Bischof Stecher Gedächtnisverein

Fastenhirtenbrief "Sinnvoller Sonntag"

1. Feber 1991

Liebe Gläubige!

Darf ich mir jede lange Einleitung ersparen und gleich mit der Tür ins Haus fallen? Es ist kein Geheimnis, dass die Feier des Sonntags bei vielen ins Wanken gerät. Das sagen die Statistiken, und das wissen wir sicher aus so mancher Debatte, die mit der jungen Generation in der eigenen Familie läuft. Es gibt verschiedene Bedrohungen des Sonntags, seiner Feier und seiner ganzen Kultur: Die einen kommen mehr von außen, wie etwa die wirtschaftlichen und beruflichen Zwänge eines Tourismuslandes, oder weltweite Versuche, das menschliche Leben nur nach dem rationelleren Einsatz der Maschinen und den vollen Kassen zu gestalten. Und andere Bedrohungen kommen mehr von innen: „Was soll denn der Trott einer Tradition, die für die Welt unserer Großeltern gegolten haben mag? Meine Frömmigkeit braucht keinen Fahrplan! Ich bete, wenn mir wieder einmal danach zumute ist. Alles andere ist eigentlich Heuchelei …“ Und wieder gibt es manche, denen die Art der gottesdienstlichen Feier einfach zu fad ist und die - vielleicht mit Recht - mehr Lebendigkeit wünschen. Dem steht der Wunsch anderer entgegen, die ihn am liebsten so hätten, wie er zur Zeit ihrer Kindheit war. Und manchmal stirbt der Sonntag einfach im weichen Polstersitz der Bequemlichkeit, im stundenlangen Starren auf den Bildschirm und in einer ausufernden Langeweile ...

Der Sonntag ist vielfach bedroht. In vielen Hirnen und Herzen existiert er doch so als lästige Pflichterfüllung. Und doch ist er für ein christliches Leben und eine menschliche Entfaltung unverzichtbar. Und bei diesem letztgenannten Punkt, der Entfaltung des Menschlichen, möchte ich eigentlich beginnen. Mir scheint, dass man in unserer Zeit im religiösen Bereich manchmal Lebensgesetze übersieht. Und eines davon heißt:

 

Das Leben braucht Rhythmus

Es bleibt mir nichts übrig, hier muss ich weit ausholen. Das ganze Leben in der Schöpfung, das uns heute alle so fasziniert, hat immer zwei Seiten: Die erste ist das Unberechenbare, Spontane, Außerordentliche. Und die zweite ist das Rhythmische, Selbstverständliche, die Wiederholung.

Und diese zweite Seite wird in einer hektischen, unruhigen Zeit sehr leicht missachtet. Aber es ist doch so: Alles in der Natur ist neben Bewegtheit und Buntheit auch auf Rhythmen angelegt: auf Tag und Nacht, Sommer und Winter, Atem und Herzschlag. Die Tiere haben ihre Rhythmen - das weiß jeder Jäger und Bauer. Jedes gesunde Kind braucht neben seiner Freiheit und dem Umhertollen auch eine gewisse Ordnung, vom Essen bis zum Gute-Nacht-Kuss. Wenn alles nur der Laune und der Stimmung überlassen wäre, stockt das Leben. Die Hausfrau kann doch nicht nur dann kochen, wenn sie wieder einmal dazu aufgelegt ist, der Lehrer kann nicht nur dann unterrichten, wenn er einen pädagogischen Anfall hat, und der Lokführer kann nicht nur dann fahren, wenn der Geschwindigkeitsrausch über ihn kommt. Alles Leben wird von Selbstverständlichkeiten und Wiederholungen getragen, die man nicht jedesmal diskutieren kann.

Warum soll das im religiösen Leben anders sein? Sicher gehören die spontane Herzlichkeit, die einmalige Stunde der Ergriffenheit, das große Erlebnis auch dazu. Aber ebenso wichtig sind auch diese selbstverständlichen, rhythmischen Vollzüge, die von der augenblicklichen Stimmung unabhängig sein müssen. Das Leben ist wie unsere Vorhänge und Teppiche nach Mustern gewoben.

Ein Ruhe- und Festtag, sechs Werktage ... das ist ein uraltes Strickmuster der Menschheit, und es ist zutiefst sinnvoll. Denn das Leben braucht Rhythmus. Und das göttliche Gebot entspricht dem Wesen des Menschen.

 

Die Gemeinde braucht die Mitte

Wiederum könnte ich von der einfachen Lebenserfahrung ausgehen. Jede Familie, in der eine gewisse Kultur des Miteinander blühen soll, braucht dieses Sichversammeln um den Tisch. Christus hat für seine Familie, seine Gemeinde, auch diese Versammlung um den Tisch des Wortes und der heiligen Eucharistie vorgesehen. Er ist selbst diese Mitte. Und wenn eine Gemeinde diese Mitte verliert, wird sie bald zu einem Verein von Karteileichen absinken. Dann lösen sich die Bindungen auf. Darum müssen wir auch in einer Zeit des Priestermangels darauf schauen, dass nach Möglichkeit in jeder Gemeinde die sonntägliche Versammlung um den Altar bleibt. Und wenn wir das nicht mehr in einem Überangebot zu beliebiger persönlicher Auswahl anbieten können, vielleicht begreifen wir gerade in einer solchen Situation etwas deutlicher: Die Gemeinde braucht·eine Mitte.

Aber es soll - bei aller Treue und rhythmischen Regelmäßigkeit - eine lebendige Mitte sein. Die Liturgie der Kirche ist ehrwürdig, und sie unterliegt in ihren wesentlichen Riten nicht der persönlichen Willkür. Aber andererseits ist sie auch keine Museumsabteilung für Versteinerungen. Das Konzil bietet viele Möglichkeiten lebendiger Gestaltung.

Ich möchte bei dieser Gelegenheit einmal allen danken, die sich um diese Lebendigkeit bemühen: Den Mesnern und den Blumensteckerinnen, den Ministranten und den Kinderchören, den Vorsängern und Vorbetern, den Kirchenchören und den Kommunionhelfern, den Laien, den Diakonen und den Priestern, und ich möchte keinen vergessen, weder den Dirigenten der Mozartmesse, den Gitarristen der Jugendgruppe oder die Blockflötenspielerin aus der Volksschule.

Der Sonntag hat eine weite Ausstrahlung, bis hinaus in die Kultur von Gemeinschaft und Erholung. Aber die Gemeinde braucht die lebendige Mitte. Und das Innerste dieser Mitte ist der Herr.

 

Der Mensch braucht Gott

Vor einiger Zeit bin ich am frühen Morgen von Innsbruck nach Wien geflogen. Auf dem Flugplatz war eine richtige Waschküche, mit tiefhängenden Wolken. Das Flugzeug hat dann die dichte Wolkendecke durchstoßen, und auf einmal hat sich ein wunderbares Bild geboten. Aus dem weiten Wolkenmeer, das sich bis zum Horizont erstreckte, haben nur die höchsten Dreitausender in die Sonne herausgeragt ...

Das ist eigentlich der innerste Sinn des christlichen Sonntags. Unser Leben braucht, wie ein großes Atemholen, das Durchstoßen des Wolkenmeeres, hinein in den Glanz der ewigen Auferstehung. Wir müssen verhindern, dass die Waschküche des Alltags, die Nebelschwaden der Diesseitigkeit, des reinen Gewinn- und Konsumdenkens und unserer persönlichen Sorgen immer höher steigen und alles zudecken. Wir brauchen den Durchstoß zum Ewigen, wie die hohen Gipfel über dem Nebelmeer.

Gerade weil in unserer Zeit der Sonntag in die Fragezeichen gerät, sollten wir uns daran erinnern: Das Leben braucht Rhythmus, die Gemeinde braucht die lebendige Mitte, und wir alle brauchen den erlösenden Gott.

 

1. Fastensonntag, 17. Februar 1991

Dr. Reinhold Stecher

Bischof von Innsbruck

 

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