Bischof Stecher Gedächtnisverein

Hirtenbrief zur Pfarrgemeinderatswahl

2. Jänner 1987

Liebe Gläubige! ·

In einigen Wochen stehen wie in ganz Österreich auch bei uns Pfarrgemeinderatswahlen ins Haus. Vermutlich wird es so manchen Katholiken geben, der sich dafür nicht sonderlich interessiert, weil er vielleicht dem kirchlichen Leben etwas ferner steht, oder·weil er zwar durchaus zum religiösen Leben bejahend eingestellt ist, aber sich eben sagt: Wozu braucht es das? Früher war das auch nicht nötig! Eine Pfarrgemeinderatswahl geht - im Vergleich zu politischen Wahlen - natürlich ohne großem Aufwand über die Bühne. Es geht nicht um Parteien, Programme und Versprechungen, es gibt keine Wahlreden, Plakate und Lautsprecher. Es geht um Personen, Frauen und Männer, Vertreter der Generationen und der verschiedenen Bevölkerungsschichten in einer Pfarre. Und es geht damit um jene Menschen, die das Leben der Kirche in einer Gemeinde tragen, ganz gleich, ob der Widum besetzt oder unbesetzt ist. Und wie so oft im Leben, ist darum auch in diesem Fall, auf weite Sicht gesehen, das Leise und Bescheidene wichtiger als so manches spektakuläre Ereignis.

Vielleicht kann ich das, worum es bei der Einrichtung des Pfarrgemeinderats geht, besser mit einem kleinen Erlebnis demonstrieren, als mit weitschweifigen theoretischen Darstellungen.

Es ist Abend geworden. In einer großen Tiroler Pfarre geht ein Besuchstag des Bischofs zu Ende, der durch Kindergärten und Schulen, Gemeinderat und Lehrkörper, Krankenzimmer und Jugendgruppe geführt hat. Und nun sitzen wir mit dem schon betagten Pfarrer in einem Kreis von etwa 25 Personen im Pfarrgemeinderat beisammen. Und die Rede ist schon zwei Stunden lang von dem, was die Kirche in Welt und Heimat bewegt, und was es für Aufgaben am Ort gibt. Es ist in diesem Kreis alles vertreten, was zu einem Tiroler Dorf gehört: Jugend und Senioren, Schützen und Musikkapelle, Kirchenchor und Frauenbewegung, Sozialkreis und Liturgieverantwortliche, Vizebürgermeister und Betriebsrat, KAB und Fremdenverkehrsverband ... Im Laufe des Gesprächs kommt es am Ende zur natürlich etwas beklommenen Feststellung, dass gerade dieser Ort, eine sogenannte Urpfarre mit tausend Jahren Seelsorgsgeschichte, früher immer einen Pfarrer und zwei Kooperatoren hatte, und nun nur einen und das schon älteren Priester. Und dabei zählt die Gemeinde etwa doppelt so viele Einwohner ... Mitten in dieser sorgenvollen Wende des Gesprächs meldet sich der Pfarrer zu Wort und sagt: „Das ist schon richtig, dass früher mehr Priester waren. Aber kein einziger Pfarrer in den letzten tausend Jahren hatte so viele Mitarbeiter wie ich!"

Mit diesem Wort hat dieser aufgeschlossene, alte Priester den Nagel auf den Kopf getroffen. Mit diesem Wort ist das neue Antlitz der Kirche von heute gezeichnet, mit diesem Wort ist auch angedeutet, welche Veränderung die Kirche braucht, damit sie den Auftrag Christi in der Welt von. morgen wahrnehmen kann, mit diesem ist die positive Chance des sicher bedrängenden Priestermangels umrissen, und mit diesem Wort ist eigentlich auch recht einfach zum Ausdruck gebracht, was Pfarrgemeinderatswahlen bedeuten.

Zur Mitarbeit animierte und verantwortungsbewusste Pfarrgemeinderäte - wie im eben genannten Beispiel, sind eine echte Hoffnung für das Morgen. Es kann ohne weiteres sein, dass es in manchen Situationen auch ohne diese Einrichtung vielleicht ganz gut gegangen ist, möglicherweise auch auf Grund einer besonderen pastoralen Fähigkeit eines Priesters. Aber auf weite Sicht gesehen kann man nicht darauf bauen, dass immer jemand mit so überdurchschnittlicher Arbeitskraft da sein wird, und immer muss man damit rechnen, dass er seine Arbeitskraft etwas weiter und rationeller verteilen muss. Und darum braucht es einfach Trägerschaft der Verantwortung aus der Gemeinde.

Wenn ich es zum Schluss mit einem bildhaften Vergleich unterstreichen darf: Alte Brücken haben mächtige starre Pfeiler aus Stein oder massivem Mauerwerk, die die Last der Brücke tragen. Die Europabrücke mit ihrer ungeheuren Belastung wird keineswegs von massiven Pfeilern getragen, auch wenn es zunächst so aussieht. Ihre dünnwandigen Riesenpfeiler sind ein einziges Bündel von Stahlstrang neben Stahlstrang, ganz ähnlich wie bei der wunderbaren ·Konstruktion eines Getreidehalms. Und gerade deshalb, weil sie ein Bündel von vielen Trägern bilden, sind die Pfeiler der Europabrücke so elastisch und so leistungsfähig. - Früher wurde die Brücke der Kirche im wesentlichen nur durch die Steinpfeiler des Klerus getragen, heute braucht sie die gebündelte Kraft der Gemeinde. Und wenn es gelingt, solche Pfeiler zu errichten - und die Pfarrgemeinderatswahlen sind ein Schritt dazu - dann habe ich für die Brücke des Heils, die die Kirche ist, keine Angst für die Zukunft, auch wenn die Belastung größer wird.

Mit einem Wort des heiligen Paulus, der von der Sorge um die Gemeinden ganz erfüllt war, möchte ich schließen: „Und·das alles, liebe Brüder, geschieht, um eure Gemeinden aufzubauen ... " (2 Kor 12,19).

 

Innsbruck, Dezember1986

Mit herzlichem Segensgruß

Reinhold Stecher

Bischof von Innsbruck

 

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