Bischof Stecher Gedächtnisverein

Hirtenbrief zur Adventopferaktion "Bruder in Not"

15. November 1984

Liebe Gläubige!

Im Advent und in der Weihnachtszeit freuen wir uns an den Spielen des Lichts, an Kerzenflammen auf Kränzen und Bäumen, an Sternen und leuchtenden Girlanden in den Schaufenstern. Aber das alles wird überboten von jenem Scheinwerfer, der alle Jahre um diese Zeit von Tirol aus zu kreisen beginnt, über Meere und Kontinente wandert und dank Eurer Hilfe immer wieder stark genug ist, etwas Helle dorthin zu bringen, wo die Welt am dunkelsten ist. Unser Scheinwerfer der tätigen Liebe heißt „Bruder in Not“.

So möchte ich Euch einladen, der Reiseroute dieses Lichtkegels zu folgen, die für heuer geplant ist.

Zunächst verweilt der Strahl ein wenig auf unserem Land. Auch hier gibt es schattige Winkel, in denen geholfen werden muss. Und wenn die Kirche auch keine Wirtschaftswunder vollbringen kann, so muss sie doch da und dort ein Zeichen der Liebe setzen.

Dann aber schwenkt der Lichtkegel über den Ozean. Im Nordosten Brasiliens sind Millionen Menschen in Not, und man weiß nicht, was schlimmer ist: die unbarmherzige Dürre, die über dem Land seit Jahren lastet, oder das rücksichtslose Wirtschaftssystem, das so vielen Menschen keine Chance gibt. „Bruder in Not“ will in zwanzig Diözesen des Nordostens ein Selbsthilfeprogramm ankurbeln. Selbsthilfe - das ist nicht eine milde Gabe für den nächsten Teller Suppe, sondern so etwas wie eine Injektion für Lebensmut von morgen: vom Brunnenbau über den Gemeinschaftsgarten bis zum Kleintierstall für Schafe und Kaninchen. Die Kleinbauern brauchen keinen gewaltigen Kapitalstoß, damit sie auf ihrem Boden ihre Familien ernähren können. Sie brauchen nur einen kleinen Zündfunken, das Allernötigste, vor allem Wasser. Und diesen Zündfunken soll unser Scheinwerfer bringen. Er wird damit viele menschliche Tragödien verhindern.

Dann tastet der Strahl auf seiner Weltreise hinüber in den Schwarzen Erdteil und macht in einer Hafenstadt Kenias, in Mombasa, Station. Der Name dieser Stadt prangt oft in europäischen Fremdenverkehrsprospekten. Leider auch als Ziel einer entarteten Form des Tourismus, die man als Sextourismus bezeichnet und die sich in der bitter armen Bevölkerung billige Ware fürs Vergnügen holt. Aus diesem Grunde finanziert „Bruder in Not“ - in diesem Falle besser „Schwester in Not“ - ein Mädchenheim für Schülerinnen und weibliche Lehrlinge, damit der Ausweg ins würdelose Elend gestoppt wird. Und weil ein derartiges Heim bereits mit ausgezeichnetem Erfolg in Betrieb ist, ist die Errichtung des zweiten kein Experiment.

Und wieder geht der Scheinwerfer auf die Reise, hinunter zum südlichsten Punkt Südamerikas, dorthin, wo kürzlich die Kirche einmal im großen Stil Frieden stiften durfte. Unter dem Schiedsgericht des Papstes haben die Staaten Argentinien und Chile einen uralten Streit um Inseln begraben. Unsere Hilfe betrifft die kleine Welt dieser Gegend. Es handelt sich um die Errichtung von Gemeinschaftswerkstätten für Frauen, deren Familien völlig einkommenslos sind. Auch hier ist mit geringen Mitteln vielen geholfen, die sich selber weiterhelfen.

Und noch einmal schwenkt der Lichtkegel hinüber nach Afrika und bleibt als Strahl der Hoffnung über einer 20.000-Seelen-Gemeinde im leidgeprüften Uganda stehen. Es gibt dort ein einziges Gesundheitszentrum, das völlig ungenügend ist. Derzeit bleiben viele der kranken Kinder neben der armseligen Hilfsstation liegen. Sie sind zu schwach, um heimzugehen, und zur Betreuung fehlen die Möglichkeiten. Mit einem verhältnismäßig bescheidenen Betrag soll diese Hilfsstation ausgebaut werden, und dann könnten viele gesund nach Hause geschickt werden, für die jetzt keine Hoffnung ist …

So wandert der Scheinwerfer von Tirol durch diese weite, manchmal so bedrückende Welt. Ich bitte Euch um Eure Hilfe, so gut es eben jeder vermag, damit der Lichtstrahl der Hoffnung weiter kreisen kann. Bis jetzt war die Spendenbereitschaft dankenswerterweise immer so groß, dass die Reise der Hilfsbereitschaft noch viel weitergehen konnte als geplant. Sicher können wir immer nur in einer bescheidenen Weise die Not erleichtern. Aber wir sind ja nicht allein. In allen Nachbardiözesen und Nachbarländern beginnt in diesen Adventtagen auch das große Spiel des Lichtes. In den Augen des Menschensohnes, der die Armen liebte, ist das schon das schönste Vorspiel zur Feier seiner Geburt. Für die kommenden Festzeiten wünsche ich Euch von Herzen Gottes Segen.

 

Innsbruck, 13. November 1984

Reinhold Stecher

Bischof von Innsbruck

 

Die Originaldatei zum Downloaden

powered by webEdition CMS