Bischof Stecher Gedächtnisverein

Fastenhirtenbrief "Für eine Kirche der Mitte"

Feber 1997

Vor ein paar Tagen bin ich lange Zeit in unserem Dom von Innsbruck gesessen und habe mir gedacht: Wenn hinsichtlich unserer Kirche alles so gut gelänge wie die Renovierung dieses Doms, könnte ich beruhigt sein. Und da dieser erneuerte Dom vielen Menschen Freude gemacht hat und ich annehmen muss, dass dieser Fastenhirtenbrief mein letzter sein wird, möchte ich mit dem Blick auf dieses wunderbare Bauwerk noch einmal unsere Kirche in Erinnerung rufen - die Kirche, die voller Spannungen und Aufbrüche ist, die Kirche, der so mancher entfremdet ist, und die trotz aller Mängel in sich das faszinierendste und strahlendste Geheimnis birgt: den fortlebenden Christus.

 

Der Raum des Doms, der in den Deckengemälden von Vater, Sohn und Geist seine Krönung findet, wird von mächtigen Pfeilerpaaren aus Marmor getragen. Das erinnert mich daran, dass auch die lebendige Kirche von Pfeilerpaaren getragen wird, die sozusagen nur gemeinsam die Spannung aushalten und eine solide Statik garantieren. Das erste Pfeilerpaar heißt Tradition und Erneuerung. Schon Jesus hat auf diese beiden Elemente hingewiesen, wenn er sagt, dass ein Lehrer im Himmelreich „einem Hausvater gleicht, der Altes und Neues aus seinem Schatze hervorholt“ (Mt 13,52). Mit dem Pfeiler der Tradition steht die unvergängliche Botschaft des Heils, die nunmehr vom zweiten ins dritte Jahrtausend getragen werden soll: die befreiende Botschaft, dass Jesus Christus, der Sohn Gottes, unser Bruder und Freund geworden ist. In diesem marmornen Pfeiler der Kirche ist das verankert, was wir im Glaubensbekenntnis und im Vaterunser ansprechen, was für den Kirchenvater des 5. Jahrhunderts ebenso gilt wie für den Mystiker des 12., für den frommen Beter der Barockzeit ganz gleich wie für das II. Vaticanum. Diesen Pfeiler schützt das Walten des Geistes. Keine Bombe des Irrtums wird ihn zerstören. Auch der Treffer im zweiten Weltkrieg hat den Pfeiler, an dem die Kanzel hängt, nicht vernichten können ... Aber an diesem Pfeiler der Tradition sind auch Schnörkel und Zierate aus Stuck - und die gehören nicht einfach zum Marmor der ewigen Wahrheit. Es gibt auch Traditionen, die schön sein können, aber eben menschlichen Ursprungs und nicht wesentlich sind. Der Gips trägt keine Gewölbe und Dächer. Man muss immer zwischen Marmor und Gips unterscheiden. Wer das nicht tut, läuft Gefahr, ein Traditionalist zu werden.

 

Es ist nämlich auch noch der andere Pfeiler da, der die Spannung aushalten muss und dafür sorgt, dass die Kirche nicht erstarrt, sondern lebendig bleibt: die Erneuerung. Die Kirche hat sie immer gebraucht und sie braucht sie auch heute. Das reicht von der Einsicht eigener Fehler und der Korrektur überholter Ordnungen, die weder der Zeit noch der Pastoral entsprechen, bis zu Änderungen in der liturgischen Sprache, weil die Kirche in diesem Jahrhundert von der abendländischen zu einer Weltkirche wurde. Das Konzil hat den Pfeiler der Erneuerung wieder auf Glanz gebracht - und nun müssten wir ringen um den Ausgleich von Alt und Neu, von Treue und Mut. Man kann dieses Pfeilerpaar nicht auseinanderdividieren. Sie tragen beide den Bau. Das zweite Pfeilerpaar, ohne das die Kirche nicht denkbar ist, heißt Amt und Charisma.

Da ist auf der einen Seite·das Gefüge von Vollmacht und Verantwortung, von Hirtensorge und Wachsamkeit, das Christus mit den Zwölfen und dem Petrus an der Spitze wollte. Es gibt viele, die damit Schwierigkeiten haben, vielleicht oft deshalb, weil das Amt in der Kirchengeschichte streckenweise die Züge und Aktionsweisen von weltlichen Herrschaftsformen übernommen hat - wovor Jesus ausdrücklich gewarnt hat. Die Fischer vom See Genesareth hätten verwundert dreingeschaut, wenn man sie als „Hierarchen“ bezeichnet hätte ... Aber wiederum muss man wie bei der Betrachtung des Pfeilers „Tradition“ sagen: Nicht jeder barocke Stukkaturschnörkel gehört zum Wesen des Pfeilers. Und so gehören manche zeitgebundenen Erscheinungen auch nicht zum Wesen des Hirten- und Lehramtes. So mancher wird wünschen, dass der Umgang mit Autorität in der Kirche etwas mehr dem Geist der Schrift und modernen Auffassungen von Führung und Mitarbeit entsprechen sollte. Es steht außer Zweifel, dass auch dieser Pfeiler in der Kirche wie alles andere immer wieder renovierungsbedürftig ist. Aber weil er Schönheitsfehler hat, wird er nicht überflüssig. Wer den Innenraum des Doms von Innsbruck betrachtet, wird feststellen, dass aller ursprüngliche Glanz eines barocken Bauwerks voll zur Entfaltung gekommen ist. Was neu gemacht werden musste, wie die Sedilien im Altarraum mit dem Bischofssitz, ist in bewusster Einfachheit und Zurückhaltung gestaltet. Das soll ein Zeichen dafür sein, dass nach dem Willen des Herrn Autorität in der Kirche nicht in Selbstdarstellung schwelgen, sondern nur im Dienst am Heil aufgehen sollte.

 

Neben dem stabilisierenden Amt braucht die Kirche aber auch den Pfeiler des Charismas. Mit diesem Wort sind die vielfältigen Gaben des Geistes gemeint. Die Kirche braucht geistliche Bewegungen, Initiativen, Aufbrüche, neue Akzente. Sie braucht Exerzitien im Alltag und pfarrliches Leben, Aktionen für die Armen und meditative Formen, neue theologische Akzente und Berufungen aller Art, sie braucht Brücken zur Welt und zur Ökumene. Das alles schafft niemals das Amt. Dieses hat wohl die Aufgabe, da und dort zu fördern und zu unterscheiden, zu prüfen und zu warnen, weil in einer Epoche des Sektierertums und der Verwirrungen das nun einmal auch nötig ist. Aber der Pfeiler der Charismen ist der blühende Baum des Geistes. Beide Pfeiler gehören zu einer glaubensfesten und lebendigen Kirche - das Amt und das Charisma.

 

Noch an ein drittes Pfeilerpaar möchte ich erinnern: Weltverantwortung und Jenseitshoffnung. Das Christentum ist keine weltferne Religion, die sich von den irdischen Wirklichkeiten verabschiedet, weil sie vergänglich sind. Wir müssen immer wieder ernst machen mit Verantwortung für Schöpfung und Umwelt, soziale Gerechtigkeit, Frieden und den Beitrag zu einer menschlichen Gesellschaft. So wie die Dinge heute laufen - und alle Statistiken bestätigen dies -, driften auch in Österreich wie weltweit Arm und Reich auseinander. Man hätte genug Modelle in Geschichte und Gegenwart dafür, wohin das führen muss. Ich glaube, dass die Kirche, die schließlich Jahrtausende überspannt und sich zutiefst der Menschenwürde verpflichtet fühlen muss, die Aufgabe hat, die Stimme für die Benachteiligten zu erheben und alles zu tun, dass zwar die Wirtschaft blüht, aber dass die Früchte nicht nur auf eine Seite des Zauns fallen - in die Rabatten der Spekulanten und die Blumenbeete der großen Gewinne. Diese Diesseitsverantwortung ist nicht einfach, weil es im Detail sehr viel Fachkenntnis und Urteilsfähigkeit braucht, um zu gerechten Lösungen zu kommen. Und es wird immer dann auch dazu das große Feld karitativer Tätigkeiten brauchen: denn „Arme habt ihr immer bei euch“ sagt die Schrift und unsere Erfahrung. Trotz dieses Pfeilers der Weltverantwortung kann die Kirche sich nicht im Engagement für eine bessere Welt erschöpfen. Sie muss auch die Dimension in die Ewigkeit wahren. Und ich weise am Schluss auf diesen Pfeiler hin, weil er heute in unserer Weltverliebtheit oft vergessen wird. Die Symphonie des Christentums hat auch ein Finale. Wer würde Beethovens Neunte Symphonie aufführen und den Schluss mit der Ode an die Freude auslassen? Unser ganzes Werken und Wirken in dieser Welt muss für uns Christen getragen sein von der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die uns verheißen ist. Sie muss durch unsere Liturgie und unsere Gesänge brausen, durch das flutende Licht in unseren Kirchen und unsere Gedanken auf dem Friedhof, unser Bild vom Menschen, für den eben der Tod kein Ende ist, und unsere Motivation im Leid und im Scheitern. Der Pfeiler der Jenseitshoffnung erinnert an das Finale, das alle Dissonanzen versöhnt. ·

Die Kirche der Pfeilerpaare ist die Kirche der Mitte. Ich kann nur den Herrn bitten, dass er in den Stürmen der Zeit diesen Bau bewahrt: Tradition und Erneuerung, Amt und Charisma, Weltverantwortung und Jenseitshoffnung.

 

Dr. Reinhold Stecher

Bischof von Innsbruck

1. Fastensonntag, 16. Feber 1997

 

Die Originaldatei zum Downloaden

powered by webEdition CMS