Bischof Stecher Gedächtnisverein

Ostern ist das Fundament

1989

Hinsichtlich der Auferstehung Jesu bin ich ein Fundamentalist. Ich bitte Sie, nicht zu erschrecken. Dieses Wort „Fundamentalist“ lässt heute erschauern. Man denkt unwillkürlich an finsterbärtige Ayatollahs, die Rache schwören, an „Fundis“ in der Politszene, die verbissen und unentwegt die Straße nach Utopia, dem Lande „Nirgendwo“, ziehen, an Terroristen, die um ihrer „großen Sache“ willen mit Geiseln und Menschenleben feilschen, an Sektierer, die von sich und dem, was sie fanatisch vertreten, so eingenommen sind, dass sie nicht die leiseste kritische Distanz zu einer Ansicht einzunehmen vermögen.

Beim Wort „Fundamentalist“ denkt man zunächst an Menschen, mit denen man überhaupt nicht diskutieren kann, weil ihr Geist sozusagen in ein Schienenfahrzeug eingestiegen ist, das weder anhalten noch ausweichen kann. Und wir müssen als Christen vorsichtig sein, bei Erwähnung dieses Wortes herumzuzeigen, weil es auch in unseren Reihen immer wieder Fundamentalisten der unguten Art gab und gibt: fixiert in nebensächlichen Fragen, mit falschen Sicherheiten, von denen in der Botschaft Gottes nichts zu finden ist, mit einem verdächtigen Übereifer, einem inquisitorischen Jagdinstinkt auf alles Negative - genau wie jene Knechte im Evangelium, die angesichts des Unkrauts im Acker gleich ans Jäten wollten, und die der Herr bekanntlich sofort eingebremst hat: Lasst das – ihr werdet sonst mit dem Jäten des Unkrauts auch das Gute ausreißen... ! (Mt. 13,29).

Ich weiß, dass der Fundamentalismus eine heute überall wuchernde Erscheinung unserer Zeit ist. Vielleicht ist er - das muss zu seiner Verteidigung gesagt werden - auch ein Aufbäumen gegen eine Welt in der alles kritisiert, relativiert, nivelliert, zerredet und abserviert zu werden scheint, gegen eine Welt, in der man mit dem Löffel der Manipulation jenen Meinungsbrei zusammenrührt, den man dann „Bewusstsein der Gesellschaft“ nennt. Vielleicht steckt im Fundamentalismus eine begreifliche dumpfe Sehnsucht nach Linie, Profil und Überzeugung. Vielleicht demonstriert er den Wunsch nach Gültigem, nach Sicherheit inmitten der Wälder von Fragezeichen. Wahrscheinlich üben deshalb Fundamentalisten aller Arten und Schattierungen eine gewisse Faszination in unserer Zeit aus, und die Faszinierten spüren gar nicht, dass im Fanatismus ihrer Führer wieder die Unmenschlichkeit von morgen heraufzieht...

Wenn ich sage, dass ich hinsichtlich der Auferstehung Jesu ein „Fundamentalist“ bin, dann möchte ich mich natürlich nicht in die Reihen der oben Erwähnten stellen. Ich will damit nur sagen: Ich glaube schlicht und einfach, dass Jesus Christus wirklich auferstanden ist (auch wenn das eine unfassbare Wirklichkeit ist). Ich glaube das, weil man ohne dieses Bekenntnis die Heilige Schrift wegwerfen muss. Und ich glaube, dass diese Wahrheit das Fundament des Christseins ist, und nicht irgendein Detail am Rande.

In diesem Sinne möchte ich österlicher Fundamentalist sein, und ich weiß mich damit in guter Gesellschaft: Sie waren alle „Fundamentalisten“ - die Apostel, die Märtyrer, die großen Konzilien und die Kirchenlehrer und alle redlich glaubenden Christen, bis hin zu dem, der auf dem Friedhof durch die Tränen der Trennung hindurch doch hoffend und betend das Leuchten des Auferstandenen wahrnimmt…

Wenn ich hier für diesen echten und berechtigten österlichen Fundamentalismus eine Lanze breche, dann hat das zwei Gründe. Der eine Grund liegt darin, dass es in unserem Jahrhundert viele Versuche gegeben hat, den Osterglauben aufzuräumen und immer dünnere Aufgüsse aus der Botschaft diese Festes herzustellen, so dass damit die Substanz des Christlichen bis zur Unkenntlichkeit verwässert wurde.

So hat man zum Beispiel an der Bar einer gewissen „aufgeklärten“ Theologie folgende Version serviert: Die Auferstehung Jesu sei nur ein Zeichen dafür, dass „die Sache Christi weitergegangen sei“… Fast ist man versucht zu sagen: No na – umgekehrt wird ein Schuh draus! Nach allem, was wir von der Verfassung der Jünger nach dem Karfreitag wissen, ist die Sache Christi nur weitergegangen, weil die Auferstehung Jesu die Sachlage schlagartig verändert hat. Ohne dieses Ereignis hätte es nicht die leiseste Motivation zum Weitermachen gegeben. Andere wieder haben versucht, die Auferstehung zu einem „Symbol“ zu verflüchtigen, zu einem Mythos von Sterben und Wiedererwachen, so wie die uralten Tiroler Fasnachtsbräuche diesen Kampf zwischen Winter und Frühling beschworen.

Ich vermute - wenn wir dem Petrus und den anderen Jüngern mit einer so windigen Erklärung für das gekommen wären, wofür sie Verfolgung, Gefängnis und Tod erlitten haben, sie hätten uns vermutlich den Vogel gezeigt. Die Gründe, warum ich den österlichen Fundamentalismus so betone, liegen darin, dass die Umfunktionierung zu einem Hasen-, Hühner-, Eier- und Reisefestival einfach den innersten Sinn des Festes auflöst – wobei ich natürlich nichts gegen liebenswerte Kinderbräuche und Urlaubsträume Erwachsener habe. Der zweite Grund, warum ich mich als österlicher Fundamentalisten bekenne, ist sozusagen eine Aussage in eigener Sache, nicht ganz ohne Aktualität. Auch in der jungen Kirche hat sich sofort die Frage der Bischofsnachfolge erhoben, als sich herausstellte, dass einer der Apostel ein Versager gewesen war. Auch damals hat man schon bei der Suche nach einem Kandidaten die Frage der Qualifikation für dieses Amt gewälzt. Und dabei war gar nicht so wichtig, wer es dann schließlich wurde. Man hatte nämlich zwei im Vorschlag und hat dann ganz antiautoritär und antidemokratisch das Los entscheiden lassen. Aber eines war unabdingbar wichtig: Er musste ein Zeuge der Auferstehung sein (Apg 1,22).

Es scheint mir heilsam, daran zu erinnern - in einer Zeit, in der Bischofskandidaten nur von Fragen wie Frauenweihe und Befreiungstheologie, Pille und Volksaltar, Sexualerziehung und Ministrantinnen und ähnlichem umschwirrt werden. Es wäre auf allen Etagen der Kirche wichtig, sich daran zu erinnern, dass ein Bischof zu allererst und vor allen Problemen und Problemchen ein Zeuge der Auferstehung sein muss und ein Verkünder der ganzen Fülle, die hinter dem Auferstandenen auftaucht. Darum bleibe ich bei dem Satz: Hinsichtlich der Auferstehung Jesu bin ich ein Fundamentalist. Und ich müsste schleunigst mein Amt niederlegen, wenn ich nicht aus tiefster Überzeugung sagen könnte: Er ist wirklich auferstanden!

 

Bischof Reinhold Stecher in der Tiroler Tageszeitung, Ostern 1989.

 

Die Originaldatei zum Downloaden

Mitglied werden

mehr dazu

Newsletter

Wenn Sie unseren NEWSLETTER erhalten wollen, geben Sie bitte hier Ihre Daten ein.

anmelden

Spenden

Wenn auch Sie Bischof Stecher in guter Erinnerung haben und ihm ein ehrendes Andenken bewahren möchten, dann unterstützen Sie doch unsere Arbeit.

Spenden

powered by webEdition CMS