Bischof Stecher Gedächtnisverein

Fastenhirtenbrief "Vom Sinn des großen Festes"

15. Feber 1988

Liebe Gläubige!

Das Jahr 1988 bringt für die Diözesen Innsbruck und Feldkirch einen großen Tag: den Gottesdienst mit dem Heiligen Vater auf dem Bergisel.

Es ist wohl aus mehreren Gründen gut, nach dem tieferen Sinn einer derartigen Feier zu fragen. Einmal wegen der vielen, die aus den Gemeinden und Tälern aufbrechen werden, um dabeizusein: Sie sollen wirklich aus der Tiefe des Glaubens mitfeiern. Und dann wegen der vielen, die jetzt schon mit großem Einsatz mit der Vorbereitung beschäftigt sind: Sie müssen wissen, welchem Ziel ihre selbstlose Arbeit gilt. Und schließlich auch wegen der durchaus guten und engagierten Katholiken, die einer solchen Massenveranstaltung etwas reserviert gegenüberstehen, weil sie fürchten, dass ein derartiges Fest falsche Akzente bekommen könnte: Ihnen möchte ich sagen, dass auf dem Bergisel weder eine Sensation noch ein Spektakel, noch eine triumphalistische Machtpräsentation, noch ein Personenkult in Szene gehen soll. Und darin darf ich mich mit dem Heiligen Vater eines Sinnes wissen, weil er ja durchaus pastorale Ziele im Auge hat.

Was aber ist der Sinn eines großen Miteinanders von Heimat- und Weltkirche? Was ist der Sinn eines Festes, das nicht nur ein vorbeihuschendes Erlebnis werden soll, sondern ein Ereignis mit Strahlkraft in den Alltag und die Zukunft?

1. Die Stunde auf dem Bergisel ist zunächst die Stunde des Herren. Nichts darf diesen Blick auf Christus verdrängen. Er ist das strahlende Zentrum unseres Beisammenseins, die Mitte der Welt und das Herz der Heimat.

Vielleicht denkt sich da aber jemand: Diesem Christus kann ich auf viele Weisen begegnen - in der Messfeier einer intimen Gemeinschaft, im stillen Gebet, beim Lesen der Heiligen Schrift oder im Einsatz für den Nächsten - dazu brauche ich keine Großveranstaltung im Skistadion ...

Das ist auf der einen Seite richtig, und auf der anderen wird doch etwas übersehen: Christus will bei uns auch im großen Miteinander der Kirche gegenwärtig sein. Das Einssein der Gläubigen hat Er ja noch in seinen letzten Worten vor dem Leiden so betont. Und darum hat auch einmal die alles umspannende, feiernde Großgemeinschaft ihren Sinn. Wir haben das in Tirol sowieso nur sehr selten, aber es besteht gerade jetzt in der Kirche dafür eine gewisse Aktualität. Wir wollen uns ja nichts darüber vormachen, dass es heute in der Kirche neben aller berechtigten Vielfalt auch eine Gefahr des Auseinanderdriftens in Richtungen und Flügel, Gruppen und Grüppchen gibt. Am Bergisel sollten sich alle einmal um diesen Christus, der die Arme ausbreitet, versammeln: die treuen Traditionsgebundenen und die wacheren Fortschrittlichen, der Intellektuelle und die Bergbäuerin, das Mitglied der Legio Mariä und der junge Mensch aus der Dritten-Welt-Gruppe, der politische Verantwortungsträger und der Mann aus der KAB, der Laientheologe und die alte Rentnerin, die ihre Theologie aus dem Rosenkranz schöpft, der zweifelnde Sucher und der schlicht Glaubende. So ist nämlich unsere Kirche, und so, wie sie ist, umarmt sie der Herr. Und das soll auch einmal sichtbar werden. Wir können diese alle berührende Einheit mit Christus nicht nur mit Worten beschwören. Darum will die Stunde am Bergisel die Stunde des Herrn sein, der alle umarmt.

2. Und zum zweiten soll diese Stunde die Stunde des gemeinsamen Glaubens sein.

Bei jeder heiligen Messe beten wir - ohne uns viel dabei zu denken: „Schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben Deiner Kirche ...“ Wir sind vielleicht heute ein wenig geneigt, den Glauben nur als eine persönliche, höchst private Sache zu betrachten. Aber wenn wir am Bergisel mit dem Heiligen Vater das Glaubensbekenntnis beten, dann blüht dieser die ganze Offenbarung umfassende Glaube der Kirche empor, dieser Strom heilbringender Wahrheit, der durch die Jahrtausende fließt, trotz mancher Verschiedenheiten und Unsicherheiten in Detailfragen. Und diese Stunde des gemeinsamen Glaubens erhält zweifelsohne einen einmaligen Akzent durch die Anwesenheit des Heiligen Vaters.

Nicht nur deshalb, weil dieser Papst dasselbe Glaubensbekenntnis mit den Slumbewohnern südamerikanischer Großstädte, mit Hochlandindianern; mit Indern und Afrikanern und unzähligen Christen in allen Ländern und Sprachen der Erde gebetet hat. Nein, wenn wir mit dem Papst das Glaubensbekenntnis beten, dann fühlen wir etwas vom Felsen Petri, und wir erinnern uns daran, dass dem Nachfolger des Petrus eine besondere Hilfe des Heiligen Geistes versprochen ist, wenn es darum geht, eben diese geoffenbarte Wahrheit zu schützen, damit das große Christusmysterium trotz aller menschlichen Unzulänglichkeit unverfälscht weiterströmt durch die Zeit. Darum ist die Stunde am Bergisel die Stunde des gemeinsamen Glaubens.

3. Und schließlich soll die Stunde am Bergisel die Stunde der Heimat sein.

Das Bergiselstadion wurde nicht nur aus Gründen der Zweckmäßigkeit gewählt. Der Bergisel ist ein Ort, an dem sich Schicksal und Geschichte, Vergangenheit und Gegenwart der Heimat verdichten wie kaum wo. Dieser Hügel über Wilten hat im Römerlager zu seinen Füßen die Gebete der ersten Christen gehört, Kaiserzüge, Kreuzfahrer und Wandermönche sind an ihm vorbeigezogen, er hat das Stöhnen von Verwundeten und Sterbenden vernommen und den Jubelschrei über die Goldmedaille im Schisprung. Er hat Siege und Feierstunden erlebt, und birgt doch die Erinnerung an Zehntausende von Gefallenen, das namenlose Leid von Witwen und Waisen und den Wahnsinn der Kriege. Er hat die Angst der Menschen gefühlt, die in den Bombennächten in sein Inneres geflohen sind, und heute tummeln sich auf ihm die Gäste aus aller Welt, und durch ihn braust der Verkehr Europas in allen Richtungen, mit all den Problemen, die damit heute für unser Land verbunden sind. - Ich weiß wirklich keinen Ort, an dem Tirol mit dem Gestern und dem Heute, mit Licht und Schatten, mit seinen Ängsten und Hoffnungen so präsent ist wie am Bergisel. Und darum wollen wir, liebe Tirolerinnen und Tiroler, gerade dort zusammen mit dem Heiligen Vater für die Zukunft unseres Landes und seiner Kirche beten. Es geht dabei wahrhaftig nicht um einen pathetischen Patriotismus, der nicht mehr in unsere Zeit passt, sondern um ganz konkrete und aktuelle Anliegen: um lebendigen Glauben, eine menschenwürdige Heimat und den Mut zum Morgen. Und dieses Morgen soll im großen Kinderfest seinen Widerhall finden, das am Nachmittag den Ausklang des Papstbesuches bildet.

Liebe Kinder, liebe Mädchen und Buben! Ich hoffe, dass viele von euch an diesem Tag nach Innsbruck kommen können. Es ist wohl das erstemal, dass so viele Kinder in der Hauptstadt zusammenkommen, um miteinander zu singen, zu spielen und zu beten. Es ist auch das erstemal, dass der Papst in einem Land von den Kindern verabschiedet wird. Ich glaube, dass das ein schöner Abschied wird. Wenn er euch segnet, dann segnet er ja die Zukunft unserer Heimat.

Liebe Gläubige! So sollten wir dieses Fest mit dem Heiligen Vater am 27. Juni sehen: Als eine Stunde des Herrn, der uns alle umarmt, als eine Stunde des gemeinsamen Glaubens, der im Felsen Petri seinen Halt hat, und als eine Stunde der Heimat, für die wir Gottes Segen erflehen. Und Unsere Liebe Frau, zu der in so vielen Wallfahrtsorten Tirols das Vertrauen der Menschen pilgert, wollen wir bitten, dass sie uns alle mit diesem Fest eine tiefere Verbundenheit mit ihrem Sohn erflehe!

 

Innsbruck, 10. Februar 1988

Reinhold Stecher

Bischof von Innsbruck

 

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