Bischof Stecher Gedächtnisverein

Hirtenbrief zur Adventopfersammlung "Bruder in Not"

15. November 1994

Liebe Schwestern und Brüder!

Wie alle Jahre komme ich mit der Bitte für die Aktion „Bruder in Not“. Und manchmal scheint es gar nicht so leicht, den Appell anzubringen, dass wir in der Liebe nicht müde werden sollen. Es gibt nämlich Gründe fürs Müdewerden. Man könnte sich sagen: Da geben wir unser redlich verdientes Geld, damit wir helfen und heilen und Neuanfänge ermöglichen, und die verrückten Lumpen, die in manchen Ländern regieren und Völkerhass schüren oder ihre hemmungslosen Spekulationen auf den Rücken der Armen durchführen, vermehren das Elend und produzieren Not am laufenden Band! Ist das nicht frustrierend? Das ist es manchmal wirklich, und es könnte uns versuchen, die helfenden Hände in die Hosentaschen der Gleichgültigkeit zu stecken und zu sagen: Das hat doch alles keinen Sinn!

 

Aber vor dieser Versuchung steht die Liebe immer und ist sie immer gestanden. Das Böse in der Welt kann uns bedrücken, aber es darf uns nie lähmen. Dem betroffenen Menschen, der nun in Bedrängnis lebt, ist nicht damit geholfen, dass ich ihm wortreich und entrüstet erkläre, wer an seinem Elend schuld ist. Ich muss ihm einfach helfen. Und für den, der die Hilfe erfährt, wird die Welt ein wenig heller, manchmal viel heller. Daran müssen wir denken.

 

Aber muss man nicht müde werden, wenn man sieht, dass das, was wir tun, angesichts der Not in der Welt nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist? Natürlich können wir nicht flächendeckend helfen, weder in Bosnien, noch in Afrika, noch in Südamerika. Aber wir sollten unsere Hilfe auch nicht unterschätzen. Sie ist nicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, der verzischt. Sie hat viele bedrängte Situationen verbessert, und zwar mit anhaltender Wirkung. Und sie hat den Willen zur Selbsthilfe mobilisiert. Und außerdem ist die Hilfe der kirchlichen Organisationen in vieler Hinsicht modellhaft. Wir können nicht überall helfen, aber wir können an Hand von Modellen zeigen, wie man's macht. Denn unsere Organisationen sind im Laufe der Zeit ganz gute Profis geworden. Es gibt mehr als einen Ort, wo staatliche Stellen die Vorgangsweise der kirchlichen Hilfen studieren, anerkennen und nachahmen. Das mit dem „Tropfen auf dem heißen Stein“ ist also eine Untertreibung gegenüber der Wirksamkeit Eurer Spenden, und davor soll man sich auch hüten. So ineffizient sind wir gar nicht.

 

Und darum ist es nicht einfach ein „Tropfen auf dem heißen Stein“, wenn wir mit der diesjährigen Aktion das Gesundheitswesen in Tanzania unter den Nomadenvölkern beweglicher machen und den flugärztlichen Dienst subventionieren. Das ist Hoffnung für Tausende.

 

Und es ist kein „Tropfen auf dem heißen Stein“, wenn wir in Curitiba in Brasilien die landwirtschaftliche Ausbildung fördern. Das fasst das Hungerelend an der Wurzel, und zwar viel wirksamer, als wenn wir nur Getreidespenden schicken. ·

 

Und es ist kein „Tropfen auf dem heißen Stein“, wenn wir in den Gebieten des größten Aidselends in Afrika die dort noch intakten Familienstrukturen unterstützen, die sich immer schwerer tun, die vielen Aidswaisen zu versorgen. Wenn in einer Pfarre 1628 Aidswaisen sind, und manche Großeltern über 20 Kinder versorgen müssen, dann ist es eben kein Tropfen auf dem heißen Stein, wenn man hilft, dass die Felder weiter bebaut werden können.

 

Nein, „Bruder in Not“ ist kein Tropfen auf dem heißen Stein, sondern nach wie vor ein Regen, der zwar nicht überall fällt, aber doch an vielen Stellen der Erde das Grün der Hoffnung hervorbringt, und damit sichtbar und handgreiflich etwas von jenem Reich der Liebe zeigt, das Jesus Christus mit seiner Menschwerdung bringen will.  

 

Und so wünsche ich beiden - den Spendern und den unbekannten Empfängern in der weiten Welt - einen gnadenreichen Advent! ·

 

Euer Reinhold Stecher

Bischof von Innsbruck

Innsbruck, 27. 11. 1994

Advent1994

 

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