Bischof Stecher Gedächtnisverein

Fastenhirtenbrief "Die Vierzig-Tage-Reise des Elias"

1. Feber 1989

Liebe Schwestern und Brüder!

Vielleicht erscheint es im ersten Augenblick etwas weit hergeholt, wenn ich am Beginn unseres gemeinsamen Weges in die vierzigtägige Fastenzeit des Jahres 1989 an eine vierzigtägige Reise erinnere, die ein Mann Gottes vor fast drei Jahrtausenden unternommen hat. Aber in der Wanderung des Propheten Elias steckt so viel Zeitloses wie in allen Worten und Erzählungen der Heiligen Schrift.

 

Die Flucht aus Angst und Enttäuschung

Elias beginnt seine Reise in einer Art Panikstimmung. Alles, was er für die Sache Gottes in Israel unternommen hat, ist schief gelaufen. Sein Versuch, den wahren Glauben im Volke Israel aufzurichten, ist gescheitert. Das Heidentum, das vielen geheimen Wünschen mehr entgegenkam und kulturell überlegen war, hatte sich als stärker erwiesen. Er muss fliehen. Wie der Prophet sich nach der ersten Wegstrecke ermüdet unter einen Ginsterstrauch wirft, ist er von zwei Gefühlen beherrscht: der Angst und der Enttäuschung. Und sein Gebet drückt nur noch eine Klage aus: „Herr, mir reicht's ...“

Ist es nicht so, liebe Gläubige, dass heute in unserer Kirche diese beiden Gefühle bei vielen Leuten die Oberhand zu gewinnen scheinen? Sind die einen nicht von der Angst geprägt, dass das Böse rundum übermächtig wird? Dass allenthalben die Sittlichkeit zusammenbricht, dass die Kirche selbst von Unglauben und Abfall überschwemmt wird? - Und erfahren andere nicht eine lähmende Enttäuschung, weil sie fürchten, dass positive Aufbrüche zurückgedrängt werden und dass in der Kirche wieder Mentalitäten aufkommen, die gegen den Geist des Konzils die eigentlichen Probleme der Menschen nicht wahrnehmen und die zentralen Wahrheiten des Heils verdunkeln? - Beides gibt es in der Kirche, diese Ängste und diese Enttäuschungen. Und beides demoralisiert in seiner Art und rät zur Flucht. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass sowohl die Angst wie die Enttäuschung dem Menschen eine Brille verpassen, die alles negative übergroß werden lässt und alles Positive unsichtbar macht. Wie Elias später sich wieder etwas gefangen hat, musste Gott ihm sagen: Es gab und gibt im Lande Tausende, die Gott treu geblieben sind - aber die hast du glatt übersehen! - Wer sich von Angst und Enttäuschung übermannen lässt, übersieht auch heute in Kirche und Welt das Gute, das überall da ist.

 

Die Speise der Ermutigung

Die Heilige Schrift berichtet weiter, dass der resignierende Prophet in den Schlaf des Erschöpften verfiel. Damit deutet sie wie an anderen, ähnlichen Stellen an, dass das Folgende ein Traumerlebnis ist, einer jener Offenbarungsträume, in denen der Herr in die Tiefen der Seele hineinspricht und Entscheidendes sagt. Zu Elias sagt Er: „Steh auf und iss! Sonst wird der Weg zu weit für dich!“ Und Elias steht auf und isst das Brot und trinkt das Wasser, das zu seinen Häupten steht. Und er geht in der Kraft dieser Speise vierzig Tage und vierzig Nächte lang zum Gottesberge Horeb ...

Man kann, liebe Andächtige, darüber nachdenken, was dieser Trank und diese Speise wohl bedeuten könnten. Ich möchte diese alltägliche, gewöhnliche und doch geheimnisvoll kräftigende Nahrung im Licht eines Wortes Christi sehen, der einmal gesagt hat: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat!“

Ist also die Speise für den Marsch durch die Wüste nicht einfach die Aufforderung, unbeirrt und unverdrossen den Willen Gottes zu tun, das Evangelium ins Hier und Heute zu übersetzen, im persönlichen Bemühen, im Kontakt von Mensch zu Mensch, in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Gemeinde, in der Kirche, in der Gesellschaft? Liegt in einer unbeirrbaren Treue zum Evangelium nicht eigentlich die große Kraft des Christseins? Überbrücken wir nicht damit die Trockenzonen des Lebens, durchtauchen wir nicht auf diese Weise die Tiefen der Traurigkeit? Ist nicht gerade dieses schlichte Christsein im Alltag ein unübersehbares Zeichen, dass Gottes Geist unsere Kirche trotz der oft hochgespielten innerkirchlichen Problematik führt und leitet? Ist denn die Sache Christi nicht eigentlich durch dieses beharrliche Weitermachen durch die Jahrhunderte getragen worden, und nicht durch irgendwelche Spiele der Macht, des Einflusses und der Selbstbehauptung? - In den vergangenen Jahren bin ich bei den unzähligen Kontakten und .Besuchen im ganzen Land so oft und so beeindruckt dem unverdrossenen Guten begegnet, dass ich gut verstehen kann, was Christus mit dem Trost dieser Speise gemeint hat. Machen wir also weiter - im Bemühen um lebendiges Beten und christliche Grundhaltungen, um einen ansprechenden Gottesdienst und eine geschwisterliche Kirche, um eine Kultur der Liebe und um eine partnerschaftliche Ehe, um Hilfsbereitschaft und soziale Wachheit, um persönlichen Vollzug der Umkehr und eine innere Bereitschaft zum Verstehen und Verzeihen und um eine menschenwürdigere Welt. Machen wir weiter, und bleiben wir nicht aus Angst und Enttäuschung in den dürren Ginsterstauden der Resignation liegen!

 

Das Glück der Begegnung mit Gott

Elias ist zum Gottesberge Horeb gewandert. Er hat gespürt, dass er bei seiner Verfassung und in der Bedrängnis dieser Situation einfach zum Ursprung des Heils zurückkehren muss. Und er ist dem Herrn auf dem Berg begegnet. Er hat Gott nicht gesehen. Niemand kann Ihn sehen. Niemand kann Ihn erfassen. Aber der Herr hat sich ihm in einem wunderbaren, unmissverständlichen Zeichen geoffenbart.

Zunächst zogen an Elias die Bilder der Macht und des Schreckens vorüber: Ein Sturm tobte um die Felsen - aber der Herr war nicht im Sturm. Ein Erdbeben ließ die Steine bersten - aber der Herr war nicht im Erdbeben. Blitze zuckten vom Himmel - aber der Herr war nicht im Blitz. Und dann kam ein leises, sanftes Säuseln des Windes - und aus ihm sprach der Herr zu Elias. Was hat Gott mit .diesen Zeichen sagen wollen? Elias war ein verbitterter, aufgebrachter, enttäuschter, von Ängsten getriebener und im Urteil gegen andere hart gewordener Mensch. In seiner Seele gibt es die lähmende Schwüle der Resignation, die Gewitter der Verbitterung, die Stürme der Empörung, die dunklen Wolken der Ängste, die Blitze der Aggression und der Unbarmherzigkeit. Und darum soll Elias erfahren, dass der Herr ein Gott der Liebe ist. Und diese Szene am Berge ist eine der schönsten Stellen des Alten Bundes, in denen sich der barmherzige, gütige und geduldige Gott offenbart.

Ich brauche wohl nicht auszuführen, liebe Gläubige, was diese Begegnung des Elias mit Gott für uns und für die Kirche des Jahres 1989 bedeutet. Die Parallelen mit dem Wanderer vor 3000 Jahren sind zu auffällig.

Wir wollen uns also auch auf die 40tägige Reise machen, die Speise des Willens Gottes suchen und auf den Berg wandern, der das Geheimnis von Ostern bereithält. Und wenn wir dann nach einer Wegstrecke der Umkehr, der Einkehr und der Heimkehr den sanften Windhauch spüren, den der Auferstandene über die Erde sendet, dann werden wir begreifen, dass der christliche Glaube trotz aller Dunkelheiten und Fragezeichen ein Glück ist. In diesem Sinne wünsche ich euch eine gesegnete Fastenzeit!

 

Innsbruck, Aschermittwoch 1989

Reinhold Stecher

Bischof von Innsbruck

 

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