Bischof Stecher Gedächtnisverein

Fastenhirtenbrief "Geistliche Berufe"

15. Feber 1985

I.

Liebe Gläubige!

Wenn man sich fragt, was denn für die lebendige Kirche von heute wichtiger sei, der wache, aktive Laie oder der Dienst des geistlichen Berufes, dann kann man nur sagen: Beides ist wichtig, und keins ist gegen das andere auszuspielen. Es ist wie in der Natur: Der gesündeste Wald ist der Mischwald. Aber als bei uns vor einigen Jahren das Tannensterben begann, da war es doch ein Vorzeichen, dass der ganze Wald schon in Gefahr war, so wie wir es heute erleben. So ist es auch in der Kirche. Wenn die geistlichen Berufe zu sterben beginnen, wenn die Hochherzigkeit aufhört, Gott in einer besonderen Weise das Leben zu schenken, dann ist das ein Alarmzeichen für die Kirche als Ganzes. Die Lücke ist nicht einfach mit etwas Umorganisieren und Neuverteilen von Funktionen geschlossen, so wichtig die Übernahme bestimmter Aufgaben durch Laien ist. Die Formen der Lebenshingabe und der besonderen Jüngernachfolge auf dem Weg der evangelischen Räte, sei es als Schwester oder Bruder, als Welt- oder Ordenspriester, in der Heimat oder in der weiten Welt, sind unverzichtbare Glaubenszeichen einer lebendigen Kirche, so wie die Tannen zum gesunden Mischwald gehören.

Die geistlichen Berufe sind in unserer Heimat zwar nicht im Sterben, aber doch in Gefahr, in einigen Bereichen in ernster Gefahr. Unser Herr Jesus stand auch einmal unter dem beklemmenden Eindruck, dass die Ernte groß sei, aber dass es zu wenig Arbeiter gäbe. Er hat dann aufgerufen, sich der Berufungen anzunehmen und dafür zu beten. Diesen Appell Christi möchte ich in die Kirche der Heimat hinein weitersagen, vor allem in jene Kreise, die es besonders angeht. ·

1. Und so richte ich das erste Wort an die Pfarrgemeinden. Von dort her wird ja das Problem so oft an mich herangetragen. Es gibt Gemeinden, die die Lücke bereits zu spüren bekommen haben, und es gibt solche, die sie befürchten müssen: Dass die letzten Schwestern aus dem Altersheim ausziehen, dass die Pfarre mit einer anderen zusammengelegt wird, dass der Kooperator nicht ersetzt werden kann ... Es ist richtig, dass eine lebendige Gemeinde die priesterlose Zeit am besten überdauert, und doch weiß man gerade dort, was ein verwaister Altar, ein verstaubter Beichtstuhl, ein leeres Pfarrhaus bedeuten. - Darum hoffe ich, dass dieser Appell um geistliche Berufe in den Pfarrgemeinderäten und Gemeinden zum konkreten Anliegen wird. Die lebendige Gemeinde ist nicht nur der Weinberg des Seelsorgers, in dem er arbeitet, sie ist auch der Boden, aus dem er wachsen muss, sie ist der Halt, den er braucht, die Orientierung, die ihm hilft, und manchmal auch die Geduld, die ihn erträgt. Das Entscheidende für die Weckung geistlicher Berufe ist nicht nur eine schön gefeierte Primiz, wie sie bei uns im Volksbrauch tief verankert ist. Das Wichtigste wäre ein Kreis von Menschen mit Glaubensgeist, mit Sinn für das Heilige, einer Hochschätzung des Sakraments, einem Ja zur Kirche und einem tiefen Gespür für Gott. Eine lebendige Gemeinde kann durchaus die Wolke sein, aus der der Regen der Berufung fällt.

2. Und dann möchte ich ein Wort zu den Eltern sagen. Die Zeit verlangt Eitern, die zum geistlichen Berufswunsch eines Sohnes oder einer Tochter die Zustimmung des Herzens geben. Und das ist heute, wenn die Sache wirklich konkret wird, gar nicht so einfach. Ich glaube, dass Eltern heute viel stärker das Wagnis spüren, das mit diesem Schritt verbunden ist. Es ist ja verständlich, dass man sich zunächst fragt: „Wird für mein Kind hinter der Klosterpforte oder der Tür zum Priesterseminar wirklich der Weg zum rechten Platz im Leben führen, wird es alles durchstehen, wird es glücklich werden?“ Vielleicht spüren Eltern in diesem Augenblick auch einen kühlen Hauch von Abschied, der nicht leicht fällt. Christus hat nicht umsonst vor seinen Jüngern von dieser Loslösung gesprochen. In irgendeiner Form kommt sie zwar immer, auch dann, wenn Kinder später heiraten und ihre Wege gehen, für die es natürlich auch nicht alle Garantien unbeschwerten Glücks gibt. Aber der geistliche Beruf erfordert heute von den Eltern doch ein besonderes Opfer, einen besonders tiefen Glauben. So möchte ich Sie bitten, aus diesem Glauben heraus einer geistlichen Berufung nicht im Wege zu stehen, sich zum „Ja“ durchzuringen (es sei denn, Sie hätten sachliche Bedenken), und Ihr Kind auf dem langen Weg der Klärung mit Gebet und Verständnis zu begleiten, in allem seine Freiheit zu respektieren, und im übrigen auf Gott zu vertrauen, der Großmut nie enttäuscht.

3. Und dann darf ich mich auch an die Jugendgemeinschaften der Kirche wenden. Während ich diese Zeilen schreibe, hat mir die Katholische Jugend eines unserer Dekanate das Anliegen schon abgenommen. Sie ist dabei, reihum Jugendvespern um geistliche Berufe unter·dem Leitwort „Die Sache Jesu braucht Begeisterte“ zu veranstalten. Es gibt heute im Programm der Jugend neben allen Aufgaben in Gesellschaft und Welt so viele Akzente, die zum Wesentlichen und nach Innen weisen, wie Ministrantendienst, Einkehrtage und Nachtwallfahrten, Gebetskreise und „Skiwochen mit dem Evangelium“. Ich glaube, dass hier eine Atmosphäre wachsen kann, die einem jungen Menschen hilft, wenn er sich entschließt, Schwester oder Priester zu werden. Ihr müsst ja bedenken, dass er in der Gesellschaft kaum Stütze oder Bestätigung findet, manchmal eher das Gegenteil. Und deshalb ist das Wissen um eine Gemeinschaft, die ihn stützt und versteht, so wichtig. Man muss nur bedenken, wie viele Hindernisse der weit verbreitete Lebensstil der sexuellen Frühbegegnung für den geistlichen Beruf aufbaut. Darum braucht es Kreise, in denen man um eine echte Kultur der Liebe ringt, die um das Reiferwerden und Wartenkönnen weiß, und auf diese Weise den Raum der Freiheit wahrt.

 

II.

 4. Bei der Besinnung zum Thema der „geistlichen Berufe“ muss ich auch ein Wort an alle meine Brüder und Schwestern im geistlichen Beruf selbst richten. Das Thema macht uns alle ja schon deshalb betroffen, weil wir aus unserer Lebenserfahrung als Priester oder Ordensleute wissen, dass die geistliche Berufung nicht etwas ist, was man mit einer Entscheidung in den Tagen der Jugend hinter sich hätte. Das Ringen um diese Berufung· bleibt ein Leben lang aktuell. Auch im Evangelium gibt es immer wieder neue Szenen, in denen Christus dieselben Jünger zur Nachfolge ruft und aussendet. Bei uns ist es ganz gleich - wir müssen immer neu gerufen werden. Wir sind ja selbst Unfertige, und wir wissen nur zu gut, dass in unseren Klöstern und Pfarrhäusern - um im Jargon unserer Zeit zu sprechen - nicht lauter geistliche „Superfrauen“ und „Supermänner“ hausen. Aber trotzdem wird es für die Motivation des Nachwuchses sehr entscheidend sein, wie wir uns mit unseren schwachen Kräften bemühen, wie wir leben und reden, denken und handeln, ob wir strahlen oder verdunkeln. In unserem Berufsstand gibt es einen hohen Prozentsatz von älteren Menschen. Wir werden uns daher bemühen müssen, das Lebensgefühl und die Denkungsart junger Menschen zu verstehen Wir müssen immer abwägen, was an Traditionen wirklich wesentlich und was unwesentlich ist. Vielleicht dürfen wir auch nicht zu viel mit verklärten Erinnerungen aus guten, alten Zeiten aufwarten. Im übrigen ist die derzeitige junge Generation im geistlichen Stand unvernünftigen Radikalismen eher abhold, und es gibt bei ihr ein gutes Gespür für spirituelle Echtheit. Wir brauchen nicht mutlos zu werden.

5. Von besonderer Aktualität ist natürlich das Wort an die jungen· Menschen selbst. Liebe Freunde, ich möchte in diesem Hirtenbrief nicht einfach die Werbetrommel rühren und den geistlichen Beruf im Stile eines Fremdenverkehrsprospektes in den buntesten Farben ausmalen. Dieser Ruf Christi war nie problemlos. Er hat nie zur unbeschwerten Fahrt ins Blaue eingeladen. Die hier geforderten Formen des Verzichts kann und will ich nicht verharmlosen. Ich darf allerdings auch nicht verschweigen, dass in diesem Beruf bei der nötigen seelischen Gesundheit, einem entsprechenden beruflichen Einsatz und einer gewachsenen Frömmigkeit ein hohes Maß von erfülltem Leben geschenkt werden kann. - Aber mir geht es eigentlich darum, dass diejenigen unter euch, an die dieser Ruf herankommt, ihn im Lärm und in der Oberflächlichkeit unserer Zeit nicht überhören. Der Ruf kann sich als ein immer wieder auftauchender Gedanke melden, als ein Lebensentwurf, der sich in stillen Stunden entfaltet, als ein Betroffensein in menschlichen Begegnungen, als ein immer wieder keimender Drang zum Helfenwollen, als ein Ergriffensein von Christus. Ich möchte nur - und das ist mein Anliegen in diesem Hirtenbrief-, dass Du die Chance nicht verpasst oder überhörst. Denn wenn man bedenkt, was ein guter Seelsorger, eine gute Schwester in der Welt für Spuren hinterlässt, dann ist das eben eine Chance für die Kirche, für die Menschen, und für Dich! In unserer Zeit wird die Erscheinung des Spätberufenern immer häufiger. Er bringt etwas mit, was Jüngere nicht haben: ein Stück Leben, eine reichere Erfahrung, ein realistischeres Wissen um Probleme, Nöte und Situationen, ein festeres Gefügtsein in Überzeugungen. Der Spätberufene hat auch ein Handikap: das mühsame Zurück auf die Schulbank und eine nicht so große Beweglichkeit in der Umstellung. Aber das alles ist klein im Verhältnis zu dem, was der oder die Betreffende danach wirken kann. Im Reich Gottes gehen die Lebensuhren anders. Es gibt keine verlorenen Jahre, kein „zu spät“ im Sinne einer weltlichen Berufslaufbahn oder Karriereplanung. Das Dienenwollen und Dienendürfen für Gott und sein Reich ist alles.

6. Liebe Gläubige, am Ende dieser Besinnung zum geistlichen Beruf, der sicher eine Lebensfrage für die Kirche darstellt, wird mir so recht bewusst, wie wenig im letzten doch das Berufenwerden machbar und manipulierbar ist. Darum vertraue ich so sehr auf die letzte Gruppe, die ich ansprechen möchte, die Opfernden und Betenden. Ich vertraue auf die Menschen in den Krankenbetten und Rollstühlen, in den verschiedensten Belastungen und Einsamkeiten, die das Gebet so wertvoll machen. Ich vertraue auf die alten Hände, durch die die Rosenkränze gleiten. Und ich vertraue auf die Fürbitte unseres Märtyrerpriesters Otto Neururer, der für diese Berufung sein Leben hingegeben hat.

Und wir alle können uns in der Sorge um die geistlichen Berufe an das Wort des heiligen Paulus erinnern:

„Gott kann durch die Macht, die in uns wirkt, unendlich viel mehr tun, als wir erbitten oder ausdenken können. Er werde verherrlicht durch die Kirche und durch Christus Jesus in allen Generationen...“ (Eph 3,20) Amen.

 

Innsbruck, am Beginn der Fastenzeit 1985

Reinhold Stecher

Bischof von Innsbruck

 

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