Bischof Stecher Gedächtnisverein

Ostergedanken im Schnellzug

1992

Es ist heute gar nicht so einfach, jene Winkel in Raum und Zelt ausfindig zu machen, wo man die Gedanken frei steigen und fliegen lassen kann, ohne dass sie das Summen des Telefons, eine wichtige Besprechung, ein unaufschiebbarer Besuch oder ein drohender Termin zur jähen Landung zwingt. Ein solcher Ort ist für mich der Fensterplatz in einem Eurocity-Express, wo man für ein paar Stunden unerreichbar ist. Man spürt die wohltuend behagliche Entspannung dieses seltenen Für-sich-sein-Dürfens, und gleichzeilig erinnert die vorbeihuschende Landschaft an das Flüchtige des Daseins. Der Blick durchs Fenster verwischt ein wenig den sonst alles beherrschenden Vordergrund des Lebens und lässt eher bei den blauen Höhenzügen verweilen, die in der Ferne langsam vorbei wandern, oder gar beim weitgespannten Himmel, dessen Wolken sich kaum merklich verändern. So kann ein Schnellzugfenster durchaus jene Rolle einnehmen, die in früheren Zeiten vielleicht ein stiller Kreuzgang oder ein einsames Reduit einem Bischof geboten haben mögen, wenn er daranging, darüber nachzudenken, was er zum Osterfest sagen möchte.

Und es kommt mir bei der Fahrt durch ein grünendes, sauberes und Wohlhabenheit ausstrahlendes Land in den Sinn, dass es gar nicht so leicht ist, in einer Welt wie der unseren die rechten Gedanken und Worte für das Wesentliche zu finden. Da draußen ist so viel ansprechender Vordergrund, der Herz und Geist in Beschlag nimmt, Wirtschaft und Wohlstand, Haben und Sichern, Genießen und Gelten… Das alles beschäftigt, fasziniert, verwirrt und trägt mit seiner Hektik zu einer Verarmung des Herzens bei, so wie die Überkultivierung einen Ackerboden auslaugt.

 

Ein Ton aus ferner Zeit

Der Blick aus dem Eurocity verleitet zum Träumen. Plötzlich schwindet bei der jagenden Fahrt dieser ganze strahlende Wohlstandsfrühling, und es steigt aus längst verdrängtem und vergessenem Erleben eine Erinnerung auf. Ich möchte sie zunächst abschütteln, denn ich weiß um die Gefahren dieser Blicke in die Vergangenheit. Ich möchte lieber in der Zugrichtung sitzen bleiben, nicht mit dem Blick zurück. Aber es ist nichts Nostalgisch-Heroisches, nur eine kleine Momentaufnahme. Ich sehe mich plötzlich mit meiner Einheit am 1. April des Jahres 1945 vom Fjell herunter in norwegisches Fjordtal marschieren, müde und ausgelaugt. Und das ist kein Wunder, denn wir haben einen Marsch von 3500 km hinter uns, siebenmal die Bahnstrecke von Wien nach lnnsbruck, die ich jetzt so bequem durchmesse. Pausenlos durch die Nächte, von Karelien über Finnland und Lappland bis zur Küste Norwegens, und die Nächte wurden immer länger, bis wir nur noch durch die Polarnacht zogen, durch Nordlicht und Schneestürme, und nie eine andere Rast als das lausige Zelt ohne Boden, auf dem blanken Schnee, und manchmal bei 40 Grad unter Null. Dazwischen waren Einsätze, und danach waren wir weniger, und die weißen Birkenkreuze blieben zurück. Im März hatten wir den Polarkreis nach Süden überschritten, und jetzt stolperten wir die erwähnte Straße hinunter, nur von dem Gedanken beseelt, ob die nächste Brotration nicht etwas größer sein könnte und dieses Elend einmal ein Ende haben würde.

Und dann geschah's. Im Tal drunten lag ein kleines Dorf mit einer Holzkirche und einem winzigen Turm. Und plötzlich läutet die Glocke. Man kann sich nicht vorstellen, was ein Glockenklang nach mehr als dreitausend Kilometern Entbehrung, Hunger, Kälte und Tod bedeutet. Alle waren wie elektrisiert. Mir schießt durch den Kopf: 1. April! Aber es war kein Aprilscherz. Es war Ostersonntag 1945. Der wortkarge Kamerad, der neben mir hinter dem Muli hertrottet sagt: „Du, ich glaub', der Krieg ist aus..." Und während in der Erinnerung noch die winzige Glocke im Fjordtal bimmelt, biegt der Express eben ins grünende Tirol der Gegenwart ein, die Festung Kufstein taucht auf, und damit ist das Heute wieder im Blick, das satte, fortschrittbesessene Heute.

 

Die schlichte Botschaft

Und doch möchte ich eigentlich nichts anderes tun, als auch für Ostern 1992 diesen Strang mit der kleinen Glocke ziehen, die nur verkündet, dass Gott Mensch geworden ist, um mit uns durch die Nächte, die Kälte, die Kämpfe und über die ermüdenden Serpentinen des Alltags zu ziehen, bis hin zu den Birkenkreuzen links und rechts der Lebensroute, und dass dann die Auferstehung dieses Jesus von Nazareth alles überstrahlt, wie ein Frühlingstag die lange Polarnacht, und dass Er unserem Leben damit wieder einen Sinn gibt, der durch nichts widerrufen und überholt werden kann. Darum allein geht es mir, und ich möchte nur am Strang dieser kleinen Glocke ziehen, die unverdrossen die wunderbare Botschaft singt.

Denn in unserem heutigen größeren und pompöseren Kirchengeläute scheppert manchmal zuviel mit, was mit der befreienden Kunde von Tod und Auferstehung nur am Rande oder gar nichts zu tun hat, das Hickhack von Problemen, die im Licht von Ostern nicht der Rede wert sind, und ein unnötiges Ächzen der Ängste im Glockenstuhl der Kirchtürme. Nein, ich muss versuchen, das Seil der kleinen Glocke zu erwischen, die die innerste Botschaft des Glaubens zum Schwingen bringt.

Der Hauptbahnhof Innsbruck, in den der Eurocity eben einrollt, bietet zwar wieder das Bild der lauten, oberflächlich-geschäftigen Welt. Aber die kleine Glocke vom Ostersonntag vor 47 Jahren hat doch überhaupt nichts an Aktualität verloren. Auch hinter blitzenden Schaufenstern, hinter Bank und Business, hinter Schein und Fassade, hinter den großen Hochhäusern und den langen Fensterreihen der Kliniken – da warten sie auch heute, die müden Marschkolonnen der Menschheit, mit den stolpernden Schritten und dem hoffenden Herzen, und ich weiß, dass ich noch immer dazugehöre.

 

Bischof Reinhold Stecher in der Tiroler Tageszeitung, Ostern 1992.

 

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