Mit wechselndem Erfolg hat man hierzulande in der künstlerischen Gestaltung versucht, ein Stück aus dem Leben Jesu in die Gegenwart zu versetzen. Als man daranging, den Hirten von Bethlehem Lodenjoppen anzuziehen und Trachtenhüte aufzusetzen, und als man die Höhle von Bethlehem in einen Tiroler Heustadel verwandelte, hatte an dieser Aktualisierung eigentlich niemand etwas auszusetzen. Das war ja eine gefällige Sache. Das wunderbare Geheimnis der Menschwerdung wurde mit einem Hauch von Idylle mitten in die heimatliche Landschaft verpflanzt, und mit den biederen, treuherzigen Gestalten, die da mit Gabenkörben der Krippe zustrebten, mochte sich jedermann identifizieren und sich vielleicht heimlich ein wenig selber auf die Schulter klopfen und denken: Ja, ja, das ist Tirol…
Als aber Max Weiler nach dem zweiten Weltkrieg versuchte, mit den Fresken auf der Hungerburg das Geschehen des Karfreitags in den Tiroler Alltag zu stellen, geriet er schon in beträchtliche Schwierigkeiten. In diesen Figuren rund um Golgotha wollte sich niemand wiederfinden, trotzdem sie natürlich alle aus unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit genommen sind: Der brutal-rücksichtslose Kraftmeier, der die Lanze führt; die plaudernden Herren, die von Geschäften, Wahlaussichten oder irgend etwas reden und das Streben Christi nebenan glatt übersehen; die vom Schrecklichen betroffene Frau, die sich schockiert abwendet und die Augen verdeckt, weil sie das alles nicht wahrhaben will; das entsetzte Kind, das Dinge gesehen hat, die es gelb und alt werden lassen; der Lauser, der lässig ins Treiben schaut und mit seiner Haltung nicht gerade zum Ausdruck bringt, dass ihm diese Gesellschaft hinreißende Vorbilder vor Augen stellt…
Sie sind alle da, aber wenn man hinschaut, vergeht einem natürlich das gefällige Sich-auf-die-Schulter-Klopfen. Und darum gab’s Beleidigungen, mitten im kritisch aufgeschlossensten Jahrhundert. (Das Mittelalter war eigentlich bei der Vergegenwärtigung biblischer Wahrheiten weniger zimperlich. Da hat man ohne weiteres Päpste und Bischöfe in die Hölle gemalt, damit auch Kirchenfürsten wissen, was ihnen blüht, wenn sie nicht an ihre Verantwortung denken.)
Die Auferstehung Jesu wurde meines Wissens kaum je von der bildenden Kunst mitten in die Zeit gestellt. Die entsprechenden Gemälde tragen meist triumphale Züge, mit einer gewissen theatralischen Großartigkeit, und der Herr erscheint in der Art eines sieghaften Blitzes über stürzenden und geblendeten Soldaten. Die Sache ist für den Maler auch eine schwierige Aufgabe. Denn das, was im ersten Schimmer des Ostermorgens geschah, dieser weltbewegende Schritt des Hingerichteten und Begrabenen durch den kalten Stein des Todes und der Vergänglichkeit, war ein leises, verborgenes, verhaltenes Ereignis, jenseits der Welt der Mikrophone, Kameras und Reportagen. Der Auferstandene wird gesehen und doch nicht erfasst, er tritt in einen Raum, steht im Garten, wandert über die Felder, wartet am Seeufer, und man hält ihn für irgendwen, und plötzlich huscht das selige Wiedererkennen mit absoluter Sicherheit über verweinte, ängstliche, verzweifelte oder kritisch-reservierte Züge… Die Meiser des Pinsels, die sich im Bereich des Gegenständlichen bewegen, haben es schwer mit diesem Einbruch einer ganz anderen Dimension.
Nur in einem anderen Bereich der Kunst unserer Tage habe ich die Darstellung der Auferstehung, hineinversetzt in unsere Lebenswirklichkeit, sehr schlicht und glaubhaft gefunden. In der Schlussszene der Thierseer Passionsspiele lässt Regisseur Helmut Wlasak die Spieler alle wieder in der Alltagskleidung auftreten. Aus den Aposteln und heiligen Frauen, den Pharisäern und Schriftgelehrten, den Hohepriestern und Soldaten werden wieder Schüler und Pensionisten, Postbeamte und Verkäuferinnen, Hausfrauen und Holzarbeiter, und mitten durch diese Scharen, die sich von den Zuschauern nicht unterscheiden, schreitet im weißen Kleid der Auferstandene, nicht gesehen und doch nahe, anders als alle und doch einer von ihnen.
Ich wünschte, er schritte so durch die Gesellschaft und die Kirche des heutigen Tirol. Sie sind ja alle da, die Gestalten von damals. Es gibt genug Trauernde, die zum Grab ihrer Hoffnungen ziehen, wie die Frauen am Ostermorgen. Alle Dienste und Organisationen, die sich dieser Schicksale annehmen, die in die Schattentäler der Gesellschaft hineinwirken, wissen davon ein Lied zu singen, und ich glaube, dass jeder, der in der Telefonseelsorge oder in der Gesellschaft für psychiatrische Hygiene, in der Eheberatung oder ähnlichen Einrichtungen tätig ist, immer wieder auf den Rollstein in der Seele stößt, den nur ein Größerer wegwälzen kann, wie beim Felsengrab in Jerusalem.
Und es gibt heute auch genug Resignierende, die wie die beiden Jünger damals am Ostersonntag Nachmittag aus Jerusalem auswandern, weil sie alle Träume von einer besseren Welt zerrinnen sehen, und die einen bräuchten, der neben ihnen herginge und verstehend und geduldig erklärte, dass Gott immer nur scheinbar scheitert, einen Begleiter, mit dem sie bis Emmaus kämen, wo ihnen die Augen aufgingen.
Und auch die Ängstlichen fehlen heute in der Kirche nicht, die sich ins Obergemach auf dem Sion zurückziehen, wie die demoralisierten Jünger nach der Kreuzigung und alle Riegel vorschieben und alle Schlüssel zweimal umdrehen, weil sie vergessen haben, dass ein gütiger, weiser und kühner Papst aus Bergamo die Fenster aufgemacht hat, um uns zu sagen, dass die Angst ein schlechter Motor für Glaube, Kirche und die Entfaltung der Liebe sei. Wie die elf Verbarrikadierten im Abendmahlsaal bräuchten die Überängstlichen wieder einen, der durch die Türen der inneren Ängste und Kleinkariertheiten schritte und wieder sagte: Fürchtet euch nicht! Und auch Thomas lebt unter uns und in uns, jener Thomas, der den handgreiflichen Test für die Wahrheit der Auferstehung forderte und die Hand in die Wunden legen wollte. Wie groß ist die Gruppe der Zweifler und Überkritischen, die für die tragenden Wahrheiten des Lebens dieselbe Art exakter Beweise fordern möchten, wie sie in der Welt der Messgeräte und Experimente, der Labors, der Rechenstifte und der Computer gelten – als ob man den Sternenhimmel mit Briefmarkenlinsen betrachten könnte! Es bräuchten viele von uns in irgendeiner Form die überwältigende Begegnung mit Christus, die einen Sinn des Daseins erschließt, der alle Wissenschaft überschreitet.
Die Gestalten der Ostertage tauchen alle im Tirol von heute auf. Sie sind mitten unter uns und wir mitten unter ihnen: Die Verunsicherten und die Verschreckten, die Zweifler und die Empörten, die Sucher und die Hoffenden. Und wo bleibt bei uns der Auferstandene, den wir so nötig haben? Wer mit dem Sinn des Glaubens durch die Wirklichkeit geht, fühlt ihn und spürt sein Wirken. Er ist da, wie in der wunderbaren Schlussszene der Thierseer Passion: Da blitzt eine Einsicht auf, die er schenkt – dort ein befreiender Trost, den er spendet. Da wächst ein Mut zum Guten, den er gibt, und dort eine kraftvolle Initiative – und du weißt nicht woher und wieso. Da fällt ein Vorurteil zusammen, eine jahrhundertealte Hassbarriere, und dort blüht eine ermutigende Gemeinschaft auf – und beides geschieht im Wehen seines Geistes.
Uns so gibt es leise, verhaltene Ostern heute, hier und jetzt, für jeden, der sich glaubend öffnet. Und darum feiern wir ein Fest, nicht nur ein Fest der Erinnerung an einen, der einmal auferstanden ist, sondern an einen, der als Auferstandener durch unsere Reihen geht, der da ist, meist verborgen, aber doch wirksam in der Geschichte und bis hinein in jene geheimnisvolle Schicht unseres Herzens, in der der Mensch vom Ewigen berührt wird.
Ein österreichischer Staatsmann hat mir einmal in einem Gespräch verraten, dass für ihn der Flug über den Wolken immer eines der eindrucksvollsten Erlebnisse gewesen sei, mit einer besonderen Nähe zur religiösen Empfindung. Und ich musste ihm mit meiner bescheidenen Flugerfahrung zustimmen. Von Zeit zu Zeit brauchen wir all den Flug – und das ist wohl der Sinn einer Festfeier. Wir brauchen wieder einmal das Durchstoßen der dunklen Wolkenbänke der Traurigkeit, das Schweben über den Nebeln des Zweifels, die freie Sicht über die vergängliche Erde und den faszinierenden Blick in den steigenden Feuerball. Ostern möchte im grauen Ablauf des Jahres für den suchenden Gläubigen und den noch nicht ganz glauben könnenden Sucher etwas Ähnliches sein: Eine Art Einladung zum Aufstieg, so etwas wie ein Ticket für einen Morgenflug nach Ostern über den Wolken, der Sonne entgegen.
Bischof Reinhold Stecher in der Tiroler Tageszeitung, Ostern 1987.
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