in der die Turbinen Gottes, dass von diesem Ort hier Energie strömt über unsichtbare Masten und Drähte in unseren kleinen menschlichen Alltag und in die große Welt. Und schließlich, meine Lieben, ist ein Wallfahrtsort eine Einkehr bei der Quelle. Das sagt uns ja hier der Name der Wallfahrt in einer besonderen Art: Unsere Liebe Frau von Kaltenbrunnen. Was soll das heißen. Man könnte sich fragen, warum so viele Wallfahrtsorte in der katholischen Christenheit der Mutter Gottes geweiht sind.
Es ist einmal so, dass wir durch Maria, durch die Betrachtung ihres Lebens aufgerichtet werden. Sie ist die Quelle, inwiefern? Wenn man die Gewässerkarte Tirols anschaut, dann gibt es sehr viele Stufen der Verschmutzung und die Traummarke der Gewässer ist Quell-wasser mit dem Keimwert Null. Auch die Gewässerkarte der Menschheit zeigt viele Grade der Verschmutzung auf. Maria ist die Traummarke, Quellwasser mit dem Keimwert Null. Genau das ist ausgesagt, wenn der Engel zu ihr sagt: Du bist voll der Gnade. Genau das ist dann ausgedrückt, wenn die Kirche gesagt hat: Sie sei die unbefleckt Empfangene, die Sündenlose. Quelle mit dem Keimwert Null. In ihr ist einfach dargestellt, was Gott mit uns will. Sie ist so etwas, wie das Meisterwerk der Erlösung. Darum ist der Gang zu Maria ein Gang zur Quelle, zu ihrem Wesen. Es ist aber auch ein Gang zur Quelle in dem Sinne, dass diese Quelle segensreich wirkt, zum Wirken Mariens. Maria ist ja für die Kirche an unserer Seite. Und so ist sie eine treue Begleiterin auf unserem Weg zu Gott. Der Gang zur Quelle ist einfach ein Grundvollzug christlichen Vertrauens. Es ist so, dass Christus der Herr uns hier nicht nur die Worte und die Verheißungen hinterlässt. Er präsentiert uns hier seine Mutter. Sie ist in sich, in ihrem Wesen und in ihrem Wirken Verheißung und Heil. So ist es also durchaus berechtigt in einen solchen Ort so viel Schönes zu investieren. Ich möchte den Dank an den Schluss der heiligen Messe verlegen. Aber ich möchte jetzt schon sagen: Es ist der Mühe wert für einen Wallfahrtsort so viel Arbeit, Mittel, Einsatz, Mühe. Schönheit, Kunstfertigkeit zu verwenden. Denn eine Wallfahrt ist auch in unserer Zeit ein Rastplatz, an dem man seinen Rucksack abstellt, ein Aussichtspunkt, der Orientierung gibt, ein heimliches Kraftwerk, das Energie ausströmt, eine Einkehr bei der Quelle, ein Geheimnis der Erlösung, das im Wesen und Wirken der Mutter Gottes einmalig geschenkt wird.

Predigt 1987 in Kaltenbrunn

Mitglied werden

mehr dazu

Newsletter

Wenn Sie unseren NEWSLETTER erhalten wollen, geben Sie bitte hier Ihre Daten ein.

anmelden

Spenden

Wenn auch Sie Bischof Stecher in guter Erinnerung haben und ihm ein ehrendes Andenken bewahren möchten, dann unterstützen Sie doch unsere Arbeit.

Spenden

powered by webEdition CMS