Bischof Stecher Gedächtnisverein

Fastenhirtenbrief "Reise zur Schatzkammer"

1. März 1993

Auf der Fahrt nach Wien traf ich neulich einen Gast aus dem Ausland, der auch dorthin wollte. Wir kamen ins Gespräch, und er erzählte mir, dass er sich in Wien auf etwas ganz besonders freue: er sei geschichtlich sehr interessiert und möchte gern die alte Krone des Heiligen Römischen Reiches sehen. Ich habe ihm gesagt, dass er da in die Hofburg in die weltliche Schatzkammer gehen müsse. Da gäbe es eine Reihe von Schauräumen mit kostbaren Exponaten ... Das interessiere ihn nicht so, unterbrach er mich. Ja, sagte ich dann, aber im innersten Saal sei dann sozusagen als größte Kostbarkeit in einer Vitrine in der Mitte die Kaiserkrone ...

Die Reise dieses Gastes hatte also nur ein Ziel: das kostbare Juwel, das alles andere überragt. Sind eigentlich die Wochen vor Ostern für den Suchenden und Glaubenden nicht auch eine Reise zur Krone aller Wahrheiten, zum Wesentlichen unseres Christseins, zum Juwel im innersten Raum der Offenbarung?

Mir scheint, dass dieses Reiseziel aktuell ist. Denn auf der einen Seite ist es so, dass sich in der katholischen Glaubenswelt nicht ohne Schuld der Arrangeure manchmal Zweit- und Drittrangiges in den Vordergrund drängt. Die Darstellung des Glaubens präsentiert sich dann als ein Museum mit einer verwirrenden Vielfalt von wertvollen und weniger wertvollen Ausstellungsstücken, als eine Serie von Glaskästen, von Details, Verzierungen und Problemen, und wir wissen, dass es uns in der Welt des Glaubens dann ganz ähnlich gehen kann wie beim Besuch eines Riesenmuseums, durch das man von einer Führung geschleppt wird, die sich in diesem ermüdenden Vielerlei verzettelt. Man resigniert bei einer derartigen Betrachtung der Dinge.

Denn auf der anderen Seite lebt in uns die Sehnsucht nach der innersten Kostbarkeit, dem Juwel in der Mitte, der alten Krone, die unter den Tiefstrahlern funkelt.

Darum möchte ich gern in diesem Hirtenwort die Rolle eines Museumsführers übernehmen, der da versucht, am Zweit- und Drittrangigen vorbei zum Eigentlichen hinzugeleiten. Natürlich ist der Weg des Geistes durch die Botschaft der Offenbarung und die Lehre der Kirche alles andere als ein Museumsbesuch. Aber recht verstanden, mag der Vergleich gelten. Es ist gar nicht so einfach, heute die Führung durch das Vielerlei der Probleme und sogenannten aktuellen Fragen hindurch zügig zum Zentrum zu bringen. Denn immer wieder schießt ein Finger vor, zeigt auf dieses und jenes, und ein Interviewer löst den anderen ab und fragt: „Was sagen Sie dazu? Wie ist die Position der Kirche zu dem und dem? Warum ist diese Sache ausgestellt?“

Ich habe aber die funkelnde Krone des Glaubens im Auge. Mein Trost bei dieser Führung zu ihr hin besteht nur darin, dass ich bei diesem Unternehmen nicht allein gelassen bin. Durch die Räume der Welt, die Exponate von Wahrheit und Irrtum weht der Geist Gottes. Und Er ist es, der eigentlich die Türen aufmacht und die Lichter einschaltet, damit man offen und einsichtig wird. Es wäre völlig nutzlos, diese Worte hier niederzuschreiben, wenn ich nicht darauf vertrauen würde, dass dieser Geist Gottes mir beisteht und gleichzeitig Euer Herz und Euren Sinn bewegt. Nach dem Zeugnis der Schrift ist es sozusagen sein vornehmliches Ziel, uns zur Ergriffenheit vom innersten Geheimnis hinzuführen.

Und worin besteht nun dieses zentrale Juwel aller Wahrheiten, das mein Leben reich macht? Die innerste Botschaft Gottes ist dies:

 

„Gott ist die Liebe. Und diese unendliche Liebe ist in Jesus Christus zu uns gekommen. Und damit wandelt sich unser Leben von Grund auf.“

 

Beim letzten Abendmahl gibt es eine Szene, in der die Diamanten dieser Wahrheit aufblitzen. Der etwas kritische Apostel Philippus sagt zum Meister: „Herr, zeige uns den Vater, und es genügt uns ...“ Und Jesus sagt zu ihm: „Philippus, so lang bin ich schon bei euch, und du hast mich noch nicht erkannt? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen ...“

Das ist sie also, die blitzende alte Krone im letzten Raum der Wahrheit: Die Liebe Gottes, die im Dreieinigen durch die Unendlichkeit wogt, wird in Jesus sichtbar. „Schaut auf ihn, hört auf ihn“, tönt es vom Himmel her in der Schrift. So, wie er redet, wie er handelt und heilt, wie er tröstet und mahnt, wie er leidet und liebt - so bin ich, sagt der Unendliche. Und er ist euer Bruder. Ihr erbt ein Leben, das alles andere zurücklässt, und eine Zukunft, die in eine unvorstellbare Weite geht ...

Gott ist die Liebe. Ich weiß, dass für mich im Zuge dieser Führung zur funkelnden Krone hin nun die schwierigste aller Fragen aus dem Publikum kommt. „Ich habe den letzten Bericht über die Gräuel in Bosnien gesehen, dieses Meer von Leid - wo bleibt da der liebende Gott?“

„Und ich bin“, sagt ein anderer, „gerade in einer Abteilung für unheilbar Kranke gewesen. Ich habe eine junge Mutter gesehen, die von ihren drei Kindern wegsterben muss - wo bleibt da der liebende Gott?“ ·

„Und ich“, sagte ein dritter, „habe eben die Depression eines Menschen erlebt, der schon einen Suizidversuch hinter sich hat. Und ich stehe ratlos vor einer derartigen Verdüsterung der Seele - wo bleibt da der liebende Gott?“

Im Alten Testament, im Buche Job, steht zu lesen, dass die Freunde kamen, um den geschlagenen und kranken Job zu besuchen. Und als sie ihn sahen, waren sie so erschüttert, dass sie sieben Tage nicht reden konnten. Es geht uns manchmal ähnlich, wenn uns die Erfahrung des Bösen oder des Leids überwältigt. Es bleibt uns wirklich viel verborgen, und ich weiß nicht, warum Gott es zulässt. Oft ist ein Schleier vor der Krone. Und ich gebe eines ganz offen zu: Wenn Gott es nicht selbst gesagt hätte, dass er die Liebe ist - aus dem täglichen Lauf der Welt allein würde ich es nicht glauben.

Auch der oben genannte Job hat durch sein Elend hindurch noch die Worte gestammelt: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt ...“ So steht diese Wahrheit von der letztumfassenden Liebe durch alle Dunkelheiten durch. Und eines ist sicher: ln der großen, ständig wogenden Debatte der Weltgeschichte reden zwar das Leid, der Tod und das Böse mit, aber das Schlusswort haben sie nicht. Das Schlusswort hat die funkelnde Krone der Liebe.

Die Wochen vor Ostern sind also eine Art Reise in das Herz der Schatzkammer. Apropos Wienreise: Vor ein paar Wochen sind im Zuge des Taizé-Treffens doch mehr als hunderttausend junge Menschen nach Wien gereist. Und sie waren alle auf der Fahrt in dieses innerste Mysterium. Es ging ihnen wirklich um das·Wesentliche des Christentums. Und so fahren viele mit uns. Viele Ringende, Suchende, Glaubende, Zögernde und Begeisterte. Und ich kann den Heiligen Geist, den eigentlichen Führer, nur bitten, dass er uns wenigstens für ein paar Augenblicke alle Schleier vor der funkelnden Krone zurückzieht, damit wir das Unfassbare glauben können:

 

Deus caritas est. Gott ist die Liebe.

 Reinhold Stecher

 1. Fastensonntag, 28. 2. 1993

 

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