Bischof Stecher Gedächtnisverein

Ein Singen geht über die Erde

1988

Vielleicht klingt dieser Satz in manchen Ohren wie eine Provokation? Ein Singen über dieser Erde? - Riecht das nicht wie ein frommes Deodorant, das die Gerüche einer faulen Welt für ein paar Stunden überlagern soll? Oder wirkt das nicht wie ein dünner, poetischer Rosaanstrich, den man über die rissige, hässliche Wand der Wirklichkeit pinselt? Klingt das nicht wie ein deplatziertes Violinenkonzert in einem trostlosen Hinterhof, zwischen Gerümpel, Abfalltonnen und Küchengeruch?

 

Was singt schon über diese Erde?

Was singt denn über die vertrockneten Steppen der Sahelzone, über die Flüchtlingslager und über die Favelas Südamerikas, über das wachsende Elend und die ungelösten Probleme dieser unserer Erde, über die düsteren Fanatismen, die Giftgaswolken und das Kinderweinen?

Was singt denn in den vielen Menschen, die an der Verdüsterung der Seele leiden, bis hinein in die Bedrückung der Verlassenheit und der Isolation? Es gibt in unserer Zeit doch auch so etwas wie eine Aidskrankheit des Geistes, einen Schwindel der Resistenz gegen alle schädlichen Viren, die die Kraft des Herzens schwächen, und keiner ist gegen die Depression, die Seuche der Epoche, gefeit. Was singt denn in einer Frau, die mit dem Kind allein gelassen wurde, weil eine andere attraktiver war, und die sich nun durchs Leben schlagen muss mit dem Traum einer zerbrochenen Beziehung und der Last der Verantwortung und dem ganzen Handicap einer Alleinerziehenden? Ist es nicht so, dass ich selbst oft genug hilflos und verstummend vor solchen Schicksalen stehe? Was singt denn schon in der Intensivstation der Klinik, in der der Fünfzehnjährige mit der Querschnittslähmung und das Mädchen mit dem Gehirntumor liegen, und wo der nächste Hubschrauber die nächste menschliche Tragödie bringt? Was singt schon über diese Erde?

Aber es war gerade in besagter Intensivstation, wo mir ein junger, sehr tüchtiger Krankenpfleger zwischen den flinken, gekonnten Handreichungen in einer ruhigen Minute gesagt hat: „Wissen Sie, wenn ich das erlebe, wie ein Menschenleben sich neigt, dann erinnert mich das an das Kreuz, und wenn ich sehen darf, wie ein Todkranker gesund wird, dann ist das wie ein Vorspiel der Auferstehung...“ Ich gestehe, dass ich von diesem kühnen Wort eines jungen Menschen, der wahrhaftig genug von den Schattenseiten des Daseins zu sehen kriegt, tief betroffen war. Eigentlich verdanke ich es ihm, dass ich in einer Zeitung diese Schlagzeile wage: Ein Singen geht über die Erde...

Denn er hat genau das ausgesprochen, was eigentlich auch hinter den befreienden Taten und tröstlichen Zeichen Christi aufblitzt und leuchtet. Der Herr hat ja nicht einfach seine Zeit und seine Gesellschaft von allen drückenden Problemen befreit. Er hat weder das menschliche Gebrechen noch das soziale Elend seiner Tage einfach weggewischt, aber wenn er über blinde Augen gestrichen, wenn er taube Ohren berührt und die Hand über Aussätzige ausgestreckt hat, wenn er ein Begräbnis in einen Freudenumzug umgewandelt oder einen Menschen von dunklen Mächten befreit hat, dann wollte er über die augenblickliche (und vergängliche) Erleichterung hinaus ein Zeichen für Größeres und Unvergängliches setzen. Er wollte sagen: das eigentliche Schauen, das eigentliche Hören, die eigentliche Gesundheit, das eigentliche Leben und die eigentliche Freiheit der Seele kommt erst. Alles Tun Christi geschieht in Blickrichtung Auferstehung.

Und so wäre der Satz vom heimlichen Singen über dieser Erde zu verstehen. Wir sollten, wenn wir uns zum Glauben an diesen Christus durchringen, in uns ein österliches Schauen, Hören und Fühlen der Weltwirklichkeit entfalten. Irgendwo und irgendwann fällt doch bei jedem der Sonnenstrahl durch die Gardinen, auch wenn die Vorhänge oft schwer und dunkel herunterhängen. Irgendwo und irgendwann vernimmt doch jeder mitten im Gekreisch und Lärm der Tage eine leise Melodie des Guten und Hellen im Hintergrund. Ein Singen geht über die Erde.

Schon im Entfalten der Natur liegt ein Stimmen der Instrumente in Richtung Auferstehungssymphonie. Das gilt auch von der Meise, die sich vom Hofgarten herüber an mein Fenster verirrt und ein paar fröhliche Pfiffe ablässt. Und es geht ein Singen über die Erde, wenn die Sonne vom Glungezer her durch die Talnebel bricht. Aber dieses Singen umgreift auch weniger lyrische Augenblicke. Wenn man zum Beispiel spürt, dass sich bei Menschen Vorurteile auflösen, Barrikaden auf den Straßen des Herzens abgeräumt werden, die früher alles Verstehen und jedes Zueinander abgeblockt haben, oder wenn ein gestörtes Kind in einem geduldigen und behutsamen Menschen neuen Halt findet und ein gewisses Vertrauern aufblüht und es schließlich wider alles Erwarten sogar am lernen Gefallen hat, weil jemand da ist, dem zuliebe es etwas tun kann, dann ist ein solches Ereignis wirklich ein Singen über dem Alltag, wie mir eine glückliche junge Lehrerin gestanden hat, und es wiegt mehr als ein Händel-Alleluja auf der Schallplatte. Und geht nicht auch ein Singen über die Erde, wenn ein Betreuer erlebt, dass dem ins Sandeln abgetrudelten jungen Menschen doch noch der Start ins Leben gelingt und der Arbeitgeber die Einstellung des Sorgenkindes nicht bereut? Geht nicht ein Singen durch mein Zimmer, stärker als alle Weisen des Frühlings draußen, wenn mir beim Öffnen der Post der Brief einer Rentnerin in die Hand fällt, die sich mit ihren bescheidenen Möglichkeiten am Werk der Resozialisierung von ehemaligen Strafgefangenen beteiligen möchte?

Es liegen auch in unserer belasteten Zeit so viele verheißungsvolle Melodien in der Luft, aber wir haben sozusagen zu wenig österliche Antennen im Gemüt, Gott sei's geklagt, auch in der Kirche, und darum schleichen wir zum Takt von müden Trauermärschen und den Trommeln der Empörung durch unsere Tage, mit den lauten Tschinellen der Anklage gegen Gott und die Welt und die verheerenden Zustände und der dumpfen Pauke der permanenten moralischen Entrüstung über andere – der verdächtigsten Weise auf der Straße des Lebens. Hie und da braucht es sicher den Schlag des Zorns auf die Pauke, hie und da verlangt die Impertinenz des Bösen, dass „unsere Stirn hart wie Kiesel wird“, wie es Jesaia einmal gesagt hat, aber die Gewitterwolke kann nicht das Dauerklima einer Menschenseele sein, die an die Auferstehung glaubt. Das Gute spielt in dieser Welt seinen Part meist piano oder pianissimo, und es gehört zur Lebenskunst es nicht zu überhören. Wer diese Kunst beherrscht, hat die Musikalität der Heiligen.

Am verhaltensten wird dieses Singen über der Erde, wenn es in der Tiefe des eigenen Herzens im verschwiegenen Zentrum der Persönlichkeit aufblüht. Und das geschieht dann, wenn uns das schwierigste Steuermanöver der Lebensfahrt gelingt, das Wenden auf der engen Straße des Ego und den tiefen Fahrrillen eingelaufener Gewohnheit: Wenn wir eine Umkehr fertigbringen, eine Änderung der Einstellungen, und wir uns als Betroffene und Beschämte zum verzeihenden Gott hin aufmachen. Es ist das eindrucksvollste Vorspiel zur Auferstehung. Hat Christus nicht selber gesagt, dass das große Konzert im Himmel begänne, wenn ein Sünder umkehrt? Nach diesem Wort des Herrn wird so manches ehrliche Gespräch, manches Flüstern im Beichtstuhl, mancher schwierige Neubeginn den Einsatz für das große Singen über Zeit und Ewigkeit geben…

Die große Auferstehung am Ende der Tage hat also viele Präludien. Zugegeben, es sind nur vorbeihuschende Lichtpunkte in der Dunkelheit, aber wir sollten diese Lichtpunkte eben zu einer Reflektorenreihe ordnen, die am Straßenrand aufblitzt und hinführt zur großen Verheißung. Der Sohn Gottes hat mit seinem leisen Schritt durch den schweren Rollstein, das Symbol des unerbittlichen Todes, endgültig diese Straße der Verheißung eröffnet. Die Chance hat eindeutig das Leben, nicht der Tod. Und darum geht ein Singen über die Erde, trotz allem.

 

Bischof Reinhold Stecher in der Tiroler Tageszeitung, Ostern 1988.

 

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