Bischof Stecher Gedächtnisverein

Hirtenbrief zur Adventopfersammlung "Bruder in Not"

1. Dezember 1990

Liebe Gläubige!

Es ist schon vorgekommen, dass mir jemand mit einem gewissen Bedauern gesagt hat, es sei doch schade, dass der Bischof diese wunderbar-trauliche Zeit des Advents, in der so vieles im Menschenherzen aufbricht, immer mit einem nüchternen Bettel-Hirtenbrief eröffnet. Ich gebe zu, da ist was dran. Und trotzdem glaube ich, dass der Appell zu „Bruder in Not“ durchaus in der Linie des großen Advents liegt, der Liebe, die aus den Tiefen der Ewigkeit in die Welt hereinströmt.

Der Advent ist doch die Zeit des Anklopfens. Immer wieder ist der Herr auf der Suche nach einem Unterkommen bei uns. Und er klopft vor allem mit der Not der Welt an unsere Tür.

Da klopfen die mittellosen Patienten eines diözesanen Krankenhauses in Senegal an. Sie brauchen einen Operationssaal - der für unsere Begriffe sicher noch immer höchst bescheiden, aber dort doch für viele lebensrettend sein könnte. Die Leute erhalten sich ihr Spital selbst. Aber für Investitionen reicht es nicht.

Und die Franziskaner-Missionsschwestern in Kolumbien klopfen an, weil sie für die bitter armen Bergbauern in ihrer Gegend ein Entwicklungsprogramm entworfen haben, das die ärgste Not beseitigen soll und bei dem die Leute mit großen Eigenleistungen mitmachen. Von uns erhoffen sie Starthilfe, und ein Teil davon ist für etwas ganz Konkretes bestimmt: Die 30 ärmsten Familien mit Kleinkindern sollen eine Kuh bekommen, und ich denke mir, dass diese dreißig kolumbianischen Kühe dem Herrn besser gefallen als alle Ochsen und Esel, die auf Tirols Krippen um das Christkind aufgestellt werden.

Eine Südtiroler geistliche Krankenschwester, die die Heimat unterm Latemar mit den Elendsgebieten im Südwesten Äthiopiens vertauscht hat, klopft von dort an, und zwar für die Frauen ihres Gebietes, die unbedingt handfeste Bildungshilfen im Kampf ums Überleben brauchen. Dort spielt übrigens „Bruder in Not“ in einem größeren Orchester der Nächstenliebe mit. Die Jungschar wird sich dort der Straßenkinder annehmen, und die Caritas Österreich übernimmt die medizinische Betreuung dieses zu einem Großteil bereits katholischen Gebietes. Und wiederum könnte ich mir denken, dass solche Konzerte heute in den Ohren Christi ebenso schön klingen wie die Engelchöre auf den Fluren Bethlehems.

Es klopfen noch viele.

Seit den weltgeschichtlichen Veränderungen des vergangenen Jahres klopft es auch aus dem Osten Europas. Dort ist die Not vielfach etwas anderer Art als in der dritten Welt, aber es ist auch eine echte Not von Schwestern und Brüdern, die aus den Katakomben kommen und eine Kirche für morgen aufbauen müssen ...

Der Advent ist eine Zeit, in der wir Christen ein feines Gehör für dieses vielfache Klopfen entwickeln sollen. Dann wird das alte schöne Lied „Wer klopfet an“ in der Vorweihnachtszeit viel mehr sein als ein Stück liebenswerten Brauchtums.

 

Mit herzlichem Segen für die kommende Zeit

Innsbruck, 1. 12. 1990

Advent 1990

Euer Reinhold Stecher

Bischof von Innsbruck

 

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