Bischof Stecher Gedächtnisverein

Hirtenbrief zur Adventopfersammlung "Bruder in Not"

1. Dezember 1989

Liebe Gläubige!

In den Tagen vor Weihnachten erklingt bei vielen Gelegenheiten das alte Volkslied: „Wer klopfet an ...?“, das die Herbergsuche in Bethlehem in einer Wechselrede schildert. Das Lied mit seinem weihnachtlich-gemüthaften Charakter dürfte den meisten von uns schon aus der Kinderzeit bekannt sein.

Im Adventaufruf für „Bruder in Not“ muss ich dem alten Lied ein paar höchst moderne Strophen anfügen.

Wer klopft an?

Die Heilige Familie klopft heute nicht mehr an. Aber an unsere Türen und Herzen klopft die Not der Welt. Aus Zaire klopft die Don-Bosco-Schwester Hildegard an, die viele Jahre in Innsbruck und Stams gewirkt hat, und die nun in ihrer Krankenstation die Schwerkranken und die schwangeren Frauen auf den Boden legen muss, weil nur zwei Betten da sind.

Aus Brasilien klopft der Bischof von Chapeco an, der in einem Gebiet, in dem eine bitterarme Landbevölkerung wohnt, mit größter Anstrengung ein Krankenhaus gebaut hat. Aber die notwendigen chirurgischen Einrichtungen schafft er bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen der Familien von S 1500.- nicht. Mit einer Million Schilling wären die Probleme bereinigt.

Schwester Herlinde Moises meldet sich aus Kolumbien, wo zwei Inseldörfer endlich eine Trinkwasserversorgung erhalten sollen. Die bisherige Lösung war eine hygienische Katastrophe. Wie hat Jesus einmal gesagt? „Wer einem dieser Geringsten einen Becher Wassers gibt ... !“

Es klopfen noch viele an. Der Sachbearbeiter für „Bruder in Not“ hat das ganze Jahr hindurch alle Hände voll zu tun. Nebenbei - zur Information: Der Verwaltungsaufwand in der Diözese beträgt für „Bruder in Not“ 0,77%. Er wird aus einem Teil des Zinsendienstes bestritten.

Seitdem die Barrieren für die Hilfe zusehends fallen, klopfen auch immer mehr die Christen des Ostens an.

Darum hat das alte Weihnachtslied so viele neue Strophen bekommen.

Und auch in den modernen Strophen klopft der Herr an, der immer auf der Seite der Armen steht. Ich weiß, dass Er bei Euch nicht umsonst anklopft, und ich danke Euch schon jetzt dafür. So wünsche ich allen einen gesegneten Advent!

 

Dr. Reinhold Stecher,

Bischof von Innsbruck

 

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