Bischof Stecher Gedächtnisverein

Heute Abend brennen die Feuer

1990

Es muss mit dem Älterwerden zusammenhängen. Der Karsamstagmorgen meiner Kindheit taucht ganz lebendig aus der Erinnerung auf, und die Gefühle werden wach wie wenn es gestern gewesen wäre. Fünf Uhr früh war für uns Kinder eine höchst ungewöhnliche Zeit. Dieses erste Morgendämmern auf dem Kirchhügel von Mühlau bei Innsbruck, der Schimmer über der schlafenden Stadt und die noch so dörflichen Dächer, die sich da unten herumduckten - ich weiß es noch wie heute. Fast käme mir vor, der Frühling hätte intensiver gerochen, aber das ist natürlich Einbildung. Es war zwar überall noch viel mehr Natur, von den weiten lnnauen hinauf über die Hügel zu den schlafenden Wäldern am Eingang der Wurmbachschlucht. Und so begann es - im Friedhof, mit dem alten Pfarrer, der sehr gut singen konnte, ein paar Ministranten, die sich die Augen rieben, dem Mesner, der sich ums Feuer kümmerte, dem Lehrer, der die Antworten sang, einigen älteren Frauen und uns drei Kindern. Wir sahen zu, wie droben das Licht hinter dem Glungezer heraufkroch, und wie es hier unten unter dem Gemurmel der Gebete aus der Glut auf das Wachsstäbchen übersprang, und von dort auf die Osterkerze, und von ihr weiter auf die Kerzen der Altäre und der Ministranten. Die Mutter hatte uns ein Büchlein zugesteckt, in dem die lateinischen Texte übersetzt waren, und so konnte man ein bisschen in das an sich unverständliche Mysterium der Worte und Gesänge eindringen.

 

Der Zauber der Erinnerung

Wir haben es natürlich nicht gewusst, aber doch vieles geahnt, wie man als Kind vieles ahnt und so mit einem untrüglichen Gespür durch die Jahre heraufträgt, bis es bewusster aber eben auch ein wenig blasser wird - wir haben es geahnt, dass in dieser Morgenstunde des Karsamstags um den Kirchhügel von Mühlau jahrtausendealte Überlieferungen streichen, heilige Rufe aus der Frühzeit des Christentums, Choralmelodien aus frühmittelalterlichen Mönchschören – und Hand aufs Herz, lateinisch waren sie schöner als deutsch…

Die Osterzeremonien der Kindheit die mit dem Feuer am Friedhof begannen, sind mir unvergesslich. Es muss an der Kraft des Fühlens liegen, mit der ein Kind Stimmungen, Gesten, Symbole und Vollzüge aufnehmen kann. Vielleicht kam auch dazu, dass unsere Erlebnisfähigkeit nicht vor Bildschirmen verausgabt und verbraucht war. Und es mochte auch eine Rolle spielen, dass der so froh begonnene Tag noch Großes barg: Nach der turbulenten Auferstehungsfeier am Nachmittag musste ja noch der Sturmlauf in den Garten kommen, wo die bunten Eier lagen. Mit solchen Aussichten erhalten liturgische Vollzüge für Kinder eine Weihe, von der die großen Theologen nichts ahnen... Es ist bei uns Menschen so, dass aufsteigende Erinnerungen aus der Frühzeit des Lebens immer wieder die Verklärung der Vergangenheit beschwören. Im Atelier der Kinderseele wird nun einmal mit kräftigeren Farben gemalt - jeder Gang durch unsere Kindergärten und Volksschulklassen belehrt uns darüber - die Bilder von damals bleiben strahlender, bunter als die flüchtigen Zeichenskizzen, die man als Erwachsener in die Hallen der Erinnerung hängt. Und so gibt es das immer wiederkehrende Phänomen der „guten, alten Zeit“.

Man lässt sich die schönen, liebgewonnenen Fresken in der Seele nicht gerne von neuen Gemälden überdecken. Es lebt in uns so etwa wie ein wachsames und sensibel reagierendes Denkmalamt, das der Erneuerung Schranken setzt. Und vermutlich ist dieses Bedürfnis im Religiösen besonders stark, weil hier die Wogen der Gefühle an den Strand des Ewigen schlagen. Wahrscheinlich berühre ich mit dieser Karsamstagerinnerung ein wenig das Problem des Alten und Neuen in der Kirche, des Beharrens und der Veränderung, das in den letzten 25 Jahren so viel Großes gebracht hat, so viele Aufbrüche und so viel Widerstreben und auch Verletzung. Und weil zutiefst Gefühle berührt sind, gelingt oft die Diskussion so schwer.

 

Verklärte Vergangenheit kann auch trügen…

Ich gehöre natürlich selbst zur Generation, die sich im Schnellzug des Lebens gerne gegen die Fahrtrichtung setzt und lieber zurückschaut. Aber diese Position kann auf die Dauer auch gefährliche Täuschungen bringen. Das Heil liegt keineswegs immer im Vergangenen, und es stimmt nicht, dass alles immer schlechter geworden ist. Das gilt auch für die Feier der Osternacht. Bei nüchterner Betrachtung muss ich mir sagen, dass die wunderbaren, kinderherzbewegenden Zeremonien von damals unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden. Es waren (wie heute) die Gesten und Gesänge der Alten Kirche, die wunderbaren Symbole von Licht und Wasser, die Texte der Schrift, die wiedererwachten Glocken und die strahlende Osterkerzen - aber die Gemeinde war nicht da.

Es war auch damals diese Nacht die heiligste der Nächte, die Feier aller Feiern des christlichen Glaubens, die Zelebration der Erlösung, die liturgische Entfaltung des siegreichen Christus - aber die Erlösten verschliefen das alles in ihren Betten, auch die, die sich mit Recht Gläubige nannten und Gläubige sein wollten. Und man hat gar nicht mehr bedacht, dass die Feier der Osternacht am Karsamstag früh eigentlich völlig deplaziert war. Man mag es drehen und wenden, wie man will - die zentrale Liturgie des Christentums war ins Abseits gerutscht.

 

Alte Liturgie im neuen Glanz

Heute, am Karsamstag abends, brennen die Feuer vor den Kirchentoren. Und das „Lumen Christi“, das Licht des Auferstandenen, zieht in unserem Land in gefüllte Kirchen ein. Tausende sind es, die das Licht weiterreichen, Zehntausende hören in der bedeutungsvollsten aller Nächte das Alleluja. In manchen Kirchen wird in dieser Nacht nicht nur das Taufwasser geweiht, sondern auch wirklich eine Taufe vollzogen. Das Mysterium ist wieder in die Mitte der Gemeinde gerückt. Und dabei geht es hier nicht einfach nur um einen Anlass, die Kirchen zu füllen. Das könnte man auch mit einem schönen Konzert. In der Osternacht geht es darum, dass die so oft verschüttete Mitte unseres Glaubens sichtbar wird. Der Glaube an den Auferstandenen ist sicher eine große Zumutung - das ist er von der ersten Stunde an gewesen - aber er ist eine strahlende Zumutung. Diese Nacht ist das große Ja Gottes zum Menschen, zu dessen Würde und Zukunft. Heute hat das große Fest der Erlösung eine erhebende, würdevolle, liturgisch-gemessene Gestaltung. Andere Völker feiern etwas spontaner. Die Mönche auf dem Berg Athos beenden die durchbetete Osternacht mit einem stundenlangen Jubel hoch über dem Meer, angesichts der aufgehenden Sonne.

Und damit kehre ich zurück zu jener Morgenstunde auf dem Kirchhügel zu Mühlau: Ich möchte nicht die Zeit zurückdrehen, und ich bin froh über den Wandel der Osterliturgie. Aber ich möchte mir und vielen jene Intensität des Erlebens und der Freude wünschen, die wir damals empfunden haben - damit die Feuer heute Abend nicht nur vor den Kirchen brennen, sondern auch in den Herzen.

 

Bischof Reinhold Stecher in der Tiroler Tageszeitung,  Ostern 1990.

 

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