Bischof Stecher Gedächtnisverein

Hirtenbrief zur Adventopfersammlung "Bruder in Not"

1. Dezember 1991

Liebe Gläubige!

Wie alle Jahre klopfe ich im Advent wieder an. Es ist die Zeit, in der der Herr kommt, und es ist Bruder-in-Not-Zeit.

Wie ich die heurigen Projekte betrachtet habe, die an der Spitze der Aktion stehen, bin ich besonders bei einem nachdenklich stehen geblieben: bei dem Projekt für die armen lndiobergbauern in den Anden Ecuadors.

Mir ist eine zufällige Begegnung eingefallen, die mich mit zwei Bischöfen jener Weltgegend in irgendeiner Sakristei zusammengeführt hat. Sie haben mir das Elend geschildert, in dem ihre lndiobevölkerung lebt. Und auf meine Frage, wer und wie man diesen Kleinbauern helfen könnte, haben sie mir zur Antwort gegeben:

„Es bräuchte gar nicht viel. Niemand müsste in unserem Land hungern, dazu ist es zu fruchtbar. Aber es müsste der Kleinbauer gefördert werden; die von nordamerikanischen Firmen geführten Großplantagen beuten den Landarbeiter aus. Die marxistisch ideologisierten sogenannten Befreiungsbewegungen machen im Endeffekt dasselbe. Sie führen ein ruinöses Wirtschaftssystem ein. Eigentlich würden wir von Euch, den Europäern, ja besonders von Euch, den Europäern in den Bergen, am ehesten Verständnis und Hilfe für Bergbauern erwarten. Ihr habt ja selbst Bergbauernnot kennengelernt und wisst, was für großartige menschliche Werte in einer solchen Welt der Bergbauern gesichert sind, wenn sie nur halbwegs überleben können und von den Früchten ihres Fleißes das tägliche Brot haben …“

Diese Worte der beiden Bischöfe sind mir eingefallen, wie ich das erste Projekt der heurigen Bruder-in-Not-Sammlung gelesen habe. Aufbau einer gesicherten Existenz für 200 arme, kinderreiche Familien in den Anden Ecuadors. Keine Geldverteilung, sondern Starthilfe zur Sicherung des Grundbesitzes und Kredite für den Aufbau einer aussichtsreichen landwirtschaftlichen Produktion. Und wenn es ihnen besser geht, zahlen sie das Geld in eine Kasse zurück, für andere.

Natürlich ist das ein Marshallplan im Kleinformat. Aber für die Kirche muss es darum gehen, gültige Modelle der Hilfe hinzustellen, die dann im großen übernommen werden können.

Dieses Projekt braucht 389.000 Schilling.

Damit macht man in unserem Land nicht sehr viel. Alle, die mit Renovierungen zu tun haben, werden mir zustimmen.

Aber dort können hundert Familien aufatmen.

Vor 500 Jahren hat Kolumbus Amerika entdeckt. Allzuviel müssen wir uns in Anbetracht dessen, was da drüben geschehen ist, darauf nicht einbilden. Heute müsste Amerika wieder entdeckt werden, aber nicht vom Geist der Eroberer und Händler, sondern von der Liebe.

Auch wir können nur deshalb aufatmen, weil uns die Liebe des Gottessohnes entdeckt hat auf seiner großen Reise von der Ewigkeit in die Zeit.

Ich wünsche allen einen gesegneten Advent!

 

Innsbruck, 1. 12. 1991

Advent 1991

Euer Reinhold Stecher

Bischof von Innsbruck

 

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