Bischof Stecher Gedächtnisverein

Hirtenbrief zur Adventopfersammlung "Bruder in Not"

29. November 1992

Liebe Schwestern und Brüder!

Es ist nicht mehr nötig, „Bruder in Not“ vorzustellen. Es gehört heute schon zu unserem Advent wie eine unsichtbare fünfte Kerze auf dem Kranz. Wenn ich wieder meine Bitte aussende, bewegt mich eigentlich schon im Vorhinein eine große Dankbarkeit. Die offenen· Herzen und die helfenden Hände haben in unserem Land noch nie enttäuscht. Aber manchmal höre ich da oder dort Ängste, dass doch unverhältnismäßig viel Geld aus unserem Land in die armen Länder der Erde fließe. Und dieser Angst möchte ich diesmal ein wenig entgegentreten.

Bleiben wir bei den Projekten, die heuer der Sammlung vorangestellt sind. Da geht es zunächst um die Befreiung eines Gebietes in Ghana von der gefürchteten Krankheit Bilharziose. Die wirksame Bekämpfung dieses unsäglichen Leids kostet S 730.000.-. Das ist gerade der Preis für ein kleineres Motorboot, wie sie im Sommer täglich zu Dutzenden über unsere Straßen nach Süden rollen.

Und dann ist da ein Projekt zur Existenzsicherung für verarmte Bauern im Gebiet von Chiquitos in Bolivien, wo übrigens die Tiroler Franziskanermission und die Terziarschwestern von Hall arbeiten. Der Einsatz für Walderhaltung, Wegebau und Fortbildungsveranstaltungen verlangt S 1,600.000.-, das sind die Anschaffungskosten für einen Sattelschlepper. Die Organisation für die unbedingt notwendige Öffentlichkeitsarbeit der rechtlosen Bevölkerungsgruppen der Indios und der Schwarzen in Nicaragua und Zentralamerika benötigt S 400.000.-, die Summe entspricht einem gehobenen Mittelklassewagen, wie man ihn braucht, um den Anhänger mit dem genannten Motorboot zu ziehen. Und die Ausbildung von einheimischen Leiterinnen für Frauen-Selbsthilfe-Gruppen in Uganda, eine Einrichtung, die einen Schneeballeffekt verspricht und echte Hilfe zur Selbsthilfe darstellt, braucht S 109.000.-, so viel kostet ein gebrauchter Kleinwagen. Ein Mittelklassewagen mit Motorboot-Anhänger, ein Sattelschlepper und ein gebrauchter Kleinwagen, das rollt unter Umständen in einer halben Minute auf der Brennerautobahn an uns vorbei. Apropos Brennerautobahn: Letztes Jahr hatten wir bei „Bruder in Not“ das großartige Ergebnis von S 19,000.000.-. Ich sage noch einmal dafür Vergelt's Gott. Auf der Autobahn baut man mit dieser Summe etwa 25 m Lärmschutzgalerie ...

Beim Helfen sind aber 19 Millionen etwas Gewaltiges. Wir müssen ja Gott danken, dass unser Schilling in anderen Ländern viel mehr wert ist als bei uns. Und die vielen freiwilligen, unbezahlten Helfer vermehren seinen Wert noch einmal um ein Vielfaches. Nur die Angst, unsere Wirtschaftskraft oder der Reichtum unseres Landes könnten durch unsere Wohltätigkeit einen zu großen Aderlass erleiden, ist wirklich unbegründet: Ein Sattelschlepper, ein Personenwagen mit Motorboot, ein Kleinwagen und im ganzen 25 Meter Lärmschutzgalerie, die wir im Vorbeiflitzen kaum wahrnehmen - das ist kein Aderlass. Was bei uns ein bisschen Zubuße zum gehobenen Lebensstandard bedeutet, ist anderswo Lebensrettung für viele Tausende.

Und freuen wir uns, dass neben so vielem Unnützen, das über unsere Straßen rollt, auch so viel Nützliches und Hoffnungbringendes dabei ist! Von dieser Straße des Guten ruft der Prophet Jesaia im Advent: „Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste, baut in der Steppe eine Straße für unseren Gott!“ (Jes 40,3).

Mit allen guten Segenswünschen für die heilige Zeit

 

Innsbruck, 29. 11. 1992

Advent 1992

Euer Reinhold Stecher

Bischof von Innsbruck

 

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