Bischof Stecher Gedächtnisverein

Fastenhirtenbrief "Das große JA"

15. Feber 1994

Liebe Schwestern und Brüder!

Dieser Fastenhirtenbrief soll unter dem Zeichen eines einzigen kleinen Wortes stehen, dem Wörtchen „Ja“. Wenn ich nämlich auf die Suche nach einem möglichst kurzen Ausdruck gehe, der das Wesen christlicher Grundhaltung wiedergeben soll, dann finde ich keinen besseren als eben dieses schlichte „Ja“.

 1.

Das ganze Universum, die Heilsgeschichte, die Heilige Schrift hallen wider vom großen „Ja“ Gottes. Es beginnt schon bei der Schöpfung, wo der Ewige zu allem, was wird, seinen bejahenden Gruß ausspricht: „Und Gott sah, dass es gut war ...“. Und dieses „Ja“ schwingt im Worte Jesu: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn dahingab ...“. Das „Ja“ Gottes weht noch durch die letzten Seufzer am Kreuz und es strahlt aus dem Friedensgruß des Auferstandenen. Dieses „Ja“ Gottes fordert das „Ja“ unseres Herzens heraus. Das Christentum ist eine „Ja“-Religion. Freilich ist dieses „Ja“ ein Trotzdem-Ja, zu dem man sich auf dem Hintergrund von Zweifel, Unsicherheiten, Traurigkeiten und Schuld durchringen muss. Und dieses „Ja“ schließt auch immer wieder ein „Nein“ ein, nämlich das zum Bösen. Aber ich glaube, dass man dieses „Nein“ sehr schwer sagen kann, wenn kein „Ja“ im Herzen schwingt. Wenn ein schwieriges „Nein“ gesagt werden muss, kann man es eigentlich nur jemandem zuliebe sagen. Das gilt schon für jedes Kind.

2.

Das tiefste „Ja“ muss das zu Gott hin sein. Psychologen unserer Zeit haben erkannt, dass der Mensch zum Gelingen des Lebens ein „Urvertrauen“ braucht. Die gute Mutter-Kind- und Vater-Kind-Beziehung kann dieses Urvertrauen aufbauen - und es bedeutet mehr als eine große Erbschaft. Im Glauben weitet sich dieses Urvertrauen aus, hin zum unfassbaren, unendlichen, unvorstellbaren und doch alles umgreifenden Gott, der, wie Großstadtuntersuchungen beweisen, auch für den modernen Menschen seine Faszination behält. Ich möchte allen für diese Wochen der Wanderung zum Osterfest hin wünschen, dass dieses Urvertrauen, diese „Ja“-Haltung zu Gott hin neu aufblüht. Wer sie im Herzen erfährt, weiß, was der Glaube wert ist.

 3.

Unsere gesellschaftliche Situation erfordert ein bewusstes „Ja“ des Mitgefühls und der Mitverantwortung zum andern hin. Natürlich gilt das zunächst für den engeren Kreis der Menschen, mit denen wir unmittelbar das Leben teilen. Aber heute muss dieses „Ja“ darüber hinausgehen. Wir spüren doch alle, dass sich unter dem Druck wirtschaftlich schwierigerer Zeiten Egoismen, Rücksichtslosigkeiten und reine Privatinteressen ausbreiten. Und so wächst die Gleichgültigkeit gegenüber denen, die im Schatten leben. Es gibt sie immer, die „Stillen im Lande“, die sich nicht gut artikulieren können und über keine besonderen Beziehungen verfügen, die um ihren Arbeitsplatz im bedrängten Betrieb, um ihre Wohnung, ihre Rückzahlungen, ihre Zukunft, ja auch um ihr tägliches Auskommen bangen müssen. Wenn wir nicht immer wieder das weite „Ja“ der Solidarität in unseren Herzen tragen, mit allen Konsequenzen, die es bedeutet, dann können wir die Probe unserer Zeit nicht bestehen. Dieses „Ja“ der Solidarität macht uns ja erst zu einem Volk, und ohne dieses „Ja“ wären wir nur ein bunter, wilder Haufen von Egoisten.

 4.

Auch wenn ich um ein „Ja“ zur Kirche bitte, die ja immer noch die Seine, nämlich die Kirche Christi ist, ist mir bewusst, dass dieses „Ja“ für viele nicht ganz selbstverständlich ist. Es geht im Trend der Zeit, die von „Institutionen“ ganz allgemein nicht viel hält, leicht verloren. Selbst bei bewussten und engagierten Christen kann dieses „Ja“ in Missmut, Kritik und Ungeduld untergehen. Aber wir müssen es einfach durch alles Menschliche. und Allzumenschliche hindurch sagen. Es weht doch auch tausendfaches und liebenswertes Gutes durch diese Kirche. Sagen wir also unser „Ja“ in der konkreten Arbeit der Pfarrgemeinden und Gemeinschaften! Sagen wir es in den vielen Initiativen für Hilfsbedürftige, Einsame, Behinderte, Kranke, Sterbende, Flüchtlinge und Hungernde, sagen wir das „Ja“ in unseren Gottesdiensten, im Gebet und in der Musik. Sagen wir es auch zu dem vielen guten Willen, der in den Gremien unserer Diözese bis hin zum Diözesanforum aufbricht. Und wenn irgendwo in einem Herzen der Gedanke an einen geistlichen Beruf aufkeimt, den das Reich Gottes ja so dringend braucht, dann möchte ich auch zu diesem leisen „Ja“ ermutigen!

 5.

Auch unser Gemeinwesen kann ein „Ja“ dringend brauchen. Der erste Petrusbrief, der die Christen zu einer konsequenten Haltung in einer pluralistisch-heidnischen Welt aufruft, sagt trotzdem „Ja“ zum damaligen Römischen Staat, der wahrhaftig mehr Schönheitsfehler hatte als der unsere. Auch dieses so notwendige „Ja“ zum Staat und seinen Institutionen wird untergraben, wenn überbordende Kritik, Aggression und Grobianismen den Ton angeben. Manchen ist nicht wohl, wenn sie nicht jeden Tag eine Fuhre Jauche auf die Wiesen der Öffentlichkeit fahren können. Was soll da noch wachsen? Natürlich lebt eine Demokratie auch von der Kritik - aber sie braucht auch eine Kultur der Kritik. Demokratische Autoritäten benötigen Kontrolle, aber sie brauchen auch ein Mindestmaß an Respekt. Wenn das verweigert wird, werden sich immer mehr redliche und sachkundige Menschen weigern, in der Politik tätig zu sein. Der bloße christliche Hausverstand müsste uns verpflichten, das „Ja“ zu unserem Rechtsstaat zu sagen, trotz seiner Schönheitsfehler. Denn als Alternative wartet ja nur die Diktatur, die Herrschaft der großen Sprüchemacher und Gewaltmenschen. Vielleicht müsste uns für dieses „Ja“ zu unseren demokratischen Gemeinden, unserem Land und unserem Staat auch so etwas wie eine Dankbarkeit bewegen. Dieses Gemeinwesen hat uns immerhin die besten Jahrzehnte unserer Geschichte beschert.

 6.

Zum Schluss darf ich noch zu einem letzten „Ja“ ermuntern. Es ist wie ein kleiner heller Sonnenschein, der über die Wasser der Zeit huscht und da und dort eine Welle aufblitzen lässt. Es ist das „Ja“ zur Fröhlichkeit und zum Humor. Beides gehört zum Christen, sozusagen als Ausweis seiner Echtheit. Mir ist immer aufgefallen - in der Kirche und Welt -, dass der Fanatismus und die Enge die Gesichter versteinern und verfinstern. Wir dürfen doch nicht Christus zum Lügner machen, der gesagt hat, er wolle, „dass seine Freude in uns sei und dass unsere Freude vollkommen sei“ (Jo 15, 11).

Liebe Schwestern und Brüder, wir kennen alle ein kleines Wort in unseren Gebeten, das eigentlich das große „Ja“ ausdrückt. Es ist das Wort „Amen“. Es heißt nichts anderes als „Ja, so ist es, und so soll es sein“. Darum setze ich es gerne an das Ende dieses Hirtenbriefes und hoffe; dass es in den Herzen ein wenig nachhallt:

Amen!

 

Dr. Reinhold Stecher

Bischof von Innsbruck

1. Fastensonntag, 20. Feber 1994

 

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