Liebe Schwestern und Brüder,
In unserer Zeit gibt es viele Jubiläen. Alle Augenblicke ergibt sich ein Anlass zum Feiern, weil etwas 50, 100 oder 1000 Jahre alt geworden ist. Aber ich habe noch nie ein Jubiläum zum Anlass für einen Hirtenbrief genommen. Diesmal ist es anders. Vor 200 Jahren haben die Tiroler Landstände das Gelöbnis abgelegt, das Herz-Jesu-Fest Jahr für Jahr feierlich zu begehen. Das Geheimnis geht alle an: die an Christus glauben oder die dabei sind, sich diesem Glauben zu entfremden, oder die auf der Suche sind. Um es gleich zu sagen: Ich bete zu Gott, dass dieses Jahr ein Jahr der Vertiefung werde. Es geht nicht um ein wenig Patriotismus mit religiöser Verzierung, um eine nostalgische Mischung von Weihrauch und Pulverdampf. Es geht um viel mehr. Vor kurzer Zeit habe ich gehört, dass man mit Frühgeburten, die noch im Brutkasten liegen müssen, eine interessante Erfahrung gemacht hat: man hat den Herzschlag der Mutter in den Brutkasten übertragen. Und es hat sich gezeigt, dass sich dieser Ton des pochenden Mutterherzens für die Entwicklung des Kindes ganz positiv ausgewirkt hat. Bei uns sollte, liebe Schwestern und Brüder, etwas ganz ähnliches geschehen. Wir sollten den Herzschlag des liebenden Erlösers hören, von dem wir ja auch oft getrennt sind - als oberflächliche und sündige Menschen, die nicht zur Reife des Glaubens gekommen sind. Im Herzen Jesu hören wir das innerste Organ des göttlichen Sinnens und Trachtens, vernehmen wir den Pulsschlag des Kreislaufs der Gnade, den eigentlichen Motor des Universums. Wie ein großer Sender jagt er die Botschaft zu jedem Menschen und in das All: „Gott will, dass alle Menschen gerettet werden…“ Und diese Botschaft ist für den Glaubenden ein Halt, für den zweifelnden eine leise Werbung und für den Suchenden ein Peilsender, der die Richtung weist.
1. Darum ist der erste Appell im Programm dieses Jubiläumsjahres das Lauschen auf die Botschaft. Wo kann man diese heiligen Herztöne hören? Wir müssen hineinhorchen in das Wort Gottes, in das Evangelium. Wir müssen neu die Ohren schärfen für die wunderbaren Gleichnisse vom Guten Hirten, vom Schatz im Acker, vom Hochzeitsmahl und vom Verlorenen Sohn. Wir müssen aus der Bergpredigt und dem Seesturm das Aufrüttelnde und das Tröstende heraushören. Und im Geschehen von Karfreitag und Ostersonntag müssen wir neu begreifen, dass hier vom verwundeten und strahlenden Herzen des Gottessohnes die Rede ist. Wir möchten darum in der Diözese für dieses Jahr besondere Horchstationen einrichten, die ihre Antennen zu diesem Pulsschlag der Liebe hin ausrichten. Das ist der Sinn der Aktion „Exerzitien im Alltag“, bei der erfreulicherweise schon Dutzende von Pfarreien mittun. Eine andere Initiative sollte das innere Ohr für Berufungen im geistlichen und pastoralen Sinn schulen. Ich glaube, dass auch hier die Stimme des Herrn oft überhört wird.
2. Der Herzschlag Jesu sollte aber den Puls unseres Inneren verändern. Beim Propheten Ezechiel steht das Wort: „Ich lege ein neues Herz in euch. Ich nehme das Herz aus Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch ...“ Mit anderen Worten: im Sinne des Herzens Jesu sollten wir herzlichere Menschen werden. Das ist doch hochaktuell. Die technische Explosion im Bereich der menschlichen Kommunikation bringt trotz unzähliger Vorteile an sich keineswegs mehr Wärme in die menschlichen Beziehungen. Fax, Internet und Handy schaffen aus sich noch keine Atmosphäre der Mitmenschlichkeit. In Welt, Gesellschaft, Land, Familie und Kirche braucht es mehr Herz. Das fängt beim Straßenverkehr an, wo so oft der uralte Jagdinstinkt und die Rücksichtslosigkeit dominieren, betrifft Betriebs- und Konferenzzimmerklima, äußert sich in der Atmosphäre eines Seniorenheimes und im Ton des familiären Umgangs bis zum Miteinander im Pfarrgemeinderat. Herz ist gefragt. Und etwas mehr Herzlichkeit ist die schönste Herz-Jesu-Verehrung.
3. Es ist gar nicht so leicht, das Geheimnis des Herzens Jesu in die Bildsprache der Kunst zu übersetzen. Ich bin dankbar, dass dies auch Künstler unserer Zeit versuchen. Aber immer wieder - seit dem brennenden Dornbusch vor Moses und der leuchtenden Wolkensäule, die dem wandernden Gottesvolk in der Nacht vorausgeht, spielt das Bild der Flamme in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle. Und ich meine damit nicht nur die Funken, die von den Herz-Jesu-Berg-Feuern in den Nachthimmel stieben. Die Funken, die das Herz Jesu heute sprühen lassen soll, sind die Funken des Engagements für den Menschen. Das kann die Intensivierung des Krankenbesuchs, die Einrichtung von Kurzzeitpflegestätten, die Sorge um die Sterbenden, die sinnvolle Integration von Behinderten, die verantwortungsbewusste Eheberatung, die Tätigkeit der Vinzenzgemeinschaften, der Einsatz für eine Jungschargruppe oder die weltumspannende Hilfsbereitschaft sein. Die Funken aus der Glut des göttlichen Herzens müssen in die Nacht der Gesellschaft fliegen. Und dieser Funkenflug der Liebe soll neue Feuerherde entzünden.
Das Jubiläumsjahr muss mehr sein als eine Erinnerung an Gottvertrauen und Freiheitskampf vor 200 Jahren. Damals kam das Herz Jesu aus der tiefen Frömmigkeit, aus den Herzen auf die Prozessions- und Schützenfahnen, auf die Hauswände und in die Herrgottswinkel. Heute muss es von dort wieder hineinkommen in die Herzen, in die Überzeugungen und in die Gesinnungen. Wenn wir wieder lernen, auf seinen Pulsschlag zu hören, eine Herzlichkeit zu entwickeln und die Funken der Liebe sprühen zu lassen, wird diese wunderbare Volksfrömmigkeit in unserer Zeit eine Wiederbelebung erfahren, die zur Mitte des Christseins führt.
Dr. Reinhold Stecher
Bischof von Innsbruck
1. Fastensonntag, 25. Feber 1996
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