Bischof Stecher Gedächtnisverein

Fastenhirtenbrief "Christ sein in der modernen Gesellschaft"

1. März 1984

Liebe Gläubige!

Gerade in einem Jubiläumsjahr des Landes, in dem der Blick in die Vergangenheit zurückschweift, kommt uns zum Bewusstsein, wie sich die Zeiten geändert haben. Die Kirche des Jahres 1984 ist in einer ganz anderen Situation als die Jahrhunderte vorher. Sie lebt in einer Welt, die zwar die Spuren christlichen Erbes vielerorts aufweist, die aber in vielen Bereichen keineswegs mehr christlich geprägt ist. Diese Situation erfordert von einzelnen Gläubigen wie von der Kirche als Ganzes neue Haltungen und Einstellungen. Das Christsein in dieser unserer Welt bringt neue Chancen und neue Belastungen.

Über eines der eindrucksvollsten Bauwerke unserer Heimat, der Europabrücke, rollt Tag und Nacht der ruhelose Verkehr eines ganzen Kontinents. Aber diese Brücke, die so viel aushalten muss, liegt auf Pfeilern, die tief im Felsen des Untergrunds verankert sind. So braucht unser Christsein in dieser belastenden und bewegten Zeit Tugenden, die wie mächtige Pfeiler tief aus dem Felsengrund der Liebe erwachsen. Auf zwei dieser Pfeiler des Christseins in unserer Gesellschaft möchte ich heute hinweisen: den tiefen, vitalen Glauben und die Toleranz. Vielleicht ist mancher verwundert, dass ich diese beiden Haltungen miteinander nenne, weil sie fast widersprüchlich erscheinen. Aber das wäre nur möglich, wenn man sie mit ihren Zerrbildern verwechseln würde: den tiefen, vitalen Glauben mit einem blinden Fanatismus und die Toleranz mit einer gleichgültigen Charakter- und Meinungslosigkeit.

Der tiefe, lebendige Glaube ist im letzten ein Geschenk. Wir beten nicht umsonst gleich nach der Verlesung dieses Briefes und an jedem Sonntag des Jahres das Glaubensbekenntnis. Das ist eine immer wieder erneuerte Bitte um das Geschenk des Glaubens. Wir spüren heute, dass der Glaube ein Geschenk ist, schon deshalb, weil er nicht einfach selbstverständlich ist. Auch bei so manchem kleinen Tiroler liegt der Glaube nicht mehr als selbstverständliche Mitgift der Familie und der Umgebung in der Wiege. Es gibt zwar nicht viele areligiöse Menschen, die sich als solche bezeichnen möchten, aber der Glaube verblasst bei vielen zu einer vorübergehenden, hie und da durchbrechenden religiösen Stimmung, zu einem halbherzigen „Ja ja, irgend etwas muss es ja schon geben …“, zu einer dumpfen Sehnsucht, wenn das Gefühl von Leere und verlorenem Glück über einen Menschen hereinbricht.

Wir erfahren heute den tiefen Glauben an Christus deutlicher als Geschenk, weil er in diesem so weitverbreiteten Defizit an Sinn und innerem Halt das Lehen offenkundig reicher und heller macht. Sicher ist auch das Leben des Glaubenden nicht problemlos, aber es bekommt doch alles mehr Ziel und Sinn. Es ist so ähnlich, wie wenn man mit einem Skilift an einem Wintertag langsam aus der Nebelsuppe des Tales auftaucht. Auf einmal wird es heller, die Züge der Landschaft werden deutlich, die Sonne schimmert durch. Die volle Klarheit haben wir zwar in dieser Welt nie, aber wir erleben im Glauben den Durchbruch eines neuen Lichts, das die Welt nicht geben kann. Das Leid bekommt einen Schimmer von Hoffnung, wie die Strahlen hinter den Schattenrissen dunkler Bäume im Nebel, das anscheinend blinde Schicksal wird zur Vorsehung, das Gewissen kann sich deutlicher orientieren, Feste und Zeiten bekommen Farbe und Inhalt, die lähmende Kälte der Schuld spürt den wärmenden Strahl der Barmherzigkeit, der Tod wird zur Heimkehr - unser ganzes armseliges Dasein erfährt einen unwiderruflichen Trend zum „Aufwärts“, von einer geheimnisvollen, mächtigen Kraft gezogen. Auch als gläubige Menschen fahren wir noch im Nebel, aber diesen Nebel erhellen die österlichen Spiele des Lichts.

Allerdings kann dies alles nur der tiefe Glaube bringen. Weil ich vorhin das Bild vom mächtigen Brückenpfeiler verwendet habe, der sich tief in den Felsengrund krallt: Das soll uns daran erinnern, dass der Urgrund unseres Glaubens der sich offenbarende Gott ist. Weil Er gesprochen und weil Er sich uns in Christus geschenkt hat, darum glauben wir. Die Kirche ist von Christus nur als Verkünderin und Hüterin dieses Glaubens in die Geschichte gesandt worden. Wir glauben keiner anonymen Institution, wir glauben Ihm und vertrauen auf Ihn.

Der Glaube ist also ein Geschenk. Aber die Geschenke Gottes haben sehr oft den Charakter eines Talentes, für das man und mit dem man etwas wirken und tun muss, wie es das Gleichnis von den Talenten in der Heiligen Schrift darlegt.

Das heißt also, dass wir für die Bildung und das Wachsen im Glauben heute etwas tun müssen. Das reicht von der guten Lektüre bis hin zu Aktivitäten der katholischen Erwachsenenbildung, des Bildungswerkes, des Stephanuswerkes und der Bildungshäuser. Für besonders Interessierte gibt es das theologische Fernstudium, das in Österreich eine große Tradition hat. Wir müssen beten, dass der Glaube in Predigt und Religionsunterricht glaubwürdig verkündet wird. Wir brauchen auch das Glaubensgespräch in den Jugendgruppen, den verschiedenen Runden und Organisationen und in den Familien. Und schlussendlich wird am wichtigsten sein, dass man aus dem Glauben heraus lebt: in der Liturgie, im persönlichen Gebet, in den Sakramenten, im Einsatz für die Sache Gottes und im Brauch der „Hauskirche“.

Wer sich hörend, sinnend, lesend, prüfend, handelnd und betend auf das Abenteuer des Glaubens einlässt, für den wird das Wort der Schrift gelten: Wer sucht, der findet.

Wir brauchen diesen festen Pfeiler des Glaubens, weil wir in dieser Welt von heute in manchen Bereichen doch die Kraft haben müssen, anders als die anderen zu sein. Christus hat uns davor gewarnt, in dieser Welt gleichförmig zu werden. Und darum, liebe Gläubige, musste ich zuerst von diesem tiefen Glauben sprechen, der uns Freude und Vertrauen ins Herz und Profil in der Welt gibt. Aber Jesus hat uns auch gelehrt, aus der Kraft der Wahrheit heraus gegenüber anderen verständnisvoll, geduldig, offen und zurückhaltend mit dem Urteil zu sein. Davon soll am kommenden Sonntag die Rede sein.

 

Zum tiefen, festen Glauben muss sich in unserer Zeit eine weitere Tugend gesellen, die die Situation einer pluralistischen Welt erfordert: die Toleranz. Bei ihr geht es um die Weise, wie wir mit dem Andersgesinnten und dem Andersgläubigen zusammenleben.

Sie ist eine notwendige Tugend, wenn diese Welt ein menschliches Gesicht behalten soll.

Sie ist eine schwierige Tugend. Das geht schon daraus hervor, dass die Christen und die Kirche selbst einen langen Lernprozess mit vielen Irr- und Umwegen zu dieser Tugend hin zurücklegen mussten.

Sie ist eine moderne Tugend, für die vor allem auch die jüngere Generation ein feines Gespür hat. Sie ist allerdings auch eine oft verfälschte Tugend. Das Wort „Toleranz“ wird für alles Mögliche gebraucht, das in Wirklichkeit mehr Gleichgültigkeit und Charakterlosigkeit als Tugend ist.

Wenn auch das Wort „Tugend der Toleranz“ in dieser Form in der Schrift nicht genannt ist, so weht und lebt die Sache selbst doch durch die Bilder und Texte des Neuen Testaments. So ist die Rede davon, dass der Erlöser das geknickte Rohr nicht brechen und den glimmenden Docht nicht verlöschen wird. Bei den Seligpreisungen wird den Sanften verheißen, dass sie das Land besitzen werden. Christus warnt im Gleichnis vom Unkraut davor, dem Bösen mit unklugem Eifer und großer Ungeduld zu begegnen, und mit blindwütendem Jäten mehr Schaden als Nutzen anzurichten. Und Christus hat die damals so scharfen Grenzen zu Andersgläubigen, Außenseitern und sogenannten „Unreinen“ immer wieder überschritten: in der Begegnung mit den Zöllnern, im Gespräch mit der Samaeritanerin, die dreimal verheiratet war und nun einen Lebensgefährten hatte, in der Auseinandersetzung mit der heidnischen Mutter, deren Tochter er heilte, in der Begegnung mit dem Hauptmann von Kapharnaum und im Umgang mit den Sündern. Er hat in Liebe Schranken überschritten, um jenseits der Schranken in Liebe und Geduld Menschen zu verändern.

Es ist verständlich, dass der eine oder andere von uns das Wort „Toleranz“ mit einem gewissen Unbehagen hört. Ist das nicht ein Freibrief für Verschwommenheit und Inkonsequenz? Darum muss, so glaube ich, klar gesagt werden, was Toleranz nicht ist. Tolerant sein heißt nicht:

Keine eigene Überzeugung haben. Die eigenen Grundsätze, die man als richtig erkannt hat, aufgeben. Dem Irrtum gleichgültig gegenüberstehen. Die Verantwortung für die Gestaltung der Gesellschaft und der Heimat anderen überlassen. Der Willkür alle Bahn öffnen. Sich mit jedermann verbrüdern. Tolerant sein ist keine Neutralitätserklärung in weltanschaulichen Fragen. Tolerant sein schließt die Pflicht des Christen ein, für die Wahrheit einzutreten, zu überzeugen und missionarisch tätig zu sein. Toleranz ist kein fauler Friede.

Aber Tolerant sein heißt zunächst, vor dem anderen Menschen, seiner Freiheit und seinem Gewissen, eine tiefe Achtung zu haben. Darum ist die erste Grundlage der Toleranz eine gewisse Kultur des Gemüts. Dazu gehört, dass man von Kind auf lernt, alles zu vermeiden, was dem anderen in der Seele wehtun könnte. Da ich selbst mit vielen nichtkatholischen Schulfreunden aufgewachsen bin, darunter auch mit jüdischen Mitschülern in den dreißiger Jahren, weiß ich aus positiven und negativen Erlebnissen, wie wichtig die Pflege dieses Feingefühls von klein auf ist. Heute ist das vor allem aktuell in der Begegnung mit Gastarbeitern und ihren Kindern. Toleranz erstreckt sich natürlich nicht nur auf das Gebiet des Religiösen, sondern auf den gesamtmenschlichen Bereich. Übrigens ist Toleranz auch ein ausdrückliches Erziehungsziel der österreichischen Schule. Umso merkwürdiger mutet es an, wenn man heute manchmal im Namen einer eigenartig interpretierten künstlerischen Freiheit das Recht reklamiert, in verletzender Weise das herabsetzen zu dürfen, was anderen Mitbürgern heilig ist. Nur eine von allen Seiten respektierte Atmosphäre der Toleranz kann in unserer Gesellschaft so etwas wie eine Zivilisation der Liebe begründen. Dabei verträgt sich Toleranz durchaus mit gegenseitiger Kritik und weltanschaulicher Auseinandersetzung.

Toleranz braucht es auch in der Kirche selbst. Natürlich heißt das nicht, dass die Kirche in ihrem Namen und Rahmen alles lehren und gewähren lassen kann, was einem einzelnen einfällt. In wesentlichen Dingen muss Klarheit herrschen. Ein Reich, das in sich uneins ist, zerfällt.

Aber wir müssen heute bedenken, dass es bei den Menschen sehr verschiedene Stufen der Bindung zur Kirche hin gibt. Viele sind auf dem Wege, manche haben sich dem Glauben entfremdet, nähern sich ihm erst wieder nach langer Zeit. Da braucht es Feingefühl für die seelische Lage des anderen.

Wir brauchen Toleranz in den Fragen, in denen man nun einmal als Christ verschiedener Meinung sein kann. Niemand darf für einen schlechteren Christen gehalten werden, weil er den Zivildienst wählt, und niemand ist ein weniger treuer Befolger des Evangeliums, weil er in Österreich Soldat wird. Es ist ein Unrecht zu sagen, ein Gläubiger habe weniger Ehrfurcht vor Christus, weil er die Handkommunion bevorzugt. Und niemand ist altmodisch, wenn er als Erwachsener die Mundkommunion lieber hat. Beide sollen es in würdiger Haltung tun. Entscheidend ist die Haltung des Herzens. Intoleranz in Kleinigkeiten hat seit den Tagen Jesu die Gefahr pharisäischer Enge heraufbeschworen, die das Wesen der Botschaft verkennt.

Wir brauchen heute in der Kirche die Haltung der Toleranz gegenüber jenen, die z. B. in einer kirchlich nicht gültigen Ehe leben. Freilich darf die Kirche die Forderung Christi nicht verleugnen, gerade nicht in einer Zeit, die alle Bindungen auflösen möchte. Und darum kann die Kirche auch nicht alle Spannungen und Schwierigkeiten wegwischen, die sich aus einer derartigen Situation ergeben. Aber denken wir doch daran, dass im Einzelfall niemand hinter alle Gründe schauen kann, warum es so gekommen ist, und vergessen wir nicht, dass auch Menschen in dieser Lage zur Kirche gehören und viele Möglichkeiten haben, in ihrer Situation Gutes im Leben und in der Kirche zu tun.

Das Wort „Toleranz“ kommt vom lateinischen „tolerare“, d. h. „ertragen“. Dieses „Ertragen“ von Menschen, bei denen man in mancher Hinsicht ein „Nein“ sagen muss, mit denen man sich nicht einfach identifizieren kann, und die man als Menschen doch bejahen muss - das ist keine leichte Tugend.

Aber für den Christen gibt es einen tiefsten Grund für diese Haltung des Ertragens und Trotzdem-Jasagens zum anderen: Der letzte Grund für die christliche Tugend der Toleranz ist die Liebe des erlösenden Gottes, der eben zu jedem Menschen, der durch diese Welt wandert, immer wieder „ja“ sagt. So wie ein Bergbach unverdrossen Tag und Nacht, Jahr für Jahr um die Steinblöcke tost und strömt, so strömt die Liebe Gottes geduldig, kraftvoll und unablässig um die Herzen aller Menschen dieser Welt, auch dann, wenn diese Herzen wie aus Stein wären. In der Heiligen Schrift steht der Satz: „Seid vollkommen wie euer Vater im Himmel, der seine Sonne scheinen lässt über Gute und Böse, über Gerechte und Ungerechte ...“

Diese unendliche Liebe des erlösenden Gottes ist der Urgrund beider Säulen, auf denen das Leben des Christen in der Welt von heute ruht. Diese Liebe Gottes ist das Felsenfundament der Brückenpfeiler, die unser Christsein tragen: des tiefen, lebendigen Glaubens und der Toleranz.

 

Innsbruck, Aschermittwoch 1984.

Reinhold Stecher

Bischof von Innsbruck

 

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