Bischof Stecher Gedächtnisverein

Fastenhirtenbrief "TREUE"

15. Feber 1995

Um es gleich vorwegzunehmen: Diesmal schreibe ich einen etwas unmodernen Fastenhirtenbrief. Mein Thema ist kein großer Anreiz für Zeitungsartikel, Interviews, Filmdrehbücher oder literarische Werke. Dazu ist es viel zu unauffällig und sensationsarm. Mein Thema ist die Treue. In einer Gesellschaft, die eigentlich ständig und in allen Bereichen den Operettentext trällert „Treusein - das liegt mir nicht", ist es gar nicht so leicht, überzeugend von Treue zu reden. Das ist mir durchaus bewusst. ·

 

Darum wenden wir unseren Blick zunächst einer Treue zu, die ungebrochen und unveränderlich über allen Moden und Meinungen steht - ich meine die Treue Gottes. „Deine Treue reicht, o Herr, so weit die Wolken ziehn ...“ - so lesen wir im Psalm. Und auf diese Treue muss ich zunächst einen Lobgesang anstimmen. Sie ist nämlich der eigentliche Garant für Stabilität in unserem so unbeständigen Leben. Was heißt das - „Gott ist treu"? Das heißt, dass sich seine Einstellung zu uns nie ändert. Seine Liebe brandet unaufhörlich und unverdrossen wie die Wogen des Ozeans an das Ufer der Menschheit, rollt unermüdlich an die Felsen des Unglaubens und der Gleichgültigkeit, sendet immer wieder die klaren Wellen der Barmherzigkeit an die verschmutzten Strände der Sünde, Stunde für Stunde, Tag und Nacht, Jahr für Jahr. Gott ist treu, das heißt, dass um jede und jeden von uns diese Zuneigung Gottes brandet und spielt. Sie lässt sich von keinem Leichtsinn auf unserer Seite enttäuschen, sie gibt nie auf. „Wenn wir untreu werden, so bleibt er doch treu", steht in der Schrift. „Seines Herzens Sinnen waltet von Geschlecht zu Geschlecht, ihre Seelen dem Tod zu entreißen und sie im Hunger zu nähren". Die Treue Gottes, mit der er sich um unser Heil sorgt, ist wie der Pulsschlag eines Herzens, das keine Rhythmusstörungen kennt.

 

Darum muss jede Rede über die Treue mit einem Lobgesang auf die Treue Gottes beginnen. Aber ein Loblied allein ist als Antwort zu wenig. Er erwartet von uns die redlichen Versuche, Treue zu üben. Und damit sind wir bei unserer, der menschlichen Treue. Sie ist immer eine Treue mit Schönheitsfehlern, aber sie ist doch etwas ganz Großes. Und in ihren höchsten Formen hat sie etwas mit der göttlichen Treue gemeinsam: Die wahrhaft große menschliche Liebe ist nicht auf Widerruf programmiert. Und weil diese Treue normalerweise nicht über Laufstege tänzelt, sondern Arbeitskittel und Alltagsgewand trägt, muss ich sie einmal aufs Podest stellen.

 

Und so möchte ich allen danken, die die Treue in der Ehe leben, im Bemühen um ein herzliches Miteinander, durch alle Stunden der Belastung, der Beziehungskrisen und Versuchungen hindurch, wie sie eben das Leben bringt. Gerade weil dieses lebendige Zusammenhalten keine Selbstverständlichkeit ist, muss ich dafür danken. Vielleicht darf ich diesen Dank auch im Namen derer aussprechen, die ihn nicht so leicht formulieren können: Es ist für Kinder ein großes Glück, Eltern zu erleben, die einander gern haben. Es gibt auch noch einen Grund, warum ich die Verneigung vor den treuen Ehepaaren an die Spitze stelle. Die vergangenen Monate waren innerkirchlich sehr von den Debatten um zerbrochene Ehen beherrscht, und ich weiß, dass diese Auseinandersetzungen im Geist der Liebe und des Verstehens geführt werden müssen - aber manchmal habe ich doch das Gefühl, dass der Blick auf die gelungene Liebe und Treue damit ungebührlich verstellt wird. Darum geht heute mein Vergeltsgott an die Vielen, die inmitten einer von Unverbindlichkeit und Desorientierung geprägten Welt das Zeugnis einer „Liebe ohne Widerruf" leben.

 

Und der zweite Dank gilt allen Männern und Frauen, die den Weg des evangelischen Rates der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen gewählt haben, und diesen Weg in unbeirrter Treue gehen und auf diese Weise versuchen, ihre Liebe zu Christus und den Menschen zu entfalten. Auch sie werden - wie die treuen Eheleute - vom Zeitgeist nicht unterstützt. Und doch ist ihr Einsatz ein zeitlos-gültiger Dienst an der Kirche - ganz unabhängig davon, wie die Fragen von Amt, Dienst und Weihe in der Kirche geordnet werden. Und so danke ich allen lieben ehrwürdigen Schwestern und allen Mitbrüdern im Priesterstand, seien es Welt- oder Ordenspriester, und allen Laienbrüdern in den Orden unseres Bistums. Und auch in diesem Falle bin ich es nicht allein, der „danke" sagt. Es gibt viele Menschen, die von dieser Seite eine Hilfe oder einen Segen zu spüren bekamen, sei es in der Seelsorge, im Krankendienst, in der Verkündigung oder in der Jugendarbeit, in den Stunden der Freude oder des Heimgangs aus dieser Welt,- und diese alle flüstern dieses „danke" jetzt mit.

 

Und schließlich muss ich mit einem Blick auf die ganze Diözese ein Vergeltsgott sagen für alle Treue im Glauben, in der Mitsorge um die Kirche und im Gut-sein. Ich danke allen, die ihre Religiosität nicht nur der Laune und der augenblicklichen Stimmung ausliefern. Und so danke ich für alle Treue im Rhythmus des Betens, im Besuch des Gottesdienstes, im Wahren des Sonntags oder in dem einen oder anderen guten, stillen Brauch, den man sich zugelegt hat, und der wie ein sich wiederholendes Bandornament das Leben begleitet. Ich weiß, dass ohne das verlässliche Mittun und Mittragen unzähliger treuer Menschen in Pfarrgemeinde und Organisationen, in hauptamtlichen und ehrenamtlichen Diensten die Kirche nicht leben kann. Und dasselbe gilt von vielen Spendern und Wohltätern, die uns gerade im Bistum Innsbruck noch nie im Stich gelassen haben, und die es letztlich allein ermöglichen, dass wir großräumige Hilfsbereitschaft in der Heimat und in der Welt leisten können.

 

Im Alten Testament steht einmal ein ungewohntes und wahrscheinlich unbekanntes Bild vom treuen Menschen: Er wird mit einem Zeltpflock verglichen. Jeder, der einmal im Sturm ein Zelt aufstellen musste (und ich musste es oft tun), weiß, wie wichtig der festverankerte Zeltpflock ist. Das Bild ist deshalb so schön, weil mit ihm sichtbar wird, dass nur mit treuen Menschen „Zeltbau" möglich ist, das heißt, dass nur sie Raum für Heimat und Geborgenheit vermitteln, sei es in Familie, Kirche, Erziehung oder Gesellschaft.

 

Ich habe eingangs gesagt, dass dies ein „unmoderner" Fastenhirtenbrief sei, weil eben die Treue kein „Reißer" im Bewusstsein der Gesellschaft ist. Das ändert aber nichts an ihrer Aktualität. Trotz aller Lockrufe von fragwürdiger Freiheit, Unverbindlichkeit und Selbstverwirklichung, was immer man darunter versteht, wird es so bleiben: gewisse kostbare Lebensfrüchte reifen nur im Garten der Treue. Und darum möchte ich auch junge Menschen ermutigen, Wege der Treue einzuschlagen. Die menschliche Treue erinnert an den verborgenen Stahl in Betonbrückenpfeilern. Er macht die gewaltigen Pfeiler stabil und elastisch zugleich, und so können sie den Strom des Lebens tragen. Eingesenkt sind sie aber in den Felsengrund der Treue Gottes, dessen Liebe keinen Widerruf kennt - bis ans Ende der Zeit!

 

Dr. Reinhold Stecher

Bischof von Innsbruck

1. Fastensonntag, 5. März 1995

 

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