Bischof Stecher Gedächtnisverein

Das große Osterkonzert

1984

In den Ostertagen sollte das Herz auf Horchstation gehen. Es liegt ein Lied in der Luft, eine Symphonie, gespielt von vielen Instrumenten, voll von Gegensätzen und Spannungen in den Weisen des Vortrags, mit Disharmonien, die doch hin zur versöhnenden Auflösung drängen. Vor ein paar Tagen hat sogar die Landschaft in diesem Konzert der hell-dunklen Töne mitgesummt. Auch wenn ich einen Osterspaziergang nicht mit dem Auge und der Sprachkunst eines Johann Wolfgang Goethe wiedergeben kann – es schien mir doch wie ein Präludium zu dieser so facettenreichen österlichen Musik, wenn droben um die Berge die grauen Schneewolken wehten und drunten im Tal die Spiele der Sonne von einem Dorf zum anderen wechselten…

 

Zwischen Klagelied und Alleluja

In dieser Symphonie haben die hässlich knarrenden Karfreitagsratschen ihren Part und die Glocken der Osternacht, die ergreifenden Klagelieder des Jeremia und das Alleluja von Handel, die verlöschenden Lichter der Trauermette und die züngelnden Flammen des Osterfeuers. Auch die Schriftlesungen dieser Tage bringen beides: die Intrigen und Netze der Macht und des Bösen und das heitere Licht des Morgens im Garten, in dem Maria Magdalena den Auferstandenen trifft.

 

Die Melodie der Barmherzigkeit

Aber wenn ich angedeutet habe, dass das Herz auf Horchstation gehen sollte, dann meine ich eigentlich damit, dass man versuchen sollte, die Dominante dieses österlichen Konzertes herauszuhören, die verbindende Melodie, die immer wiederkommt, jenes Motiv, das den lehrenden, den agierenden, den verratenen, den angeklagten, gefolterten und sterbenden Christus genauso bewegt, wie den, der souverän durch die Türe und Riegel der Ängste schreitet oder im Morgennebel am Seeufer auf seine Jünger wartet, um sie zum Mahl zu laden. Es gibt diese Kennmelodie, dieses musikalische Markenzeichen des Welterlösers. Es ist die Weise von der Barmherzigkeit.

 

Das ewige Gleichnis vom Samariter

Dieses Motiv klang auf, als der Herr das Gleichnis vom barmherzigen Samaritan erzählte, das damals in den Ohren seines Volkes genauso provokativ klang, wie wenn man heute in Kroatien vom barmherzigen Tschetnik oder in Kurdistan vom barmherzigen Iraker reden würde. Der Grundton von der Barmherzigkeit bestimmt auch das schönste Gleichnis des Neuen Testaments, das vom verlorenen Sohn, das die Geschichte der Menschheit und des Menschen umfasst, die meine und die deine. Die Melodie der Barmherzigkeit begleitet den guten Hirten, der durch Steppe und Distel- und Dorngestrüpp sucht. Auch als Christus am Brunnen von Sichem mit der Samariterin redet, klingt dieses Motiv auf, und trotz seiner verhaltenen Zartheit durchbricht es alle Tabus und Vorurteile, die die Gesellschaft seines Volkes gegenüber der Frau im allgemeinen, einer samaritanischen Frau im besonderen, und einer Frau mit Vergangenheit im speziellen hatte.

 

Tafelmusik beim Mahl des Pharisäers

Die Barmherzigkeit spielt auch die Tafelmusik bei jenem Gastmahl des Pharisäers (das dieser mehr als Arbeitsessen für Verdächtigung und Fangfragen organisiert hatte). Beim Auftritt der Sünderin ging dann das Getuschel reihum: „Wenn dieser ein Prophet wäre, müsste er doch wissen, was das für eine ist…“ Er wusste es, aber er hat keinen Augenblick daran gedacht, seine Melodie zu wechseln. Selbst in jener perfiden Szene, in der Judas den Herrn mit einem Bruderkuss begrüßt – und die wahrhaftig nach dem Hieb auf die Pauke schreit – ist das Piano der Barmherzigkeit noch hörbar: „Freund, wozu bist du gekommen?“

 

Die Kennmelodie des Verzeihens

Nicht einmal durch das brutale Schlagzeug der Hämmer, die die Nägel eintreiben, lässt sich die Melodie des Verzeihens verdrängen: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun…“ Und als die Schatten des Todes über Golgotha hereinbrechen, kommt die Kennmelodie der Barmherzigkeit noch einmal, sozusagen im Ritardando-Smorzando des Sterbenden: „Heute noch wirst du bei mir im Paradies sein!“ Der Ostermorgen verändert alles, aber nicht diese Melodie. Sie schwingt durch den Garten, in dem der Herr Maria von Magdala anruft, die auch zu den Belasteten zählte.

 

Der erste Solopart für eine Frau

An sich hätte das Protokoll der Gesellschaft von damals die Begegnung mit zwei Männern verlangt, die allein als Zeugen offiziell fungieren konnten. Aber Christus wählt für den ersten Solopart seiner Ostermusik eine Frau. Auch am Abend des Ostersonntags ist das erste Wort aus dem Mund des Auferstandenen kein Siegesgesang, sondern wiederum die Weise der Barmherzigkeit: „Wem ihr die Sünden nachlässt, denen sind sie nachgelassen…“

Ich spüre schon den Vorwurf, dass ich zu denen gehöre, die das Christentum in eine Serie von Streicheleinheiten und sanfter Seelenmassage auflösen. Aber die milden Töne der Güte sind keine Bagatellisierung des Bösen.

 

Hart ist der Herr mit den Harten

Christus kennt auch weniger zarte Worte. Aber wenn man das ganze Evangelium liest, bis zu den fernen Posaunenstößen des Weltgerichts, dann muss man zugeben: Die wuchtigen Paukenschläge und das drohende Crescendo der Fanfaren gelten im musikalischen Konzept Jesu Unbarmherzigen. Hart ist der Herr mit den Harten.

So etwa, wenn Er mit denen abrechnet, die da andere in überheblicher Selbstgerechtigkeit als „öffentliche Sünder“ abtun, ohne auch nur einen Augenblick verstehend in eine schwierige menschliche Situation hinein zu fragen. Er tritt gegen die auf, die die Menschen sortieren und wegwerfen, wie man eben den Müll sortiert und wegwirft: den Glasbruch der Gescheiterten, den Biomüll der Verwahrlosten und das Altpapier derer, die man als moralisch wertlos einstuft, wie die Zeitungen der vergangenen Woche, die niemand mehr anschaut.

 

Vom Peitschenhieb zum Pianissimo

Einmal fährt das Wort Christi: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!“ wie ein Peitschenhieb in die hinein, die da hämisch-hochfahrend um die Ehebrecherin herumstehen. Und es schafft betretene Stille und Raum für das zarte Pianissimo der Barmherzigkeit, das dann später folgt: „Hat keiner dich verurteilt? Dann will ich auch nicht verurteilen. Geh hin und sündige nicht mehr!“

Das Leitmotiv des Osterkonzertes darf nicht verlorengehen. Aus zwei Gründen sehe ich eine Gefahr, dass die so tröstliche Kennmelodie des Welterlösers überhört werden könnte. Einmal deshalb, weil im großen Orchester der Kirche, die doch die Symphonie des Herrn durch die Epochen und Kulturen weiterspielen sollte, immer wieder einmal falsche Töne auftreten, die das Wesen des Ganzen gefährden.

 

Keine Philharmonie der Vollkommenheit

Ich weiß natürlich, dass wir in der Kirche keine Philharmonie der Vollkommenheit sein können, dass wir uns hie und da in Tasten und Saiten vergreifen und dass wir manchmal auch Schwierigkeiten mit dem Lesen der Partitur haben. Das alles ist menschlich. Aber wenn man anfängt, im Namen „moralischer Integrität“ nur mehr die Register der Härte, der Ausgrenzung, der menschenverachtenden Rede und der ständigen Anklage zu ziehen, dann steht die Weise Christi auf dem Spiel, und jeder verantwortungsbewusste Dirigent müsste abklopfen, wenn solche Töne laut werden.

 

Große Symphonie in B-Moll

Der Herr hat nun einmal seine große Symphonie in B-Moll komponiert, will sagen in „Barmherzigkeit“, und nicht in G-Dur, in „Gericht“. Denn er hat selbst gesagt: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, die Welt zu richten, sondern zu retten.“ Und zum zweiten wäre es doch schade, wenn dieses wunderbare Grundmotiv des Auferstandenen in unserem üblichen Häschen-Hühnchen-Eierfarben-Marzipan-Modenschau-Reiselust-Osterpotpourrie einfach unterginge…

 

Bischof Reinhold Stecher in der Tiroler Tageszeitung, Ostern 1984

 

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