Bischof Stecher Gedächtnisverein

Ostern, die Stunde des Glaubens

1985

In diesen österlichen Tagen wandern meine Gedanken immer wieder ein Jahr zurück, zu den letzten Besuchen bei Karl Rahner, wenige Tage vor seinem Tod. Diese Gespräche mit dem einstigen Lehrer sind mir unvergesslich. Es war, wie wenn ein Menschenleben nach langer Reise einem Ziel zustrebte, so wie ein großer, breiter Strom zur Mündung kommt, der alle Windungen, Katarakte und Staudämme hinter sich gelassen und viele Schiffe und die Last der tausend Fragen getragen hat, und der sich nun dem großen Meer nähert, wo alles einfach wird. Man saß am Krankenbett und konnte mit einem sehr gelösten, ja fast heiteren Menschen reden, und dabei musste man an die Bücherstellage zu Hause mit der langen Reihe der Rahner-Bände denken, an das gewaltige Wissen und das Ringen mit den vielfältigen Problemen, die nun einmal diese Epoche dem wachen Glaubenden aufgegeben hatte. Und doch hatte man keinen müden Menschen vor sich, keinen problemzerriebenen, sondern einen sehr gefassten, mit einer fast fröhlichen Distanz zu sich und seinem Werk (eine Haltung, die einigen seiner harten Kritiker abzugehen scheint, wenn man ihren Stil bedenkt).

Vielleicht war es das, was diesen großen Theologen so menschlich und sympathisch machte: Dass er zutiefst um die Schwierigkeit, die Mühsal, die Unsicherheit und Gefährdung des Glaubens an Christus in unserer Zeit wusste, und zwar mit einem Wissen, das nicht nur aus einer professoralen Betätigung, sondern aus eigenem Erleiden und Erleben stammte, und dass er andererseits doch das Glück eines Menschen ausstrahlte, der mit seinem Glauben immer wieder nach Hause kommt.

Und weil das Osterfest auf der einen Seite den strahlenden Christus in die Mitte unseres Lebens setzt und ein Osterfest 1985 ihn doch in eine Situation hineinverkündet, in der das Glaubenkönnen schwieriger geworden ist, darum will mir Karl Rahner nicht aus dem Sinn. Sein Name steht für mich wie ein Symbol für Dunkel und Licht, quälende Frage und bergendes Glück des Glaubens an Christus in unserer Zeit.

Der Glaube war immer Versuchungen ausgesetzt. Vielleicht ist es gut, wenn wir uns an einige der heutigen erinnern. In irgendeiner Form erlebt sie fast jeder. Da gibt es zweifellos die Versuchung der Resignation. Wir wandern ja durch eine undurchschaubar kompliziert gewordene Welt. Rund um uns türmen sich ständig wachsende Schutthalden des Wissens, die schon längst in keinem menschlichen Gehirn mehr Platz haben, und in denen schon jeder Mittelschüler verzweifelt herumzustochern beginnt. Die Dinge und Probleme sind ja kaum mehr zu überblicken. Dabei werden wir in Bild, Text und Ton von einem Dauerregen überschüttet. Wir wandern durch eine Welt, die uns mit Signalen, Reklamen und äußeren Reizen von früh bis spät anschreit und uns mit ihrem Getue kaum zu uns selbst kommen lässt. Es kommt begreiflicherweise das Gefühl der Überforderung hoch, auch ein Gefühl der Überforderung in den Fragen letzter Lebensorientierung. Und so kann die Position des Agnostikers zur echten Versuchung werden, der es also aufgibt, hinter die Dinge blicken zu wollen. Aber damit wird doch der Mensch – um das Bild eines französischen Naturwissenschaftlers zu gebrauchen - zur Ameise, die am Rande eines Universums krabbelt, das auf keine einzige Frage dieser Ameise eine Antwort gibt. Und es bäumt sich etwas in uns gegen diese Sicht des Daseins auf. Wir sind nämlich auf Sinn programmiert, nicht auf Unsinn. Wir suchen erhellende Schau, nicht verdüsterndes Chaos. Und darum wird es immer wieder den Aufbruch zum Glauben hin geben. Der dunkle Winkel der Resignation garantiert kein menschliches Wohnen.

Eine andere Versuchung für das Sehen in unserer Zeit ist der Kopfsprung in die religiöse Phantastik. Dazu verlocken heute abseits der markierten und manchmal als langweilig empfundenen Wege des Geistes viele dunkle Teiche, angefangen von der wirren Leere mancher Sekten über sensationelle Privatoffenbarungen bis hin zum abergläubischen Brimborium eines Hexen-Club-2 im Fernsehen, bei dem man nicht recht wusste, wo die Komödie aufhört, und die Tragödie anfängt. Diese merkwürdigen Kontrastprogramme zu einem überorganisierten und verkopften Zeitalter haben beträchtliche Resonanz. (Vielleicht sind sie auch manchmal eine Mahnung an die Kirche, dass das Gefühl bei ihr etwas zu kurz gekommen ist.) Aber trotzdem muss man sagen, dass alle diese Erscheinungen ein bedauerliches Gemeinsames verbindet: Sie schicken den Hausverstand auf Urlaub. Und wenn auch echter Glaube schlussendlich immer wieder vor dem unfassbaren Geheimnis steht und zutiefst eine Sache des wagenden Herzens und nicht der Rechenschieber ist, so hat doch die Kirche zu Recht von Anfang an dem Kopfsprung in die Irrationalität nie das Wort geredet. Sie hat sich immer um Rechtfertigung, Begründung und Zusammenschau bemüht, d.h. sie hat Theologie getrieben. Es gibt im Umkreis des Glaubens eine ganze Menge überlegbarer Dinge und Fragen, die kritisches Denken nicht zu scheuen brauchen. Darum ist der Kopfsprung in den dunklen Teich der religiösen Phantastik keine Lösung.

Nach Resignation und Phantastik bedroht die Echtheit unseres Glaubens manchmal auch ein Verhalten, das Albert Görres die Privatisierung des Glaubens genannt hat. Vielleicht darf man diese dem Zeitgefühl sehr entsprechende Mentalität mit einem Vergleich aus dem Alltagsleben verdeutlichen: Man bewegt sich in der Welt der religiösen und ethischen Werte wie ein verwöhnter Kunde im Einkaufszentrum. Man schiebt seinen Drahtwagen durch die Regale und holt sich von den Borden, was einem passt: Eine Flasche Seelentrost, aromatisch und angenehm zu nehmen wie alter Klosterlikör, und vom kirchlichen Angebot auch ganz gern eine Bonbonniere mit ein paar schönen Zeremonien für freudige und traurige Anlässe. Von den Glaubenswahrheiten nimmt man das, was einem unmittelbar plausibel vorkommt und ansprechend verpackt ist. Auch bei den Geboten Gottes und den Forderungen Christi selektiert man sorgfältig und bleibt bei gängiger und kostengünstiger Ware. An peinlicheren Forderungen, die nicht in Mode sind, schiebt man geflissentlich vorbei. Und wenn man mit der Stellage des Christentums nicht ganz zufrieden ist, fährt man hinüber in die exotische Abteilung und schnappt sich eine Büchse Guruweisheit oder eine Probepackung irgendeiner ausgefalleneren fernöstlichen Meditationsform, die ungeahnte Bewusstseinserweiterungen verspricht, sozusagen für „solche, die das Besondere lieben..“ Man verstehe mich recht, es wird immer so sein, dass der Glaubende von dieser und jener Wahrheit besonders angetan ist, und es ist selbstverständlich so, dass ich auch als Christ manchmal vom Reichtum anderer etwas lernen kann, aber bei der hier angedeuteten Privatisierung des Glaubens stellt man sich doch einen recht individuellen Warenkorb zusammen, der den augenblicklichen Bedürfnissen entspricht, und eh man sich’s versieht, wir man bei dieser Methode vom ernsten Sucher zum lustbetonten Konsumenten, der eigentlich nicht um die Wahrheit, sondern nur um sich selbst kreist.

Ostern, das den strahlenden Christus in die Mitte des Daseins stellt, möchte uns von allen Irr- und Seitenpfaden des religiösen Sehnens zurück in die Mitte holen. Es ist ein Fest, das sozusagen den Glauben auf das letzte Wesentliche, das kein Es, sondern ein Du ist, zentriert. Vor uns tritt der allumfassende Christus hin, der in seinen Abschiedsreden so eindringlich gesagt hat: „Ihr glaubt an Gott, glaubt auch an mich!“

Und diese letzte Einfachheit ist es, die mich um Ostern an Karl Rahner erinnert. Das war ja bei ihm so beeindruckend, dass er geistig aus einer so komplizierten, problemüberfrachteten Welt voller Fragen und Auseinandersetzungen kam und doch zu dieser letzten persönlichen Schlichtheit des Glaubens fand. Ihm war zu tiefst bewusst, dass heute viele Menschen auf dem Wege sind, manche näher, manche weitab. Aber er war auch zutiefst davon überzeugt: So vielfältig sich heute die Seitenarme des religiösen Tastens und Suchens verzweigen und verwirren mögen, es gibt doch eine geheimnisvolle Strömung in ihnen, die zum ewigen Meere drängt, eine Strömung, die wir Gnade nennen, und die von jenem Ursprung ausgeht, der gleichzeitig das Ziel aller Dinge ist. Ich schreibe diese Zeilen zufällig in der Stille einer Kirche, in die ich mich geflüchtet habe, und auf deren Tabernakel auf dunklem Emaille die goldenen Buchstaben A und O leuchten, die Zeichen Anfang und Ende. Ob und wann dieser Christus, der Anfang und Ende ist, in unserem Herzen aufleuchtet, das liegt neben unserem guten Willen in der Macht dessen, der die Herzen bewegt. Ich wüsste keinen besseren Osterwunsch für alle Leser, als dieses Angerührtsein des Herzens.

 

Bischof Reinhold Stecher in der Tiroler Tageszeitung, Ostern 1985.

 

Die Originaldatei zum Downloaden

powered by webEdition CMS