Bischof Stecher Gedächtnisverein

Wandel der Herzen

1986

Die Welt Palästinas, die den Hintergrund zu den Ereignissen um Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi bildete, war in vieler Hinsicht deprimierend. Und um gleich mit dem Bereich zu beginnen, wo die Verderbnis immer am schmerzlichsten ist: Da gab es in Jerusalem die mächtigen Familien der Hohepriester, die schon längst kaum mehr religiöse Interessen vertraten, sondern nur in den Millionen wühlten. Der Tempel, den sie beherrschten, war für sie kein Haus des Gebets, sondern nur noch ein ertragsreiches Wirtschaftsunternehmen. So machten sie unter anderem einen mächtigen Schritt in der Devisenbranche, weil all die vielen Pilger aus der ganzen damaligen Welt ihr Geld in den Tempelschekel umwechseln mussten. Die Kurshöhe aber wurde in den Palästen des Annas und Kaiphas bestimmt. Und dann kontrollierten sie den Tempelschatz, der ein gewaltiges Depositenvermögen darstellt. Man konnte diesem Schatz zwar nichts entnehmen, weil er tabu war. (Das musste sogar ein Pontius Pilatus zur Kenntnis nehmen, der einmal den Griff in den Schatz versuchte.) Aber da man damals bereits viele moderne Bankoperationen kannte, hatte das Tempelgold sicher eine weitreichende Bedeutung. – Die Hohepriester verfügten auch über den Tempelmarkt, der für die Pilgerströme eingerichtet war und der noch viele Jahre später die Firmenbezeichnung „Kaufhallen der Söhne des Annas“ trug. Er brachte von den Ständen hohe Mieten ein. Christus, der weder Tempelsteuer noch Tempelfrömmigkeit ablehnte, aber gegen diese Auswüchse des Gewinnstrebens auftrat, hat den Annas-Konzern an seiner empfindlichsten Stelle getroffen, als er seine Aktion gegen den wuchernden Tempelmarkt setzte. Darum hat auch diese Gruppe mit aller Macht seinen Tod betrieben.

Und dann saß in Judäa ein römischer Statthalter, der seinerseits das Amt des Hohepriesters an den meistbietenden Bewerber verkaufte und auch sonst großzügig Bestechungsgelder nahm. Nach einigen Jahren also aufreibenden Dienstes zog sich der betreffende Herr dann wieder aus der Provinz in das süße Leben in einer Villa am Tiber oder bei Neapel zurück und lebte von den Zinsen des ergaunerten Geldes. Ausnahmen in dieser Amtsführung bestätigen nur die Regel, und Pontius Pilatus war nach den zeitgenössischen Quellen keine Ausnahme. Er ist keineswegs erst beim Prozess Jesu draufgekommen, dass eine Hand die andere wäscht.

Und in einem der Stadtpaläste weilte Herodes Antipas, der – wie die meisten aus seiner Familie – in seinem Leben so viel an Crime und Sex zusammengebracht hat, dass der Stoff für einen dreistündigen Hollywoodschinken reichen würde. Gegen das, was sich an seinem Hof zutrug, sind Dallas und Denver Gutenachtgeschichten für die Kleinen. Christus hat selbst als Gefangener diesen Mörder des Johannes keines Wortes gewürdigt.

Was die kleinen Leute besonders traf, war ein völlig ungerechtes Steuersystem, das außerdem noch weitgehend der privaten Willkür der Steuerpächter ausgeliefert war. Nicht umsonst rangierte dieser Stand in der Volksachtung bei den Dieben und Dirnen. (Ich ärgere mich eigentlich jedes Mal, wenn die Übersetzung der Schrift die Berufsgruppe mit dem Wort „Zöllner“ wiedergibt, weil sie mit den braven Leuten, die am Brenner Dienst tun, wirklich nichts zu tun haben.)

Auch eine weitere Nuance fehlte in den Tagen Jesu nicht: Jerusalem kannte das wütende Parteiengezänk zwischen den religiösen Gruppen der Pharisäer und Sadduzäer. Und was diese beiden Parteien in ihrem Ratshaus, dem Synedrium, aufführten, war manchmal durchaus fernsehreif für die Sendung „Hohes Haus“. Man kann das in der Apostelgeschichte nachlesen. Aber es gab noch eine Menge weiterer Hochspannungsbereiche der Aggression: Pilatus hasste den Hohen Rat, die Juden hassten die Samaritaner, die römischen Soldaten hassten die jüdischen Freiheitskämpfer – und jeweils umgekehrt. Kein Wunder, dass auf diesem Pflaster der Terror blühte. Es gab ihn in verschiedenen Gruppen und Grüppchen wie heute in den Straßen von Beirut. Im Museum von Jerusalem liegt ein Sikarierdolch aus jener Zeit, und auf seiner Klinge stehen in aramäischer Sprache die makabren Worte „Wohl bekomm’s!“.

Und unten war das Volk. Zum Großteil arm, viele am Rand des Existenzminimums. Auf den Plätzen der Stadt standen die Arbeitslosen herum und boten sich für den Hungerlohn von einem Denar am Tag an. Ein wenig gemildert wurde die Situation durch die der damaligen Zeit weit vorauseilende karitative Hilfe der Synagogen, aber es gab viel Elend. Unter Herodes dem Großen, der brutal, aber tüchtig gewesen war, hatte es einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung gegeben. Aber im Lauf des ersten Jahrhunderts begannen sich doch schon die Risse im politischen und wirtschaftlichen Gefüge des Weltreichs abzuzeichnen…

Das war die Welt, in der der stille Mann aus Nazareth lebte, lehrte und litt. Er trat zwar gegen diese Welt furchtlos an und riss ihr manchmal auch schonungslos die Maske herunter, aber er begegnete ihr eigentlich ohne jene Konzepte, die man ihm in unserer Zeit so oft unterjubeln wollte: Ohne sozialrevolutionäre Modelle, ohne politisches Engagement, ohne die Mobilisierung der Massen. Sein Ziel war der Wandel der Herzen, die Bildung neuer Gesinnung. Es ist müßig, die Parallelen von Damals zum Heute zu ziehen. Manches erinnert ja an eine Neuinszenierung eines uralten Theaterstücks mit anderen Schauspielern, neuen Bühnenbildern und ein paar veränderten Requisiten. Und das Stück läuft, und niemand ist dagegen gefeit, sich plötzlich mitten auf der Bühne in dieser Tragikomödie rund um Macht und Geld und überzogenen Lebensanspruch zu finden, mitten in der makabren Tanzszene um die goldenen Kälber und Egoismen der Welt. Keiner ist davor sicher, aus keinem Staat oder Stand, aus keiner Gesellschaftsschicht und keinem Bildungsgrad, aus keiner Partei oder Organisation, ja nicht einmal aus der Kirche, wie wir betroffen feststellen müssen. Und wenn es auch nur ein Fall ist, mahnt er doch, dass niemand nur für die anderen die Rezepte ausstellen kann: Das einzige Mittel, dass man nicht in den Sog dieses Wirbels gerät, ist das Wachsen von Gesinnung, der Verankerung des Herzens in den entscheidenden Werten.

Gesinnung entfaltet sich, wenn die Werte nach innen wandern. Auf einer gewissen äußeren Schicht stimmt nämlich alle Welt sittlichen Werten zu. Wer wird sich zum Beispiel schon dem Ruf zu mehr Bescheidenheit und mehr Hilfsbereitschaft entgegenstellen? Solange die Forderungen allgemein und theoretisch bleiben, lauscht jeder zustimmend auf die Fanfaren moralischer Appelle, die über die Gesellschaft tönen und nickt verständnisvoll: „Recht hat er…!“ Schwieriger wird es für uns alle, wenn der ethische Aufruf sich in peinlicher Direktheit an uns selbst wendet: „Du musst deine Ansprüche bremsen und solltest hilfsbereiter sein…!“ Aber das wird wiederum nur gelingen, wenn das Gemüt angesprochen ist. Der sittliche Wert kann in den unmöblierten, kühlen Räumen des Intellekts nicht wohnen. Er braucht eine Kultur des Herzens, er benötigt die Fähigkeit zum Ergriffensein. Am meisten hilft dazu die Begegnung mit dem guten Menschen, den es ja auch heute um uns herum immer wieder gibt. Es gibt ihn, auch wenn man nicht davon redet – den integren Politiker, die liebevolle Mutter, den hilfsbereiten Beamten und den selbstlosen Arzt, die freundliche Lehrerin und den besorgten Rotkreuzhelfer. Sie alle vermögen in dieser Welt Wertgefühl auszustrahlen.

Aber das Gefühl allein reicht nicht für den Wandel des Herzens. Weil ich im Fernsehen mit Gefühl und Hingabe einen Slalom verfolge, bin ich ja auch noch kein Skifahrer. Man muss das Gute tun. Ein Krankenbesuch, für den man sich Zeit nimmt, kann für den Schritt zum Nächsten mehr bedeuten als alle wissenschaftliche Lektüre über Sozialpsychologie und alle allgemeinen Gefühle des Mitleids gegenüber dem Elend der Welt. Zur Verankerung des Wertes ist nur noch eines nötig: Man muss das Gute öfters tun. Dann kann Hilfsbereitschaft und Offenheit für den anderen zur Gesinnung werden. Christus hat diese Stabilisierung des gewandelten Herzens das „Bleiben in der Liebe“ genannt.

So müssen die Werte im Menschen nach innen wandern. Das ist und bleibt der entscheidende Schritt zur Veränderung der Welt. Vielleicht darf ich den Vorgang der Gesinnungsbildung etwas plastischer darstellen: Mit den tragenden Werten des Lebens verhält es ich wie mit den Hosenknöpfen. Wenn meine Hose ins Rutschen kommt, genügt es keineswegs, wenn ich von der grundlegenden und umfassenden Bedeutung der Hosenknöpfe überzeugt bin (die Experten nennen das „theoretisches Wertverständnis“). Es wird auch nicht reichen, wenn ich feststelle, dass mir ein Knopf fehlt, und einen zu kaufen beschließe („praktisches Wertsehen“). Das Problem mit der gefährdeten Hose ist auch noch nicht gelöst, wenn ich von Farbe und Form des gekauften Knopfes hingerissen bin („Wertfühlen“). Ich werde ihn annähen müssen, und zwar nicht nur mit einem Stich, sondern mit vielen kreuz und quer und rundherum… („wiederholtes, werterfülltes Handeln“). Jedermann weiß auch aus Erfahrung, dass ein Knopf allein nie die Verantwortung für die ganze Hose tragen kann, und so kann auch ein Wert allein, der gerade in Mode ist, nicht das ganze Leben tragen (das gilt auch z.B. vom Wert des Umweltbewusstseins, ein Knopf, der derzeit bei vielen erfreulicherweise recht gut sitzt.) Und weil heute so viele Knöpfe fehlen oder schlecht angenäht sind, verliert unsere Gesellschaft in Österreich zusehends moralisch die Hosen. Und gegen diese Misere hilft letztlich weder das Erstellen von Analysen noch das Anstimmen von Klageliedern, weder das Formulieren von Kampfparolen noch das Schmettern von moralischem Trara, sondern einzig und allein das Annähen der Hosenknöpfe… Und darum ist der Ruf zum Wandel der Herzen, den der stille Mann von Nazareth gegenüber einer ebenso deprimierenden Welt wie der unseren verkündet hat, aktuell wie eh und je.

Die Verankerung der lebenstragenden Werte in der Personmitte des Menschen ist ein leiser, mühsamer, Geduld heischender, unscheinbarer Vorgang. Er ist ein Stück Wachheit der Gewissen, ein Stück guter Wille, ein Stück Ermutigung durch andere, und im letzten ein Stück Wunder, das all unser Wissen um das Menschenherz überschreitet. Dieser Vorgang ist der ethische Abglanz der Auferstehung und wie diese ein leises, unsichtbares Geheimnis, das sich immer wieder zwischen Nacht und Tag, zwischen Dunkel und Morgendämmerung vollzieht.

 

Bischof Reinhold Stecher in der Tiroler Tageszeitung, Ostern 1986.

 

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