Bischof Stecher Gedächtnisverein

Fastenhirtenbrief "Der Gang zur Quelle"

1. März 1990

Die meisten Tiroler sind mit gutem Quellwasser verwöhnt. Aber wenn irgendwo dem sauberen Wasser Gefahr droht, wird Alarm geschlagen. Man weiß heute, was diese Gabe Gottes wert ist. Und jede Gemeinschaft schätzt sich glücklich, wenn sie über eine reine, ergiebige Quelle verfügt.

 

Auch die Gemeinde Gottes hat eine reine, ergiebige Quelle: Das ist die Heilige Schrift, das Wort Gottes. Wenn wir durchs Bachtal der Kirche zurückgehen, über dessen Steine und Stufen das Heil Christi in die Welt strömt, finden wir die wunderbare Quelle ganz am Beginn. Als Kinder sind wir oft zur Quelle unseres Dorfbaches hinaufgewandert, um dann fasziniert vor der dunklen Höhle zu sitzen, aus der das Wasser herausgesprudelt ist. So möchte ich auch Euch, liebe Schwestern und Brüder, mit diesem kurzen Hirtenwort einladen, zur Quelle zurückzuwandern, sich vor sie hinzusetzen, still zu werden, zu staunen, zu horchen, zu schauen und zu trinken und dann mit neuer Glaubensfreude weiterzugehen. Denn diese Quelle der Heiligen Schrift bricht aus den unfassbaren, unergründlichen Tiefen der Ewigkeit hervor: In ihr und in ihren Worten ist Gottes Geist am Werk.

 

Es scheint mir aktuell zu sein, wieder einmal über diese wunderbare Quelle zu reden. Viele verlieren nämlich den Zugang zu ihr.

Die einen vergessen und übersehen sie in den tausend Angeboten unserer Zeit. Anderen ist der Zugang zu mühsam. Auch wenn man durchaus kein Gelehrter sein muss, um Bibel lesen zu können, so kann man mit ihr doch nicht so oberflächlich umgehen wie mit Kriminalromanen, Sportberichten, Fernsehserien und Modeschauen. Schriftworte sind keine Billigware.

Wieder andere lassen das Wort Gottes beiseite und begnügen sich mit Ersatz. Die kühle, reine Quelle des Evangeliums genügt nicht, man greift lieber zu einem künstlichen Getränk mit dem prickelnden Kohlensäurezusatz der Sensation. Die Worte Christi verdienen dann bei weitem nicht so viel Aufmerksamkeit wie irgendeine Erscheinung. Die Verheißungen des Herrn sind zu dürftig - geheime Botschaften müssen her, irgendein noch nie gehörtes Wissen, das sich angeblich irgendeine fromme Seele hinter dem großen Vorhang beschafft hat, den der offenbarende Gott über den jenseitigen Dingen belassen und nicht gelüftet hat. Das vom Heiligen Geist inspirierte Wort Gottes hat für manche lange nicht so viel Bedeutung wie irgendein Traktätchen, das in einem obskuren Verlag erscheint und eine krause Frömmigkeit verbreitet. Und die Gebote Gottes und die wunderbaren Weisungen des Herrn reichen manchen auch nicht - man muss neue Forderungen und Regeln erfinden und mit angsteinflößenden Drohbotschaften versehen, von denen der Heiland der Welt kein Wort gesagt hat.

Manchmal wird die Heilige Schrift auch missbraucht. Schließlich hat jeder Sektierer und Fanatiker der letzten zweitausend Jahre mit der Bibel herumgefuchtelt. Und immer wieder besteht die Versuchung, in die Heilige Schrift das hinein- und aus ihr das herauszulesen, was einem gerade passt. Vor der Eigenmächtigkeit der Schriftauslegung musste ja schon der heilige Petrus warnen (2 Petr 1,20). Darum - um beim obengenannten Bild zu bleiben - muss man im Bachbett der Kirche bleiben, wenn man zur Quelle der Schrift zurückwill. Ohne die Kirche verirrt man sich leicht.

Freilich braucht der Umgang mit der Heiligen Schrift auch Gelehrte, Spezialisten, die uns bei schwierigen Fragen helfen. Und man muss zugeben, dass diese Gelehrsamkeit hie und da auch, wie alle Wissenschaft, kompliziert und unverständlich geworden ist und mit ihrer Sprache manche Leser der Schrift entfremdet hat. Aber auch da gibt es in der Kirche eine Wende. Wer - neben vielen anderen Autoren - zum Beispiel die Bücher Carlo Martinis, des Kardinals von Mailand, liest, kann erleben, wie ein großer Bibelwissenschaftler das Wort Gottes als Seelsorger darlegt.

Die Heilige Schrift ist keineswegs nur eine Spielwiese für Gelehrte. Ich habe Vierjährige in einem Dorfkindergarten angetroffen, die die Erzählung vom verlorenen Sohn so gut und lebendig verstanden hatten, dass sie dazu eindrucksvolle Zeichnungen verfertigen konnten, die sie mir selbst erklärt haben. In der Volksschule kann die Biblische Geschichte wirklich zum „erzählten Heil“ werden, das seine Bilder tief in die Seele senkt. Es gibt immer mehr Familien und Bibelrunden, in denen man das Wort Gottes neu entdeckt. Im Kreis junger Menschen wird das Evangelium zum Wort, das trifft, provoziert und bewegt. In der Runde der Verantwortlichen wird es zur Motivation für das Handeln, zur Richtschnur der Lebensgestaltung. Für den Kranken und Bedrängten spendet es Trost und Hoffnung. Der Verunsicherte trifft in der Heiligen Schrift das Wort, das nicht vergeht. Bei Besinnungstagen und in der Meditation vermittelt Gottes Wort die hohe Schule des Betens. Und durch die ganze Geschichte herauf war die Bibel für den Künstler die Fundgrube, in der er Anregung für sein Gestalten fand. In der heiligen Liturgie wird in Lesung und Evangelium der lehrende Christus gegenwärtig. Und so ist für die ganze Kirche Gottes Wort die ursprüngliche, fundamentale Botschaft des Heiligen Geistes. Bei einem ökumenischen Konzil liegt die Bibel nicht umsonst in der Mitte der versammelten Bischöfe.

So hat das Wort Gottes viele Adressaten und viele Weisen der Fruchtbarkeit - eben wie eine Quelle, die ihre lebenspendenden und reinigenden Wasser in viele Richtungen verströmt.

Liebe Gläubige - die Zeit verlangt, dass wir die verstaubte Bibel vom Bücherbord holen. Vielleicht denken wir daran, uns eine gute Ausgabe anzuschaffen, wenn noch keine im Hause ist. All denen, die in den Kirchen den Vorlesedienst versehen, möchte ich danken und sie wissen lassen, dass ihr Bemühen um schönes und deutliches Vorlesen wirklich dem Buch der Bücher gilt. Wenn heute von der Neu-Evangelisierung der Kirche gesprochen wird - wie soll das geschehen, wenn wir das Evangelium nicht kennen? Es darf doch nicht dazu kommen, dass wir unsere Bildung auf tausend Sparten erweitern, aber hinsichtlich der Heiligen Schrift glatte Analphabeten werden. ·

Darum, liebe Gläubige, lade ich Euch ein, durch das Bachbett der Kirche, das heißt mit ihrer Lehre und Führung, zurückzuwandern bis zu der Quelle, aus der das Leben strömt. Und ich wüsste kein schöneres Wort, um mein Anliegen zusammenzufassen, als das des heiligen Paulus an die Kolosser: „Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei Euch!“ (Kol 3,16). ·

 

1. Fastensonntag, 4. März 1990

DR. REINHOLD STECHER

Bischof von Innsbruck

 

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