Bischof Stecher Gedächtnisverein

Hirtenbrief zur Adventopfersammlung "Bruder in Not"

15. November 1995

Liebe Schwestern und Brüder! 

Da eine gute Sache nie ganz von selber läuft, braucht „Bruder in Not“ alljährlich zur Adventszeit einen Weckruf. Diesmal ist's kein geschickter Reklame-Slogan, kein Glockenklang, ja nicht einmal ein das Herz berührendes Bibelwort. 1995 sind es ein paar Schüsse, die am fernen Xingu einen Vorarlberger Ordensbruder getroffen und einem Tiroler Missionspriester gegolten hatten. Bruder Mattle von den Missionären vom Kostbaren Blut hat dem Namen seines Ordens die höchste Ehre erwiesen, und am eigentlichen Ziel des Anschlages, Generalvikar P. Fritz Tschol aus St. Anton am Arlberg, ist der Tod knapp vorbeigegangen. Und diese Männer stehen zusammen mit ihrem Bischof Kräutler im riesigen Gebiet dieses Seitenflusses des Amazonas für die Brüder und Schwestern in Not In den tropischen Wäldern und armseligen Dörfern und Lagern der Indios gibt die rücksichtlose Ausbeutung durch einen Kapitalismus, in dem kein Platz für ethische und menschliche Werte ist, eine traurige Sondervorstellung. Den paar tausend Indios wird der letzte Lebensraum genommen, der Staat schaut zu und die Missionäre, die Verteidiger der Ärmsten, kommen ins Visier der Killer. Aber wie heißt es im Buch der Sprüche? „Beraube den Schwachen nicht - denn er ist ja so schwach, zertritt den Armen nicht am Tor. Denn der Herr führt den Rechtsstreit für sie!“ Den Weckruf der Schüsse am Xingu sollten wir hören. „Bruder in Not“ ist nämlich die Antwort auf dieses Schützenfest kapitalistischer Unmenschlichkeit, jene Antwort, wie der Herr sie will.

 

Ein Projekt der diesjährigen Palette von „Bruder in Not“ dient nämlich gerade der Erhaltung der indianischen Identität, Kultur und Sprache. Und damit schließt „Bruder in Not“ des Jahres 1995 nahtlos an die edelsten Freunde der Indios in der·Kirchengeschichte Südamerikas an, von Bischof Las Casas über den Südtiroler P. Kino SJ, den lndianerapostel in Texas, den berühmten Tiroler Jesuiten P. Sepp von Seppenburg in Paraguay, die Tiroler Kapuziner in Chile und die Tiroler Franziskaner in Bolivien.

 

Ein anderes Projekt betrifft bürgerkriegsbetroffene Kinder in jenem südamerikanischen Land, das den schönen Namen „San Salvador“ d. h. „Heiliger Erlöser“ führt, und dessen arme Einwohner so wenig Erlösendes in den langen Jahren des Terrors erfahren haben.

 

Und wieder ein anderes Projekt soll in Uganda eine Gesundheitsstation für Mütter und Frauen in einem Gebiet von 63.000 Menschen ins Leben rufen. Aber die Details dieser Strategien der Nächstenliebe kann jeder nachlesen.

 

Wenn ich auf die Summen schaue, die da erforderlich sind, dann bewegen sie sich von den Kosten eines Mittelklassewagens über den Preis für ein Brillantarmband, ein schweres Motorrad oder eine Dachrinnenreparatur am Dom bis zu einer Auslagenecke im Uhrengeschäft. Der Abfluss an Geld ins Ausland ist lächerlich und die Hilfe für Arme gewaltig.

 

Wer für „Bruder in Not“ spendet, hat nicht nur die ergreifendsten und verheißungsvollsten Worte Jesu auf seiner Seite, er beteiligt sich auch an einer der effizientesten Einrichtungen der Nächstenliebe in dieser Welt.

 

Mit einem großen Vergeltsgott im voraus und allen guten Segenswünschen für Advent und Weihnacht

 

Euer Reinhold Stecher

Bischof von Innsbruck

 

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